EIN VOLKSFEIND

Inhaltsangabe

"Ibsen war, zunächst Shakespeare, der größte Historiendichter des neueren Europa. Ganz wie dieser wird er erst zur vollen Wirkung gelangen, wenn die Kleider seiner Gestalten Kostüme geworden sind." Egon Friedell

Der Badearzt Tomas Stockmann hat seine Heimatstadt zu einem Kurort und damit reich und berühmt gemacht, bis er entdeckt, dass die Kurgäste durch die Wässerchen schleichend vergiftet werden. Krankheitserreger belasten das Ökosystem und das Gewissen des Arztes. Stockmann will seine Ergebnisse veröffentlichen und findet Unterstützung bei Presse und Bürgern. Sein Bruder jedoch, der Bürgermeister, fürchtet die Folgen: Der Ruf des Kurstädtchens wäre für immer geschädigt, außerdem führte die Sanierung unweigerlich in den Bankrott. Einzig allein das Bad garantiert der Stadt eine nennenswerte Zukunft. Tomas Stockmann wird zum Wütenden, der solange Presse, Politiker und das Volk beschimpft, bis die Frage aufkommt, ob er nicht alles aus eigenem Interesse inszeniert.

Dichten heißt bei Ibsen "Gerichtstag halten über sein eignes Ich". Er schreibt "Ein Volksfeind" 1882 nach seinen drei gesellschaftskritischen Stücken "Stützen der Gesellschaft", "Nora" und "Gespenster", die heftige Diskussionen auslösten: Es hieß, er schreibe gemeinschaftszersetzend, aber eben auch zum ersten Mal vom modernen Menschen, er benutze die Stellung der Frau exemplarisch für Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft, aber er zeige auch die tragischen Folgen eines falschen Idealismus, nicht zuletzt gehe es um Tabus, um abscheuliche pathologische Phänomene als Hauptmotiv, er untergrabe die Moral als Fundament. Ideen, Prinzipien und Gesellschaftssysteme werden zu Gegnern der Menschen und ihrem Recht auf ein besseres Leben. In gewisser Weise schreibt Ibsen mit "Ein Volksfeind" die Reaktion auf diese Kritik, teilweise ausgesprochen in dem Zitat von Doktor Stockmann, dass es eine Lüge sei, dass "Kultur demoralisiere", und teilweise in der Unparteilichkeit, die das Stück auszeichnet. Die Figuren sind, wie immer bei Ibsen, reich und nicht einfach zu greifen, aber zusätzlich wird man mehr und mehr alleine gelassen mit der Entscheidung, auf wessen Seite man jetzt stehen soll oder wer hier Recht hat. Zusammen mit der retrospektiven Technik Ibsens, bei der in der dramatischen Handlung Ereignisse der Vergangenheit in entscheidenden Lebensmomenten aufgearbeitet und neu bewertet werden, bietet das eine explosive Mischung. Jede Form der Nutzung dieses Materials zu ideologisch eindeutigen Zwecken (und es gab wirklich zahlreiche Versuche dieser Art in ganz widersprüchliche Richtungen und Deutungen, ob im dritten Reich, in Frankreich oder Russland) verflachen das Drama, das sich doch um die Frage dreht, in welchem Moment persönliches Handeln politisch wird. So entsteht in und aus den Figuren ein weit größerer Abgrund, als sich bei einer ersten, oft nur angeblich politischen, aber dabei oberflächlichen Betrachtung, vermuten ließe.

Heute gehen uns diese Mehrdeutigkeiten mehr und mehr an, nicht nur wenn wir uns fragen, ob Glyphosat, das Insektensterben oder das Ansteigen des Meeresspiegels Konsequenzen für uns haben, wieso kommunale Bauprojekt mit schöner Regelmäßigkeit scheitern und warum die eigentlichen Eigentümer und Geldgeber nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sondern auch in ganz alltäglichen Konflikten, in denen Eigeninteresse und Gemeinwohl kollidieren und in denen wir alle allzu schnell egoistisch handeln. Auch heute glauben wieder viele, dass "alle Quellenunseres geistigen Lebens vergiftet" sind. Dass Ibsen mit dem "Volksfeind" die Gattungsbezeichnung lange offen hielt, vergrößert die schmerzliche Unmittelbarkeit nur noch. In einem Brief an seinen Verleger Frederik Hegel vom 21. Juni 1882 schreibt er: "[..] ich möchte Ihnen vorläufig ganz kurz mitteilen, dass ich gestern meine neue dramatische Arbeit abgeschlossen habe. Sie heißt "Ein Volksfeind" und hat fünf Akte. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, ob ich das Stück ein Lustspiel oder ein Schauspiel nennen soll; es hat viel vom Charakter des Lustspiels, doch auch einen ernsten Grundgedanken." Nicht nur damit hat er uns allein gelassen.

Henrik Ibsen fühlte sich ob seines langen Exils als deutscher Dichter und zugleich betonte er, dass wer ihn verstehen wolle, zuerst Norwegen verstehen müsse, seine Herkunft, die kleinen Küstenstädtchen, in denen auch "Ein Volksfeind" spielt. Und auch wenn der Parteienstreit Norwegens, das Bemühen um den Sozialismus während der Industrialisierung oder die Kampfgenossenschaft mit dem Literaturwissenschaftler Georg Brandes wichtige Schlüssel zum Verständnis bieten, so bleibt Ibsens genaue Betrachtung des Menschen zeitlos, sowohl seiner inneren und psycho-sozialen Konflikte, als auch seiner Bürokratie, seiner opportunistischen Aalglattheit oder seinem Hang zum Kleinbürgertum, dem ja keiner angehören will, obwohl wir es im Grunde genommen doch alle tun. Rilke schrieb in der 26. Aufzeichnung des Malte Laurids Brigge: "Ibsen verbrachte seine letzten Tage am Fenster, neugierig die Vorübergehenden beobachtend und diese Wirklichen gewissermaßen mit denjenigen Gestalten verwechselnd, die zu schaffen gewesen wären und von denen er nicht mehr sicher war, sie gemacht zu haben." Die Machtstrukturen ██████████████████████████████████████████ ████████████████████████  ███████████████████████████████████████████████████████████ █████████████████████████