Austauschbarer Zwanziger?

Branden Jacobs-Jenkins
Branden Jacobs-Jenkins

Ein Büro voller junger Redakteursanwärter und –anwärterinnen, die im Mikrokosmos ihres Büros in Gedanken eine Karriere vorbereiten, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verwirklichen wird, bildet die Grundsituation für "Gloria" von Branden Jacobs-Jenkins. Ein Büro, das in seiner Rezeption immer wieder mit dem des "The New Yorkers" verglichen wird. Dabei, so der Autor, ist "Gloria" kein direkter Blick hinter die Kulissen der "The New Yorker"-Redaktion, in der er zwischen 2007 und 2010 arbeitete. Vielmehr wurde "Gloria" zu einem Zeitpunkt in seinem Leben geschrieben, an dem er keinen festen Job hatte und die mit dem Büro einhergehende Struktur vermisste, wobei er gleichzeitig die Arbeitsbedingungen kritisch hinterfragt.

"Ich beschäftigte mich intensiv mit dem Moment am Anfang des Lebens als Erwachsener, wenn man lernt, wie man Teil der 'Arbeitskraft' ist: wie verbringt man diese Phase, macht es einen Unterschied, auf welche Art man sie verbringt, und was bedeutet sie eigentlich? Wie egal und austauschbar sind deine Zwanziger? Darüber habe ich nachgedacht, als ich Tag für Tag hinter meiner Trennwand im Großraumbüro saß, und irgendwann kam mir die surreale Erkenntnis, wie absurd es ist, dass die Essenz meines Jobs war, einfach nur Anwesend zu sein, völlig unabhängig davon, ob es Arbeit zu erledigen gab."

Das Ergebnis dieses Denkprozesses ist ein genau beobachtetes und geschriebenes Stück, das im Sommer 2017 bereits in London zu sehen war und im Oktober 2017 am Münchner Residenztheater seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebt. Hinzu kommt, dass "Gloria" 2016 unter den drei Finalisten für den Pulitzerpreis für Theater war. Außerdem ist Branden Jacobs-Jenkins seit 2016 ein MacArthur-Fellow, Stipendiat eines der wichtigsten Kulturförderprogramme der Welt. Diese Auszeichnungen bilden den vorläufigen Zenit seiner zu Beginn nicht ganz reibungslosen Karriere.

Branden Jacobs-Jenkins schrieb seinen ersten Theatertext in Form eines freien Versuchs, ohne die Aufführung desselben im Blick zu haben: "ch dachte, niemand würde 'Neighbors' aufführen, dementsprechend dachte ich, ich habe die Lizenz, zu machen worauf ich Lust habe." Das Titelblatt von "Neighbors" las sich N(e)ig(h)g(bo)ers, die Darsteller, schwarz, trugen Blackface, eine Referenz auf die Darstellung von Schwarzen in den Minstrel-Shows der vorherigen Jahrhunderte. Was folgte, war Stille. Drei Jahre lang erschien kein neues Stück des damals noch keine 30 Jahre alten Autors.

Nach der Veröffentlichung von "Neighbors" zog es ihn nach Berlin, wo er zweieinhalb Stücke schrieb: Jeweils eine erste Version von "An Octoroon" und "Appropriate", sowie die erste Hälfte von "Gloria", benannt nach einem Tanzstück von Mark Morris. Allerdings war sein Aufenthalt begrenzt, obwohl er auf der Universität Deutsch-Unterricht hatte, zeigten sich in Berlin sprachliche Grenzen auf: "Mir war nicht bewusst, wie sehr mein Selbstbewusstsein mit meiner Fähigkeit zu kommunizieren zusammenhängt. Wenn du die sprachlichen Fähigkeiten eines Zehnjährigen hast, behandeln dich die Leute wie einen Zehnjährigen." Zwar wäre er fast geblieben, aber als nach zwei Jahren die Beantragung eines neuen Visums anstand, begann sein Heimatland ihn zurück zu rufen: Er wurde mehrfach ausgezeichnet und von Theatern eingeladen, mit ihnen zu produzieren. Außerdem begann er, an der New York University zu unterrichten. Dementsprechend fanden 2014 schnell aufeinander folgend die Premieren dreier neuer Stücke des Autors statt, "Appropriate", "An Octoroon" und "War", 2015 folgte die Uraufführung von "Gloria".

GloriaGloria

Mit "Gloria" beschreibt Branden Jacobs-Jenkins die Gegenwart einer Gesellschaft, in der mediale Wirklichkeit die Wirklichkeit selbst ist, und in der People of Color und Weiße nebeneinander arbeiten, in einer zumindest oberflächlich gleichberechtigt scheinenden Umgebung. Vermessen wird, anders als in den meisten seiner vorherigen Stücke, nicht mehr Ethnie, sondern Generation und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Junge Menschen, die einer neueren, grausamer lächelnden Form von Kapitalismus verfallen. Unter dem Deckmantel der Freiheit, der Selbstverwirklichung werden Ambitionen herangezüchtet, die sich niemals einlösen können. Der Arbeitstag strukturiert sich nicht mehr von "9 to 5", stattdessen ist man in jeder wachen Minute erreichbar, und Macht etabliert sich durch einen freundschaftlichen Ton und das Versprechen von "Gleichberechtigung" und "vertikalen Hierarchien".

Insofern lässt sich Branden Jacobs-Jenkins Arbeit an dem Stück als Reaktion eines Beobachters werten, sagt er doch selbst, dass der Amoklauf in "Gloria" beeinflusst ist durch die Dinge, die er in der Zeitung las, und die Figuren Dean und Ani durch die Erinnerung an die Arbeitssituation beim "The New Yorker" ‑ an zwei junge Menschen, die im Büro nebeneinander sitzen ‑ inspiriert sind. Nach "Gloria" wandte er sich einem großen und zeitlosen Stoff zu – dem "Jedermann", der Anfang 2017 Premiere feierte. Im "Jedermann" setzen sich Themen fort, die seine bisherige künstlerische Praxis beeinflussen – Autorschaft und Identität. Bereits in "An Octoroon" nutzte der Autor einen historischen Theatertext als Vorlage seiner Überschreibung, und in "Gloria" geht es um die Figur des Autors, um den Schaffensprozess von literarischen Werken. Außerdem arbeitet "Gloria" mit geschickt gestaffelten Doppelt- und Dreifachbesetzungen und zeichnet damit innerhalb der Einheit eines Darstellers die verschiedenen Möglichkeiten des Auf- und Abstiegs, die einem jeden bei dem Versuch der Selbstverwirklichung bevorstehen. Die Identitätsbildung durch individuelle Unterschiede steht wiederum im Fokus des "Jedermanns", alle Darsteller können alle Rollen, jeden Abend wird die Besetzung neu zusammengesetzt.

Inzwischen ist Branden Jacobs-Jenkins einer der erfolgreichsten jungen Dramatiker und Dramatikerinnen des amerikanischen Theaters des 21. Jahrhunderts. Immer wieder wird seine Arbeit mit verschiedensten Preisen ausgezeichnet und Stücke von ihm an verschiedensten Orten aufgeführt. In der Spielzeit 2017/18 verantwortet er außerdem die Übersetzung von Ibsens "Volksfeind" aus dem Deutschen der Fassung von Thomas Ostermeier, der seine Berliner Inszenierung des Stücks am Broadway neu herausbringt. Es bleibt die Frage, wohin seine Arbeit ihn als nächstes führt. Sein Ziel ist zunächst, die emotionale Erfahrung, die Theater sein kann, für das Publikum noch stärker erfahrbar zu machen. Was das für ihn heißt? – "I’m still working on that."