Werther

Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode
Residenztheater, 19.30 Uhr
Do 06 Okt
Residenztheater, 20.00 Uhr
Fr 14 Okt
Residenztheater, 19.30 Uhr
Mi 26 Okt
WERTHER
Ein theatralischer Leichtsinn von Johann Wolfgang Goethe mit Texten von Karoline von Günderrode
Premiere 22. Juni 2022
Residenztheater
1 Stunde 30 Minuten
Keine Pause
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

«Die Leiden des jungen Werther» geriet 1774 in ganz Europa zur literarischen Sensation und machte den erst 25-jährigen Goethe über Nacht zum Star der jungen Stürmer und Dränger. Ursprünglich wollte Goethe den Stoff über Werthers unerfüllte Liebe zu Lotte als Bühnenstück bearbeiten, entschied sich schließlich aber für die Form des Briefromans. Die Regisseurin Elsa-Sophie Jach greift Goethes verworfene Idee auf und transferiert in ihrer Werther-Bearbeitung das liebeskranke Alter Ego Goethes auf die Bühne. «WERTHER. Ein theatralischer Leichtsinn» erweitert dabei den erstaunlich modernen, flirrenden Goethe‘schen Gefühlsrausch um Texte einer Zeitgenossin Goethes: Karoline von Günderrode. Ihre eigenwillige, melancholische und hochpoetische Dichtung, die ihr die Bezeichnung «Sappho der Romantik» einbrachte, trifft mit ihrer emanzipatorischen Radikalität auf den emotionalen Überschwang von Goethes tragischem Anti-Helden.

Trailer

ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE

EIN GESPRÄCH MIT REGISSEURIN ELSA-SOPHIE JACH

«Die Leiden des jungen Werthers» geriet 1774 zur literarischen Sensation und machte den erst 25-jährigen Goethe über Nacht zum Star der jungen Stürmer und Dränger. Wie erklärst du dir diesen (bis heute andauernden) Erfolg?

Ich glaube, dass der Sturm und Drang eine große Gegenbewegung war zur Rationalisierung im Zuge der Aufklärung. Das Gefühl gerät in den Vordergrund. Dem trägt Goethe in seinem Briefroman auf eine soghafte Art Rechnung. Als Leser*in hat man den Eindruck, einer sehr persönlichen Schilderung beizuwohnen, und das nimmt eine Generation, die sich nirgends zu Hause fühlt, so stark mit. In einer rationalisierten Welt, die kälter oder weniger zugänglich geworden ist, existieren Menschen, die darin keinen Platz finden. Sie suchen nach einer anderen Form des Ausdrucks, nach einer anderen Form der Verständigung – vielleicht gerade durch die Kunst. Und diesbezüglich hat Goethes «Werther» einen Nerv getroffen, als wäre diese Form der radikalen Ungehörigkeit, der radikalen Liebe, der radikalen Sehnsucht und des Selbstmordes der einzige Weg, sich der aufgeklärten Welt entgegenzustellen. Was uns daran heute noch berührt oder wieder berührt, ist ein ähnliches Gefühl. Man könnte sagen, dass wir uns in einer «Zeit der Ebbe» befinden. Eine Zeit, die so wirkt, als wären keine politischen Utopien mehr vorhanden. Klar definierte Ziele im Sinne von Wachstum und Wohlstand, die die letzten Jahre noch existierten, sind brüchig geworden. Jetzt ist eine Periode der Vereinzelung, Vereinsamung, Verunsicherung, des Zusammenbruchs angebrochen.

Ursprünglich wollte Goethe den Stoff über Werthers unerfüllte Liebe zu Lotte als Bühnenstück bearbeiten. Du greifst Goethes verworfene Idee auf und transferierst in deiner Bearbeitung das liebeskranke Alter Ego Goethes auf die Bühne. Inwiefern eignet sich «Die Leiden des jungen Werthers» zur Dramatisierung?

Einerseits, weil es mit dem Brieffreund Wilhelm einen klaren Adressaten gibt – es ist eine Ansprache an jemanden, die sich sehr gut für ein Publikum eignet. Und andererseits machen die zeitlichen Sprünge in den Briefen tatsächlich eine ganz große Dramatik in der Handlungsentfaltung auf. Durch die Form rutscht
man gemeinsam mit Werther immer tiefer in diese Spirale, in der er sich befindet.

Und wie gehst du mit der Rahmung des «Werther» und der Funktion des Herausgebers bei Goethe um?

Der Herausgeber im eigentlichen Sinne kommt in unserer Inszenierung nicht mehr vor. Es gibt dennoch eine Rahmung – wenngleich auch eine andere als im Original – durch einen historischen Einstieg, durch historische Quellen, die die sogenannte Selbstmordwelle thematisieren, die der «Werther» auslöste. Wir stellen schlaglichtartig einzelne Fälle vor und verweilen dann etwas länger bei Karoline von Günderrode.

