Erschlagt die Armen!

von Shumona Sinha

Deutsch von Lena Müller

In einem Pariser Gefängnis sitzt eine junge Frau in Untersuchungshaft: In der Nacht hat sie in der Métro einem Migranten, der sie zuvor beleidigt hatte, eine Weinflasche über den Kopf gehauen. Nun wird sie vernommen und versucht, sich selbst zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Einige Jahre zuvor war sie als Einwanderin nach Paris gekommen, wo sie inzwischen als Dolmetscherin in einer Asylbehörde tätig ist. „Assommons les pauvres!“ – „Erschlagt die Armen!“ nannte Charles Baudelaire 1865 ein Prosagedicht, in dem ein Mann einem Bettler auf den Kopf schlägt. Titel und Geste hat die Schriftstellerin Shumona Sinha für ihren Roman übernommen, in dem sie die Kehrseite des Asylsystems mit wütendem Blick seziert. Was treibt eine Frau, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht – und ist angewidert vom System, dessen Teil sie geworden ist. Denn in ihrer Arbeit hat sie die Seiten gewechselt. Sie ist mehr und mehr eine Beamtin geworden, die in jeder der Geschichten eine Lüge sucht, ausgedacht, um die Hürde der Asylbewilligung zu überwinden. Tagtäglich wiederholen sich dabei für sie in den Geschichten der Asylbewerber genau das Elend der Heimat und die Übermacht der Männer, vor denen sie geflohen ist. 

„Dass eine weiße Frau sie befragt, nehmen die Männer noch hin, aber eine dunkelhäutige Frau, die aus der gleichen Region stammt, das ist für sie zu viel. Da ich aus Indien komme, Frau bin und mich strikt an die Arbeitsregeln halte, bestand von vornherein eine große Spannung. Ich habe viel Wut abbekommen und es hat mich sehr traurig gemacht.“ Sie selbst wird immer mehr zu einer Fremden in den Augen der Beamten, aber auch für ihre ehemaligen Landsleute. Denn sie ist eine, die es geschafft hat. Schließlich gibt es für sie in der menschenverachtenden Enge ihrer Welt keine andere Reaktion als den Angriff. Das Geflecht von Lüge und Repression wird für die Protagonisten immer absurder, „wie in einem Volkstheaterstück“. So beschreibt die 1973 in Kalkutta geborene Autorin die groteske Handlung in ihrem zornigen Roman. Shumona Sinha war selbst als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Nach der Veröffentlichung von „Erschlagt die Armen!“ 2011 verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde. 

Zino Wey, 1988 in der Schweiz geboren, inszeniert nach Regiearbeiten in Mannheim, Basel, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspielhaus Zürich den mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichneten, brisanten Gegenwartstext. 

  • premiere 02 Mär 18
  • Regie + Bühne Zino Wey
  • Kostüme Veronika Schneider
  • Musik Ole Brolin
  • Licht Monika Pangerl
  • Dramaturgie Andrea Koschwitz

"Has the world changed, or have I changed?"

Eines Morgens, aus unruhigen Träumen erwachend, im Ohr die alte Liedzeile: "Has the world changed, or have I changed?" Es ist der Petersburger Blutsonntag 1905, Berlin im Novemberregen 1923, ein Junitag im Jahr 1483 in London oder New York in den späten 1980ern. Und auch die schönen Tage von Aranjuez sind bereits vorbei.

"Has the world changed, or have I changed?"

NEUE DRAMATIK FÜR NEUE DYNAMIKEN: Die Spielzeit 2017/18 am Resi

Intendant Martin Kušej stellte am 26. April im Rahmen einer Pressekonferenz das Programm für die kommende Spielzeit 2017/18 vor. Der Spielplan folgt der politischen und gesellschaftskritischen Ausrichtung des Residenztheaters, dabei stehen viele Deutschsprachige Erst- und Uraufführungen auf dem Spielplan.

NEUE DRAMATIK FÜR NEUE DYNAMIKEN: Die Spielzeit 2017/18 am Resi

Spielzeit 2017/2018

Hier finden Sie eine Übersicht über die Premieren und geplanten Projekte der Spielzeit 2017/18 am Residenztheater! Weitere Infos zu den einzelnen Inszenierungen finden Sie auch in unserem neuen Spielzeitheft, das ab sofort in unseren Spielstätten für Sie bereit liegt und das Sie hier herunterladen (PDF) oder hier direkt online durchblättern können.

Spielzeit 2017/2018