WOLKEN.HEIM. INHALTSANGABE

"Wir haben nicht die Einheit außer uns, wir haben sie gefunden, sie ist in uns selbst und bei uns selbst. Die Freiheit. Die Materie hat ihre Substanz außer ihr, der Geist aber ist das Bei sich selbst Sein. Wie wir. Wie wir."

Sie sind wieder unterwegs, die Waldgänger und Wanderer. Die Romantik der deutschen Landschaft und die Schönheit ihrer Dichtung verbindet die Generationen und die Geschlechter. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität verlieren sich drei Frauen und zwei Männer in den Wolken des deutschen Geistes und stranden an einem Ort ohne Mitte: "Wolken.Heim.". Vom Wolkenkuckucksheim, dem utopischen Reich zwischen Himmel und Erde, sind nur noch die Stabilität versprechenden Wänden eines nicht verortbaren Zuhauses geblieben, gefüllt mit Fetzen deutscher Philosophie, Heimatklängen und Versen Hölderlins. Fragt sich nur, wer dort Platz nimmt, heimisch wird und wer nicht, wer auf Durchreise ist und wer bleiben darf. Denn die Angst geht um unter unseren Wanderern: Der "Crash" der Kulturen naht.

Das 1988 uraufgeführte Erfolgsstück "Wolken.Heim." entstand nach der eingehenden Beschäftigung Elfriede Jelineks mit philosophischen Schriften zum Mythos der deutschen Nation. Jelineks Überschreibung von Texten deutscher Dichter und Philosophen wie Hegel, Fichte, Kleist und Hölderlin bietet die Grundlage des rätselhaften "Wir", das hier laut wird, über sich selbst spricht und die "Anderen". Worte Heideggers und der RAF-Terroristen markieren die Katastrophenfälle dieses Denkens. Zwischen Wald und Wörtern sind alle Wege denkbar. 

Die deutsche Romantik und den deutschen Idealismus mit seinen Nationalbestrebungen in Folge der napoleonischen Fremdherrschaft mit der Entstehung des Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen, ist ein geschichtsphilosophischer Topos. Jelineks nationalistische Wiedergänger treffen jedoch drei Jahrzehnte nach ihrem Entstehen nur umso deutlicher ins "Schwarze" des politischen Geschehens: "Da glauben wir immer, wir wären ganz außerhalb. Und dann stehen wir plötzlich in der Mitte." Und so wirkt Jelineks Text 2019 wie eine politische Rechtfertigungsrede von Fremdenfeindlichkeit und innerer Abgrenzungsbestrebungen im aktuellen Meinungsstreit. Phrasen wie "Wir sind wir und wohnen gut in uns." sowie "Und worauf stützt sich unsere Sicherheit? Wir sind zu Hause und süße Linden duften neben den Buchen des Mittags, wenn im Kornfeld das Wachstum rauscht!" scheinen aktuellen Parteiprogrammen und Heimatministerien anvertraut. Doch bei allen Sicherheitsbehauptungen bleibt das Fundament brüchig – wer spricht da eigentlich, wenn er oder sie "wir" sagt? Denn auch neoliberale Konzepte lassen sich im Jelinekschen "Wir"-Chorus finden:"Das Entscheidende im Führen ist nicht das bloße Vorangehen, sondern die Kraft zum Alleingehenkönnen. Nicht aus Eigensinn und Herrschaftsgelüste, sondern kraft einer tiefen Bestimmung und weitesten Verpflichtung. Solche Kraft bindet an das Wesentliche, schafft die Auslese der Besten".
Jelineks in hochartifizieller Versprosa und manischer "Wir"-Form verfasster Identitäts- und Heimatmonolog wird zum Spiegel unserer Gegenwart, der uns gleichermaßen die erschreckende Ansteckungsgefahr des "Wir-Gefühls" wie die Wiederkehr nationalistischer Sprach- und Denkmuster vor Augen hält.

Regisseur Matthias Rippert begibt sich gemeinsam mit den Schauspielern und seinem Team auf eine spielerische Gedanken- und Sprachreise, die in Jelineks frühem Theaterstück Humor und Gegenwärtigkeit erfahrbar macht. Zwischen Vergangenheit und Zukunft verlieren sich seine Protagonisten auf der Suche nach dem "Wir" in den "Wolken" ihrer Ängste und Ideen. Dabei folgen sie in der Residenztheaterspielfassung des Jelinekschen Poems weniger den "Untoten, die aus dem Boden" kommen, sondern eher den aktuellen Gedankenund Kommunikationsstörungen "ewig sitzender Kinder (…) übertönt von den eigenen Lauten, die sie stammeln." In ihren ganz privaten, metaphilosophischen, aber auch aktuell politischen Diskursen verfangen, äußern und erleben die Figuren ideelle Ereignisse, die in ihrer Struktur und gleichzeitigen Leere den möglichen "Crash" heraufbeschwören. Einen "Crash" im Sinne eines neuerlichen "Unfall(s) der Moderne", der seinen psychologischen und nationalen Strukturen nach Teil ihrer selbst ist. So fällt es "extremen Flügeln" und Instituten in den "Wolken" mitteldeutscher Ritterburgen aktuell relativ leicht, symbolisch leere Geistesfelder zu besetzen, die wieder einmal romantische Ideen, den deutschen Wald und den Deutschen Idealismus für sich zu vereinnahmen scheinen, um rechtskonservative Parteien mehrheitlich wählbar zu machen.

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 15

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908-2009) untersuchte die Denk- und Lebensweisen außereuropäischer Kulturen und setzte sie in Beziehung zur westlichen Zivilisation.

"Wenn das mythische Denken auf spekulativem Gebiet nicht ohne Analogien zur Bastelei auf praktischem Gebiet ist und wenn die künstlerische Schöpfung in der Mitte zwischen diesen beiden Formen der Tätigkeit einerseits und der Wissenschaft andererseits liegt, so bestehen zwischen Spiel und Ritus Beziehungen  der gleichen Art."

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 15

WOLKEN.HEIM. (FOTOGALERIE)

"Und die Selbst-

sucht

steht am ruhigen Ufer und von da aus

sicher genießt sie des fernen

Anblicks ver-

worrene

Trümmer-

masse."

 

Elfriede Jelinek

"Wolken.

Heim."

 

Wolken.Heim.

Wolken.Heim.

von Elfriede Jelinek

Wolken.Heim.