Du erweiterst den erstaunlich modernen, flirrenden Goethe’schen Gefühlsrausch um die eigenwillige, melancholische und hochpoetische Dichtung seiner Zeitgenossin Karoline von Günderrode. Was interessiert dich an dieser Autorin, die man als «Sappho der Romantik» bezeichnet?

Karoline von Günderrode, die in einer ganz ähnlichen Konstellation war wie Goethes Romanfigur, nämlich in einem unglücklichen Liebesdreieck, und sich deshalb möglicherweise auch mit Werther identifizieren konnte, hat sich nach der Lektüre des «Werther» tatsächlich umgebracht. In unserer Fassung montieren wir ihre Gedichte in den «Werther» und geben so einer literarischen Außenseiterin Raum, deren Werke heute zu großen Teilen vergriffen sind. Günderrode greift ähnliche Themen wie «Werther» auf, führt diese aber noch radikaler fort. Besteht eine Möglichkeit, auf die Welt einzuwirken? Oder sollte man sich nur noch in den Brunnen der eigenen Phantasie, wie sie das nennt, zurückziehen? Werther ist gewissermaßen gefangen in seiner Vorstellung von romantischer Liebe. Lotte ist für Werther Projektionsfläche und Leerstelle. Es gelingt ihm nicht, mit Lotte tatsächlich in einen Dialog zu treten. Und wir stellen diesen fehlenden Dialog in unserer Inszenierung eben über Karoline von Günderrodes Gedichte her, die die Frage nach Liebe noch einmal ganz anders verhandeln als «Werther», der dann doch im männlichen Blick des leidenden Künstlers und Genies verhaftet bleibt. Ich glaube, dass es schön ist, dem etwas entgegenzusetzen, aber nicht im Sinne eines Vorwurfs, sondern im Sinne einer «Verschwesterung» dieser Texte.

Könnte man «Die Leiden des jungen Werthers» als (frühes) popkulturelles Phänomen bezeichnen und das Bühnen- und Kostümbild von Aleksandra Pavlovic als diesbezügliche Referenz?

Wir haben nach einem Element des Rausches gesucht bzw. nach einem Element, in dem sich unser Protagonist vielleicht verlieren kann. Sowohl bei Goethe als auch bei Günderrode steht dem von der Gesellschaft Unverstandenen und der von der Welt Ausgeschlossenen die Natur als tröstendes Element zur Verfügung. Wo man sich verlieren, spiegeln und auch aufgehoben fühlen kann. Wir haben nach einem vergleichbaren Element in der heutigen Zeit gesucht und sind beim Techno gelandet. Deshalb hat die Bühne gewissermaßen beide Elemente. Sie hat als starke Naturzitate Blumen und die Farbe Grün, die sehr dominant sind, aber eben auf eine künstliche Art, die an einen technoiden Raum, vielleicht einen Club erinnert. Auch das musikalische Konzept von Max Kühn und Roman Sladek greift beides auf. Der Sound ist einerseits Ausdruck von Werthers Innenleben, andererseits treibend wie in einem Club, allerdings auf ungewöhnliche Weise, weil das Schlagzeug bewusst weggelassen wurde. Wir verwenden auf der Bühne eine Bassklarinette, einen Synthesizer, ein Klavier, die eine clubhafte Atmosphäre ohne Schlagzeug generieren. Das Interessante ist, dass der Beat gerade durch die Auslassung, durch die Lücke entsteht. Und das passt wiederum sowohl zu Karoline von Günderrode, die in ihrem Gedicht- und Prosaband «Ein apokalyptisches Fragment» die Lücke in der Sprache sucht, als auch zu Werther, der in seiner sich nie einlösenden Liebe zu Lotte ja auch genau dieses Moment der Lücke beschreibt. Vielleicht ist Werther aber gar nicht fähig zur Liebe. Die sich daraus ergebenden Fragen sind durchaus heutig: Wie sehr muss ich bei mir sein? Wie sehr muss ich in mir ruhen? Wie weit geht meine Freiheit? Finde ich Freiheit in mir oder finde ich sie in der Begegnung mit jemand anderem? Oder ist diese Begegnung immer schon eine Beschränkung und Einschränkung? Was ist Liebe? Ist Liebe Arbeit? Kann sie im Kleinen, Alltäglichen stattfinden – eben nicht so idealisiert, wie Werther sich das vorstellt? Oder findet seine Liebe nur in der Phantasie statt? Nur in seinem Seelenleben? Ich glaube, das sind Fragen, die auch heute noch sehr aktuell sind.


Das Gespräch führte Dramaturgin Constanze Kargl.

Künstlerische Leitung

Inszenierung Elsa-Sophie Jach
Bühne und Kostüme Aleksandra Pavlović
Komposition und Musikalische Leitung Max Kühn,  Roman Sladek
Licht Barbara Westernach
Dramaturgie Constanze Kargl

Besetzung

Bettina Maier
Synthesizer und Bassklarinette
Sarah Mettenleiter
Synthesizer und Klavier

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