Das Residenztheater (Bayerisches Staatsschauspiel) ist eines der traditionsreichsten und mit einem Ensemble von über 50 Schauspieler*innen und mehr als 450 Mitarbeiter*innen größten Sprechtheater im deutschsprachigen Raum. Seine Historie beginnt im 18. Jahrhundert als Kurfürstliches Hof- und Nationaltheater. Bespielt werden drei Spielstätten: das Residenztheater am Max-Joseph-Platz mit 881 Plätzen, das Cuvilliéstheater mit 437 Plätzen und der Marstall mit ca. 146 Plätzen, alle in unmittelbarer Nachbarschaft der Residenz im Herzen Münchens. Seit 2019 ist Andreas Beck Intendant. Das Residenztheater unter seiner künstlerischen Leitung steht für ein Ensembletheater, das den Schwerpunkt auf zeitgenössische Dramatik mit Uraufführungen und Neudichtungen neben der Pflege eines klassischen Repertoires legt. Klassische Stoffe und Texte werden aus dem Hier und Jetzt heraus befragt und erfahren eine Neudichtung oder Übertragung. Mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers für das Residenztheater als Auftragswerk entstandenem Theatertext «Die Verlorenen» wird die erste Spielzeit der neuen Intendanz am 19. Oktober 2019 im Residenztheater eröffnet.

Herzlich Willkommen!

Ihre Neugierde freut uns, mein Team und mich.

Und glauben Sie uns – wir sind ebenso neugierig auf Sie! Wir, das sind nicht nur die vielen Neuen – im Ensemble und im Team hinter, vor und auf der Bühne –, sondern auch viele Gebliebene, bekannte und beliebte Gesichter von Künstler*innen und Mitarbeiter*innen am Haus.

 

Ein Neubeginn ist immer ein Auf- und Umbruch. Die Verabredung einer ersten Spielzeit ist nicht nur eine mit Ihnen, unserem Publikum, sondern auch eine mit der Geschichte, den Traditionen dieses besonderen Theaters. Gerade an einem Neubeginn stellt sich die Frage: Wofür stand das Residenztheater, wofür steht es – und wofür könnte es in Zukunft stehen? Welche Stoffe und Stücke, welche Interpretationen und Kunstgriffe sollen das Residenztheater prägen? Dabei gilt der Auftrag, für all das einen zeitgemäßen Ausdruck zu suchen, Neues, Nichtdagewesenes zu wagen und unterschiedlichste Handschriften und Stile zu befördern.

Neben dem Aufbau von Ensemble und Team galt der größte Teil unserer Vorarbeiten dem neuen Programm. Thematisch kreisen wir dabei um eine vermeintlich lapidare Frage:
 

Was ist (uns) der Mensch?

 

Wie erleben wir uns als Mensch unter Menschen, wie ringen wir mit und umeinander, nach welchen Maßstäben und Kriterien agieren und leben wir? Was ist – brutal gefragt – der Wert des Menschen? Wer sind wir allein und unter anderen, was sind unsere Erwartungen an die andere oder den anderen, und was sind wir bereit, für andere zu sein oder zu tun? Viele Stücke beziehungsweise Stoffe unserer ersten Spielzeit beschäftigen sich mit Aspekten dieser immer wieder neu zu stellenden Fragen. Dabei geht es nicht darum, sie vorschnell zu beantworten, sondern präzise(r) zu formulieren.
 

Spielerisch mit einigen unserer Stücktitel gesprochen, könnte das vielleicht heißen: Was ist «Der Preis des Menschen»? Sind wir «Verlorene» oder bloß «eingebildet(e) Kranke»? Sind dies alles «Kassandra»-Rufe, die im «Spiel des Lebens» ungehört verklingen? Wie überbrücken und verbinden wir Gräben, den «Riss durch die Welt»?


In unserer Auseinandersetzung mit der Gegenwart ist uns wichtig, neue Dramatik zu initiieren und die großen und bekannten (aber auch die immer weniger bekannten) Stoffe einer rund zweitausendfünfhundert Jahre alten Literatur nicht außer Acht zu lassen. Den Wert des sogenannten Klassikers zu überprüfen und Stoffen, denen droht, vergessen zu werden, wieder eine Bühne zu bieten, ist unser Anliegen. Dabei wollen wir Stücke und Stoffe aus unserem Leben, unserer Zeit heraus begreifen. Das mag zwar selbstverständlich klingen, bedeutet aber nicht selten eine radikale (Um-)Deutung oder Neuübertragung/ Übersetzung aus unserem Zeitverständnis und Lebensgefühl heraus. Die Frage: Was ist dramatisch? – richtet sich nicht nur an die Textart oder -sorte, sondern auch an den Entstehungs-und Produktionsprozess. Im Zentrum stehen dabei immer die Schauspieler*innen und ihre Kunst. Schreibweise und Spielweise, das inspiriert sich immer gegenseitig. Miteinander weniger einen Stil als vielmehr eine deutliche Handschrift, genauer gesagt Handschriften zu finden, die letztlich für unser Theater stehen, das möchten wir versuchen. Aus uns allen ein neues Ensemble und Team zu formen und dem Residenztheater mit seinen drei so unterschiedlichen Spielstätten ein zeitgemäßes Gesicht zu geben, das wird unsere Herausforderung sein. Wir freuen uns, wenn Sie Lust und Neugierde haben, uns auf diesem Weg zu begleiten.

Ihr Andreas Beck