Vorschlag-Hammer

In der Süddeutschen Zeitung gibt es eine Kolumne mit dem Titel "Vorschlag-Hammer", in der Journalisten Kultur-Tipps geben. Da geht es gewissermaßen schon los – Vorschläge zur Abendgestaltung in München müssen nach Meinung der Redaktion dem Leser mit schwerem Gerät auf den Kopf gebrettert werden, wenn sie etwas gelten sollen. Über die Verrohung der Sprache (vornehmlich im Zusammenhang des digitalen Zeitalters) wird derzeit gerne und viel geschrieben. Fängt sie zum Beispiel bei der Wahl des Kolumnentitels schon an? Oder ist das Humor? Sind Humor und Verrohung überhaupt ein Gegensatzpaar? Was gilt als Polemik, ist also spitz und treffend und darf auch mal Schmerzen bereiten? Wo fängt dagegen der Missbrauch der Macht des öffentlichen Wortes an? Wer solche Fragen stellt, gerät leicht in den Ruch des Verzärtelten, der sich aus der Küche lieber fernhalten sollte, wenn er die Hitze nicht erträgt. Und tatsächlich entspricht dem Vorschlaghammer auf der einen Seite ja oftmals auf der anderen eine Kultur der verletzten Gefühle und trigger-warnings, bei der man sich wundern mag, wer sich von was allem ausgegrenzt, missachtet und beleidigt fühlen kann, oder – der häufigere Fall – von wem das bei welchen Anlässen vermutet wird.

Eine kleine Testreihe – nicht repräsentativ – im Pressespiegel des letzten Wochenendes: zuerst der "Vorschlag-Hammer" vom 28. April. Es schreibt Egbert Tholl. Dieser hatte sich Tage zuvor auf der Premierenfeier im Residenztheater über Ayad Akhtars Stück "Junk", das gerade zur Aufführung gekommen war, sagen wir mal, erhitzt. Das Resultat war, dass er ein Weinglas nach mir warf. Das hätte leicht ins Auge gehen können, gehört sich aber vor allem einfach nicht. Nun gut, das war in der "Hitze" (bleiben wir bei der Formulierung) geschehen, eine Dummheit, die man möglichst schnell wieder vergisst. Leid tun musste einem der Vorfall vor allem, weil Ayad Akhtar, der München in den Tagen zuvor als eine freundliche und weltoffene Stadt kennengelernt hatte, unfreiwillig Zeuge der bizarren Szene wurde. Was aber tut Egbert "The Hammer" Tholl? Wie nutzt er den nüchtern-kühlen Morgen nach der hitzigen Nacht? Er setzt sich hin und schreibt eine Kolumne unter anderem über den Glaswurf und seinen Anlass. Und wiederholt, was er schon am Abend immer wiederholt hatte, das Stück sei "blöd". Das dürfte mein Sohn im Schulaufsatz nicht schreiben, oder er müsste sein Urteil mindestens sehr gut begründen. Wieso eigentlich gilt diese einfache Regel nicht auch für Kritiker? Vielleicht weil Egbert Tholl hier nicht als Kritiker schreibt? Aber was legitimiert ihn denn dann zu seinem auflagenstarken unbegründeten Urteil? Offensichtlich nicht allzu viel, spielt er doch kokett mit der Möglichkeit, vielleicht selbst "zu blöd" für das Stück zu sein. Wie wäre es denn, wenn man sich auch im sicher anspruchsvollen und termingeplagten Alltag darauf einigen würde, dass Schreiben oder Nichtschreiben hieße, die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand bis zu dem Punkt zu treiben, an dem man sich sicher sein kann, dass man nicht mehr "zu blöd" ist, und dann nicht auch noch behauptet, alle anderen seien es auch („damit bin ich, glaube ich, nicht allein")? Das ist nur ein Beispiel, und bevor ich zum nächsten übergehe, lege ich noch Wert auf die Feststellung, dass ich auch von Egbert Tholl schon sehr profunde Kritiken gelesen habe, in denen er beispielsweise die Bearbeitungen mehrhundertseitiger Romane mit großem Überblick und Detailkenntnis beschrieben und beurteilt hat.

