DON JUAN INHALTSANGABE

Don Juan ist neben Faust das Paradigma der männlichen Gier in der europäischen Literatur. Der mythisch aufgeladene Frauen-aufreißer hat sich in unser Vokabular eingespeist, ist sprichwör t  - licher Pate für den begehrenden und begehrten Womanizer ge-worden, diesem gleichmütigen Serientäter, dem kein Nebenbuhler gewachsen ist und keine Frau widerstehen kann.  Die Suche nach einem realen Vorbild ist ergebnislos verl aufen. Aufgedeckt wurde allerdings ein realer Nach fahre, der, angeregt von einem Theater-besuch, der Kunstfigur nacheiferte und das ganze Programm aus Entführungen, Ehebrüchen, Duellen mit tödlichem Ausgang und (wohl tatsächlicher) reuevoller Kehrtwende vollzog – ein Beweis für die lustvolle Verschränkung von Fiktion und Wirklichkeit, die für den Don-Juan-Mythos bezeichnend ist.  

Die erwähnte Theatervor stellung zeigte übrigens das dramatische Urbild „El Burlador de Sevilla y Convidado de piedra“, das eine Vielzahl volkstümlicher Narrative geschickt bündelte und vom spa-nischen Mönch Tirso de Molina 1630 publiziert wurde, im „golde-nen Zeitalter“ der spanischen Dramatik. Molière, dessen „Dom Juan ou Le Festin de pierre“ 1665 uraufgeführt wurde, kannte wahrscheinlich diesen Vorläufer nicht und wurde durch französi-sche Bühnen-Adaptionen und italienische Theatergruppen auf den Stoff aufmerksam. Hatte de Molina mit seinem sexuell brutalen, geistig eher unauffälligen Aristokraten, der die gesellschaftliche Stabilität gefähr det, noch keinesfalls auf eine grundsätzliche Ge-sellschafts- und Religionskritik gezielt, installierte Molière nun ei-nen philosophischen Freigeist, dessen Denken weitaus subversiver ist, wobei seine intellektuellen Normverstöße gefährlicher sind als seine unzähligen Eheversprechenn (im Laufe der Handlung kommt es tatsächlich zu keinem einzigen sexuellen Akt).

100 Jahre später verhalf Mozart dem Verführer mit der Opern-adaption „Don Giovanni“ zu durchschlagender Berühmtheit. Bis heute findet die literarische Abarbeitung an Don Juan kein Ende. Man hat ihn romantisiert und bürgerlich eingehegt, man ließ ihn der Frauen nicht mehr Herr werden, unbarmherzig altern, spiri-tualisierte ihn, zerrte ihn auf die psychoanalytische Couch. So hat noch jede historische Epoche den Don Juan bekommen, der ihr gebührt. 

Molières aristokratischer Protagonist ist typischer Vertreter seines Standes im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts: in enger Abhängig-keit vom König, politisch ausgeschaltet, auf soziale Repräsentation reduziert, ökonomisch zunehmend vom Bürgertum abgehängt. Mit dem tradierten Überlegenheitsanspruch der adligen Zugehörigkeit formuliert Don Juan skeptizistische, atheistische, oppositionelle Gedanken, die ihn zu einem anziehenden Intellektuellen machen, während sein zynisches Handeln diese zugleich problematisiert – eine bis heute schillernde Ambivalenz. Sein Gelächter über Gott, König und leiblichen Vater ist phallische Revolte gegen die Väter, die auf allen Thronen sitzen. Doch den gesellschaftlichen Um-sturz hat er nicht im Sinn: Don Juan ist selbst Teil und Nutznießer des Systems, dem er schulterzuckend den Mittelfinger entgegen-streckt, ein „Außenseiter der Regression“ (Mayer). In einer Welt voller Heuchler ist er nur – vorläufig – der begabteste. Sganarelle, sein Diener, bewundert und imitiert Don Juan mitunter, muss aber zugleich dramaturgisch den Antipoden mimen und die sittliche und religiöse Ordnung verteidigen – doch sowohl in den Versuchen, die Rolle (s)eines hohen Herrn zu spielen als auch in seinen Moralpre-digten scheitert er. In diesem Knecht, der von Hegels Dialektik nichts weiß, steckt die wahre Blasphemie Molières: Solange Gott solche Freunde hat, bedarf er der Feinde nicht.

#ResiaufReisen: "Don Juan" in Montpellier

Frank Castorfs Molière-Interpretation ist nach der letzten Vorstellung im Residenztheater für zwei Vorstellungen zum Festival "Printemps des Comédiens" in Montpellier gefahren. Südfranzösische Sonne mit großem Resi-Ensemble, aufwändiger Bühne + Kostümen und natürlich den Resi-Ziegen: eine kleine Bilderreise ins Languedoc. MEHR ...
#ResiaufReisen: "Don Juan" in Montpellier

"Don Juan" Soundtrack von William Minke

Die Musik aus Frank Castorfs neuer Inszenierung

Rabbit Snare – Throbbing Gristle
The Boys Are Back In Town – Thin Lizzy
Good Morning Spider – Sparklehorse
Gracias Por La Noche – Blake Leyh
Bisbigli Della Gente – Ennio Morricone
Blue Spanish Sky – Chris Isaak
The Grindhouse Blues – Robert Rodriguez
Blue Moon – The Mavericks
A Waste Land – Jan Jelinek
Jesus In The Courtyard – King Dude
Up In Flames – Koko Taylor
Blue Dark Waltz – Luis Bacalov
Mountains Falling – David Lynch & John Neff
So Tell the Girl That I'm Back In Town – Jay-Jay Johanson

"Don Juan" Soundtrack von William Minke
Don Juan

Don Juan

von Molière

Don Juan