Das Kongo Tribunal

München Symposium

Film und Diskussion mit Milo Rau und Gästen

Seit über 20 Jahren verwandelt ein unüberschaubarer Bürgerkrieg ein Gebiet von der Größe Westeuropas in eine Hölle auf Erden. Ausgelöst vom ruandischen Genozid 1994 hat der aufgrund der direkten oder indirekten Verwicklung aller Großmächte unserer Zeit auch als "Dritter Weltkrieg" bezeichnete Kongokrieg bereits über 6 Millionen Tote gefordert. Nirgendwo sonst auf der Welt überlagern sich die globalen Interessen aller großen Nationalökonomien mit lokalen Machtansprüchen, die koloniale Vergangenheit und die postkoloniale Gegenwart exemplarischer als in dieser in jeder Hinsicht grauenvollen und unübersichtlich gewordenen Krisenregion. Entscheidet sich in diesem bisher größten und blutigsten Wirtschaftskrieg der Menschheitsgeschichte die zukünftige Ordnung der Weltgemeinschaft?

Regisseur Milo Rau gelang es, erstmals in der Geschichte dieses Krieges, ein symbolisches Tribunal unter Beteiligung aller Parteien mitten im Bürgerkriegsgebiet abzuhalten. Präsidiert von einem halb kongolesischen, halb internationalen Expertengremium sowie zwei Anwälten des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, wurden in Bukavu die zentralen Konfliktlinien des Kongokriegs anhand von Hearings mit Opfern, Augenzeugen, Milizionären, Politikern, UNO- und NGO-Angehörigen sowie Rohstoffhändlern und lokalen Menschenrechtsaktivisten beleuchtet. Während die Hearings im Ostkongo auf diese konkreten aber bisher von keinem Gericht verhandelten Fälle fokussierten, standen in Berlin die Verwicklung der EU, der Weltbank, der internationalen Gemeinschaft und der multinationalen Unternehmen im Mittelpunkt.

Die Hearings in Bukavu und Berlin wurden aufgezeichnet, im Vorfeld des Tribunals führten mehrere Recherchereisen und Drehphasen das Filmteam zu den zentralen Schauplätzen des Konflikts, aber auch zu dessen Protagonisten: Opfer und Täter, Regierung und Opposition, Militärs und Rebellen, Menschenrechtsaktivisten, lokale Bergleute und Vertreter multinationaler Minenkonzerne. Entstanden ist ein Film, welcher mittels eindringlicher Untersuchungen ein unverschleiertes Porträt dieses gewaltigen Wirtschaftskriegs zeichnet – seiner ökonomischen und politischen Ursachen genauso wie seines konkreten Gesichts vor Ort.

Zwei Jahre nach den Hearings greifen kongolesische Gäste, Intellektuelle, Künstler und politische Akteure die grundlegenden Themen des Tribunals erneut auf und entwickeln sie interdisziplinär weiter. Zusammen mit den Gästen diskutiert Milo Rau, der im Februar 2018 mit "Jeanne d’Arc" an das Residenztheater zurückkehren wird, was die Grenzen und Möglichkeiten dokumentarischer Kunst sind und ob ein artifizielles und gleichsam hyperreales Tribunal zu einer tatsächlichen juristischen Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und Bürgerkrieg führen kann.

Mit
Milo Rau
Sylvestre Bisimwa (DRC) – Untersuchungsleiter
Jean-Louis Gilissen (B) – Vorsitzender des Tribunals
Mirjam Saage-Maaß (D) – Expertin, Anwältin (ECCHR)
Prince Kihangi (DRC) – Jury-Mitglied, Anwalt

Das Kongo Tribunal Transmedia-Projekt wird gefördert im Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes mit Unterstützung von der BPB - Bundeszentrale für politische Bildung, Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung und der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Marstall
  • So 19. Nov 17, 19:00 Uhr
  • Mit deutscher Übersetzung

DAS KONGO TRIBUNAL (FOTOGALERIE)

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