Rückkehr in die Wüste

von Bernard-Marie Koltès

Deutsch von Simon Werle

Für den Industriellen Adrien Serpenoise ist der Boden unter seinen Füßen der "Mittelpunkt der Welt". Er erklärt sein Beharren auf allem Vertrauten und Nationalen seinem Sohn Mathieu, den er hinter den Mauern des Familienbesitzes vor fremden Gefahren verborgen hält. Doch Mathieu will die Wüste der französischen Provinz verlassen. Sein Cousin Edouard hat ihm von Algerien und dem Krieg erzählt. Adriens Schwester Mathilde ist mit ihren beiden Kindern aus Nordafrika in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Ihr Bruder kümmert sich dort seit fünfzehn Jahren um den gemeinsamen Familiensitz. Jetzt fordert Mathilde ihr Erbteil ein – und sie will Rache. Mit Hilfe seiner Freunde, die heute alle gut situierte Bürger der Provinzstadt sind, hatte Adrien damals seine Schwester und ihren unehelichen Sohn aus der Stadt vertrieben. Jetzt sind, nach Meinung der Freunde, die Algerier dran. Mathilde dagegen fühlt sich in Frankreich und Algerien als Fremde und fragt sich, ob Heimat "der Ort ist, wo man nicht ist". In einer aberwitzigen Farce streitet sie mit ihrem Bruder Adrien um den Familienbesitz. Dann explodiert im arabischen Café eine Bombe und ein Sondertrupp der Armee sorgt für Friedhofsruhe in der französischen Provinz. 

Zwei Jahre vor seinem frühen Tod schrieb Bernard-Marie Koltès (1948-1989) sein Theaterstück "Rückkehr in die Wüste", das er selbst im Sinne Tschechows eine Komödie nennt. Er verarbeitete darin früheste Jugenderinnerungen. Koltès ist in Metz aufgewachsen. Sein Vater war Offizier, "rechts natürlich", und sein gutbürgerliches Gymnasium lag mitten im arabischen Viertel. "In Metz ist das sehr hochgekocht, we en der Stahlindustrie gab es eine riesige arabische Gemeinde. Während der ganzen Zeit, in der Cafés in die Luft flogen, gingen wir unter Polizeischutz zur Schule.“ Koltès hatte den Algerienkrieg aus der Distanz erlebt und die Schutzburg der bürgerlichen Familie gleich nach dem Abitur verlassen. Mitte der 1980er Jahre wurde er zu einem international erfolgreichen Schriftsteller, der mit seinem schonungslosen Blick auf die Vorurteile gegen alles Fremde sowie einem grundsätzlichen Misstrauen seiner Figuren gegenüber der Möglichkeit eines gesellschaftlichen Zusammenhalts von aktuellem Interesse ist. Selbstbezogene Bürger nehmen ihre Sicherheit und ihre Zukunft in die eigene Hand und bekunden ihren Vertrauensverlust an Staat und Gesellschaft mit der "Rückkehr in die Wüste" eines hinter kamerabestückten Wohnanlagen gesicherten, privaten Glücks.

Residenztheater
  • So 12. Nov 17, 15:00 Uhr
  • premiere 27 Mai 17
  • Vorstellungsdauer ca. 2 std. 30
  • eine pause
  • Regie Amélie Niermeyer
  • Bühne Alexander Müller-Elmau
  • Kostüme Annelies Vanlaere
  • Musik und Komposition Fabian Kalker
  • Licht Gerrit Jurda
  • Video Jan Speckenbach
  • Dramaturgie Andrea Koschwitz
mit

Kinderbetreuung

Ab 3 Jahren

Während die Eltern oder Großeltern eine Sonntagnachmittagsvorstellung besuchen, werden ihre Kinder oder Enkelkinder ab 3 Jahren kostenlos betreut. Die älteren Kinder erwartet dabei ein theatrales Programm mit Improvisation, Musik und Bewegung.

Kinderbetreuung

Kurt-Meisel-Preis 2017 an Thomas Loibl

Förderpreise an Nora Buzalka und Thomas Lettow

Ensemblemitglied Thomas Loibl wurde mit dem diesjährigen Kurt-Meisel-Preis des Vereins der Freunde des Residenztheaters ausgezeichnet. Die Mitglieder des Vereins würdigen damit seine herausragenden schauspielerischen Leistungen am Residenztheater. Die Förderpreise für junge Theatertalente gehen in diesem Jahr an Nora Buzalka und Thomas Lettow, die beide seit 2014 dem Ensemble angehören.

Kurt-Meisel-Preis 2017 an Thomas Loibl

Füße sind nicht dazu da, sie in den Boden zu stecken

Bernard-Marie Koltès' "Rückkehr in die Wüste" spielt im Frankreich zu Zeiten des Algerienkriegs, der Fremdenhass und rechten Terror in die Provinz bringt. Auch heute keimt rassistisches Gedankengut in der Provinz. MEHR ...
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