Gleicher Pressespiegel, nächstes Beispiel: Eine unfreundliche Besprechung der "Vater"-Inszenierung von Nicolas Stemann an den Münchner Kammerspielen in der Abendzeitung. Am Ende des Artikels wird den drei HauptdarstellerInnen vorgeworfen, sie spielten „ein wenig zu routiniert". Da mag sich noch jeder Leser denken, was er will. Gilt das für alle drei gleichermaßen, sieht es bei ihnen allen gleich aus? Ich war nicht in der Premiere und kann mir nicht viel darunter vorstellen. Wäre ich der Redakteur, würde ich das wahrscheinlich bemängeln. Zu pauschal, zu unpräzise, kein bisschen anschaulich. Ehrenrettung? Immerhin seien die drei "Typen mit Ecken und Kanten". Was das heißen soll? Schauspielerisch nicht zu bewerten, aber menschlich ganz in Ordnung? Bei Lichte besehen eine Unverschämtheit. Warum aber? Wie haben die das verdient? Die Kritik nähert sich jetzt dem Ende. Aber vorher kommt noch ein allerletzter Satz, der besagt, dass man das mit den Ecken und Kanten von den "irgendwie immer austauschbar wirkenden Kollegen auf der anderen Seite der Maximilianstraße nicht jeden Tag behaupten" könne. Es gibt in diesem Zusammenhang keinen Anlass für den Satz. Er ist einfach nur ehrabschneidend und ebenfalls eine Unverschämtheit. Er behauptet, natürlich wieder ohne jede Begründung, dass 45 Ensemblemitglieder des Residenztheaters "irgendwie austauschbar" seien. Wie kommt so etwas? Liest noch jemand in der Redaktion diesen Satz, bevor ihn Tausende lesen? Denkt dieser Jemand: ist zwar grober Unfug und "„irgendwie" menschenverachtend, klingt aber auch nach Öl in irgendein Feuer gießen? Also "geil"? Trügt der Eindruck, dass sich hier kein Unterschied in Ton, Informationsgehalt und Willen zur Differenzierung feststellen lässt zu irgendeinem x-beliebigen Kommentar auf einer x-beliebigen Plattform? Ist der Unterschied zwischen bezahltem Journalismus mit einer gewissen Reichweite und Verantwortung und dem schnellen digitalen Sich-Luft-Machen vielleicht gar nicht gewollt?

Drittes Beispiel, immer noch der gleiche Vormittag: In der Neuen Zürcher Zeitung wird das Ausbleiben eines "Theaterbebens" in München beklagt, nachdem Matthias Lilienthal angekündigt hat, nicht für eine weitere Amtszeit als Intendant der Kammerspiele zur Verfügung zu stehen. Hier ersetzt nun der Blindenstock den Vorschlaghammer. Ist es für einen Kulturjournalisten wirklich so schwer herauszufinden, an welchem Theater Anna Drexler und Thomas Schmauser derzeit engagiert sind, wie es Bernd Noack in den ersten Absätzen seines Artikels darstellt? Oder dass Anna Drexler nicht ein Engagement von Lilienthal war und Thomas Schmauser nicht in "Trommeln in der Nacht" mitspielt? Kann man wirklich nicht recherchieren, wann das Residenztheater zuletzt zum Theatertreffen eingeladen war, nämlich im letzten Jahr und in den letzten fünf Jahren viermal, nach Noacks Worten aber „schon lange nicht mehr"? Was bewegt den Autor und die NZZ zu solchen Irreführungen und Fehlinformationen? Soll so etwa das Theater zum "Beben" gebracht werden?

