Der Balkon

von Jean Genet

Aus dem Französischen von Peter Krumme

Politiker zeigen sich bei Gesprächen um eine gemeinsame Regierung demonstrativ auf dem Balkon. Nähe zueinander und Distanz zum Volk in einem Bild. Beeinflussen solche Inszenierungen unser Denken?

"Der Balkon" stellt die Frage nach der Macht der Bilder in Form einer Verwechslungskomödie. Madame Irma bietet den Besuchern in ihrem Bordell nicht nur Sex, sondern auch die Gelegenheit, in neue Identitäten zu schlüpfen. Gegen Bezahlung werden in der Nacht Bürger zu Bischof, Richter oder General und inszenieren das Leben als Illusion. Gleichzeitig tobt in den Straßen der Stadt ein Aufstand um die Macht im Staat. Der Polizeipräsident flüchtet vor den Kämpfen zu seiner ehemaligen Geliebten Irma. Sie begreift die Rolle des Bordells nüchtern als Institut zu Befriedigung männlicher Allmachtsphantasien – er wiederum hält die Revolution für ein Spiel. Die Aufständischen stürmen das Schloss, suchen die verschwundene Königin und machen Chantal, eine ehemalige Hure, zu ihrer Jeanne d´Arc. Um die Rebellion niederzuschlagen, bedient sich ein plötzlich aufgetauchter "Gesandter" mithilfe des Polizeipräsidenten eines Tricks. Sie lassen die Freier in ihren Verkleidungen als Bischof, Richter und General und Irma als Königin auf den Balkon des Hauses treten. Das Balkonbild mit den Kostümierten vermittelt den Eindruck, die Revolution sei gescheitert. Der Coup gelingt. Das Volk folgt den Bildern, nicht den Ideen. Der Schein bestimmt das Bewusstsein. 

Jean Genet (1910-1986) war Dieb, Zuhälter und Fremdenlegionär, bevor er mit dem Schreiben begann. Zu lebenslanger Haft verurteilt, später begnadigt, war er für den Philosophen Jean-Paul Sartre "Saint Genet", der Heilige der Hölle, der Prototyp des antibürgerlichen Existentialisten. Mit seinem Stück "Der Balkon" von 1956 wurde der Verächter aller Konvention zum Klassiker wider Willen. Der kroatische Regisseur Ivica Buljan, der bereits Pasolinis "Der Schweinestall" im Marstall herausbrachte, inszeniert das Stück. 

  • premiere 22 Feb 18
  • Vorstellungsdauer ca. 3 std. 20
  • eine pause
  • Regie Ivica Buljan
  • Künstlerische Mitarbeit Robert Waltl
  • Bühne Aleksandar Denić
  • Kostüme Ana Savić Gecan
  • Musik Mitja Vrhovnik-Smrekar
  • Licht Martin Feichtner
  • Dramaturgie Laura Olivi
mit

4 Premieren in 10 Tagen

Premierenrausch auf allen Resi-Bühnen mit "Der Balkon", "Ein Volksfeind", "Erschlagt die Armen!" + "Am Kältepol"

Innerhalb von 10 Tagen feiern 4 Neuinszenierungen auf den Bühnen des Residenztheaters Premiere: "Der Balkon" von Jean Genet ab 22. Februar im Marstall, Ibsens "Ein Volksfeind" ab dem 24. Februar im Resi, ab dem 2. März das Solo "Erschlagt die Armen!" im Marstall und die Uraufführung von Warlams Schalamows Erzählungen aus dem Gulag "Am Kältepol" am 3. März im Cuvilliéstheater.

4 Premieren in 10 Tagen

Fliegendes Blatt 09/16

Nora Gomringer

Zauberspruch

Scheinst nach außen ganz anders,
bist zweimal gewendet, dann
dreimal im Ja, dreimal im Nein.

Fliegendes Blatt 09/16

DER BALKON

Inhaltsangabe

Der Balkon als Bühne für Politiker, die Nähe zueinander signalisieren wollen. Gleichzeitig zeigen solche Bilder die Distanz zum Volk, das nur ahnen kann, was dort gespielt wird. Spiegeln solche Inszenierungen unser Denken? Wird das Reale in Repräsentation und das Begehren in Bilder verwandelt, wie der Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Lacan Jean Genets Komödie "Der Balkon" sieht? Tatsächlich stellt Genets Stück die Frage nach der Macht der Bilder in Form einer Verwechslungskomödie. Madame Irma bietet den Besuchern in ihrem "Haus der Illusionen" nicht nur Sex, sondern auch die Gelegenheit, in neue Identitäten zu schlüpfen.

DER BALKON

Der Balkon Programmheft Auszug (PDF)

Der Balkon Programmheft Auszug (PDF)
Bild

"Die Kunden wollen ernste Zere-monien." Jean Genet, "Der Balkon"

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