Erinnerung eines Mädchens

ERINNERUNG EINES MÄDCHENS
von Annie Ernaux. Bühnenfassung von Silvia Costa
Uraufführung
Premiere Mär 2021
Marstall
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

Aus dem Französischen von Sonja Finck

In ihrer 2016 erschienenen autobiografischen Erzählung «Erinnerung eines Mädchens» unternimmt die französische Autorin Annie Ernaux den Versuch, einem zutiefst prägenden Ereignis in ihrem Leben auf die Spur zu kommen. Was ist ihr, der damals achtzehnjährigen jungen Frau, im Sommer 1958 widerfahren? Zwischen Erinnerungsbruchstücken, Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und jahrzehntealten Fotografien unternimmt die Autorin eine nahezu forensische Analyse des Geschehenen, seiner Auswirkungen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sexuellen Doppelmoral, die Männern und Frauen gänzlich unterschiedliche Formen der «Freiheit» zuzusprechen respektive zu verwehren pflegt. «Erinnerung eines Mädchens» zeigt die schmerzhafte Auseinandersetzung der fast Achtzigjährigen mit sexueller Scham, Ohnmacht und Selbstermächtigung und ist – kurz vor dem Beginn der #MeToo-Bewegung erschienen – ein berührendes und zutiefst politisches Dokument vom Ende des Schweigens.

 

«Sie ist berauscht von ihrer Freiheit, dem Ausmaß ihrer Freiheit.»

 

Annie Ernaux, 1940 in der Normandie geboren, zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftsteller*innen der Gegenwart. In ihrem Werk untersucht sie mit schonungslosem Blick Unterdrückungs- und Emanzipationsstrukturen von Klasse, Herkunft und Geschlecht. Ihre literarische Methode der Autofiktion ist fixer Bezugspunkt des soziologischen und schriftstellerischen Werks klassensensibler, politischer Autor*innen wie etwa Didier Eribon und Édouard Louis.

Die italienische Regisseurin Silvia Costa wird sich mit «Erinnerung eines Mädchens» dem Münchner Publikum vorstellen.

 

 

Zur Autorin Annie Ernaux

Geboren 1940 in der Normandie, ist eine der bedeutendsten französischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr literarisches Werk, das mit einiger Verzögerung nun auch im deutschsprachigen Raum für Aufsehen sorgt, bewegt sich zwischen Autofiktion und soziologisch-literarischer Gesellschaftsanalyse – die Autorin bezeichnet sich als «Ethnologin ihrer selbst».

1984 wird Annie Ernaux der Prix Renaudot, einer der wichtigsten französischen Literaturpreise, für ihre ein Jahr zuvor erschienene autobiografische Erzählung «La place» (dt: «Der Platz», 2019) verliehen. Darin reflektiert sie – nach dem Tod ihres Vaters – dessen Leben und sozialen Aufstieg vom Knecht zum Besitzer eines kleinen Ladens und vermisst die schmerzhafte soziale «Klassendistanz», die Vater und Tochter trennt. 1987 erscheint «Une femme» (dt: «Eine Frau», 2019), ein soziologisch-biografisches Requiem für ihre Mutter. 1997 wird «La honte» (dt: «Die Scham», 2020) veröffentlicht, eine Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt und sozialer Scham. 2008 erscheint «Les années» (dt: «Die Jahre», 2017), eine kollektive oder «anonyme» Autobiografie ohne «Ich», in der sie ein historisches Panorama Frankreichs von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart entwirft und für welche sie mit dem Prix Marguerite Duras 2008 und dem Prix François Mauriac 2008 ausgezeichnet wird. Im selben Jahr erhält sie für ihr literarisches Oeuvre den Prix de la langue française. 2016 wird «Mémoire de fille» (dt: «Erinnerung eines Mädchens», 2018) publiziert. 2017 erhält sie den Prix Marguerite-Yourcenar für ihr Gesamtwerk, das mehr als zwanzig Bücher umfasst.

Künstlerische Leitung

Inszenierung und Bühne Silvia Costa
Komposition und Mitarbeit Regie Ayumi Paul
Kostüme Rebekka Stange
Mitarbeit Bühne Anna Schöttl
Licht Barbara Westernach
Dramaturgie Ewald Palmetshofer