Vielleicht bietet ja eine weitere Kolumne Aufschluss, diesmal schon ein wenig weiter zurückliegend: Der Dramaturgen-Kollege Wolfgang Behrens schrieb auf nachtkritik.de aus seiner früheren Praxis als Theaterkritiker unter dem grammatisch eigenwilligen Titel: "Das Gift des Derrida" am 28. Februar diesen Jahres über die angebliche Angst der Zunft vor Informationen: "Als Kritiker musste ich vor und nach dem Besuch jeder Aufführung eine weitreichende Entscheidung treffen: informiere ich mich über die Intention der Künstler*innen oder nicht?" Schließlich sei er als Kritiker bereits nach der Lektüre des Pressematerials "im Sinne der Künstler*innen vorformatiert". Ganz abgesehen davon, dass sich die Fachkollegen aus den Bereichen Bildende Kunst, Architektur, Auto, Motor und Sport mit Sicherheit vor Lachen nicht mehr halten könnten, wenn sie das läsen – darf man nicht auch mal im Ernst fragen, welche Unvoreingenommenheit hier eigentlich geschützt werden soll? Oder ob es nicht vielmehr darum geht, die eigene gut gepflegte Subjektivität gegen die Zumutungen von Fakten und Informationen, und, ja, auch der Kenntnis von Absichten zu bewahren, die anschließend natürlich bewertet werden müssen, aber halt anschließend?

All das sind nur Beispiele – wie gesagt. Aber was hieße das, wenn sich daraus ein Befund ergäbe (und tatsächlich weiß ja jeder Zeitungsleser solche Beispiele zu nennen), und die einlässliche, informierte, vertrauensvolle Kritik auf dem Rückzug wäre, während Meinung, Häme und kulturpolitischer Ehrgeiz die Oberhand gewönnen? Es hieße nicht nur, dass das downsizing immer mehr an Fahrt aufnähme, die Abwärtsspirale aus mangelndem Leservertrauen, weniger Zeilen und immer lauterem Gebrüll, es hieße nicht nur, dass ein Ort verspielt würde, an dem Öffentlichkeit für eine alte und immer neue Kunstform geschaffen und erhalten werden müsste. Es hieße für das Theater, dass dieser Kunstform zusehends ein wichtiger Partner verloren ginge. Denn das sollte Kritik doch eigentlich sein, eine Reflexion auf der Höhe des Geschehens (gerne auch darüber), die sich nicht erwischen lässt bei Spielchen nach dem Muster "du bist blöd, ich bin blöd", sondern sich ausrichtet an der gemeinsamen Anstrengung, das Theater besser zu machen. Kritik, wenn sie so heißen soll, dürfte sich nicht leichthin des Anspruchs begeben, Gesprächspartner der BesucherInnen, der Nicht-BesucherInnen, aber auch der MacherInnen von Aufführungen zu sein. Dazu würde gehören, dass man Aufführungen bei dem packt und danach analysiert, was sie sich vorgenommen haben und nicht nach dem, was man selber gerade für wichtiger hielte, oder von dem Regisseur oder der Regisseurin zuletzt gesehen oder gehört hat. Und dazu würde der Stolz gehören, dass schlechtes Theater nicht zu schlechten Texten führen darf (und gutes natürlich erst recht nicht). Also: tut was, Ihr Killermimosen, Ihr werdet gebraucht. Nicht so, wie oben beschrieben, aber im Prinzip und ganz konkret.

Vielleicht sollten sich darüber hinaus die Theater den kritischen Diskurs über das Theater häufiger selber organisieren – tatsächlich laufen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen immer wieder in diese Richtung. Zirkel gründen, zum Beispiel, oder kluge Leute ohne Verwertungsinteressen für längere Zeit an ein Haus einladen, um sich gegenseitig zu sagen, oder sagen zu lassen, was man tut. Weil es, ehrlich gesagt, auf Dauer nicht auszuhalten ist ohne Kritik.

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