"UR"-Text

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Als Urtext bezeichnet man die Urfassung eines Textes. Mit Blick auf Sulayman Al Bassams Inszenierung "UR" bekommt der Begriff weitreichendere Bedeutungsebenen  greift der kuwaitische Dramatiker und Regisseur doch auf ein viertausend Jahre altes sumerisches Klagelied über die Zerstörung einer antiken mesopotamischen Stadt namens – ja genau: Ur zurück, um die erste Ur-Aufführung der Spielzeit #resi1819 zu gestalten. Zur Textfassung des Stückes, die nach der Premiere am 28. September 2018 bei Oberon Books erscheint, hat Margaret Litvin von der Boston University eine aufschlussreiche Einleitung geschrieben  die hier als Grundlage für ein fiktives Interview dient.


Wie könnte man "UR", das neue Stück Sulayman Al Bassams, in wenigen Sätzen beschreiben?

"UR" ist extrem vielschichtig und vereint viele theatrale Formen in sich: Das Stück ist eine arabische Tragödie und ein deutsches Musical, eine präsentistische Allegorie und ein historisches Drama, eine Satire auf die koloniale Hybris und ein Loblied auf die transkulturelle Kraft der Kunst.

Mit seinem preisgekrönten Stück "Al-Hamlet Summit" hat sich Al Bassam 2002 schlagartig in die internationale Theaterszene hineinkatapultiert  können Sie uns die Entwicklung seines Œvre skizzieren?

Al Bassam schmeichelt und fordert das Publikum, er reflektiert und kritisiert gleichermaßen westliche wie arabische Machthaber und -strukturen: "Richard III: An Arab Tragedy" (2009) thematisierte die Ansprüche Amerikas im Irak und brachte erstmals die arabische Sprache auf eine britische Bühne. Die Fortsetzung "The Speaker's Progress" (2011) war dann eine durchaus amüsante Geschichte über Zensur und Flucht. "Petrol Station" (2017) verknüpfte die Pathologien eines arabischen Golffürstentums mit einem schmutzigen Familienerbstreit und bot zugleich ein politisches Kommentar sowie komische Erleichterung. Die musikalisch begleitete Monologreihe "In the Eruptive Mode" (2016) assoziierte den arabischen Frühlings mit weiblichen Emanzipationsbestrebungen als Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und Bestürzung.

Allgemein zeugt Al Bassams Werk neben der Beschäftigung mit dem Nahen Osten und theatralen Reflexionen über die Grenzen politischer Kunst von einer anhaltenden Faszination für die Apotheose des Weiblichen. Inwiefern spiegelt sich dieser thematische Kosmos in "UR"?

In "UR" verschmelzen die zentralen Themen, die Al Bassam seit über einem Jahrzehnt beschäftigen – unzensierbare politische Kunst und die weibliche Emanzipation – in seiner Protagonistin: Die narzisstische, willensstarke und charismatische Göttin Nin-Gal verzichtet angesichts einer feindlichen Invasion auf Kriegsführung und entscheidet sich stattdessen für die Literatur als Waffe. In der Voraussicht der Zerstörung ihrer Stadt löst sie das Militär auf und gibt stattdessen den Befehl, die Stadttore zu öffnen und die Dichter zu foltern - bis sie so schöne Verse produzieren, dass die Welt sich für immer an sie erinnern wird. Dahinter steckt eine zutiefst humanistische Idee: Selbst wenn die Stadt zerstört wird, lebt sie in ihren Liedern weiter. 

Man kann "UR" im besten Sinne als transhistorisch bezeichnen: Das Skript basiert auf dem viertausend Jahre alten sumerischen Klagelied über die Zerstörung der Stadt Ur  das nur deshalb überliefert ist, weil es im 20. Jahrhundert von westlichen Archäologen gefunden und übersetzt wurde ... Inwieweit wird das in Sulayman Al Bassams Stück kontextualisiert?

In Al Bassams theatraler Imagination reisen deutsche Archäologen um 1903 im Auftrag ihres Kaisers nach Mesopotamien: Auf der Suche nach antiken Schätzen, aber auch etwas Dunklerem und Diffusem: Worten. Antisemitisch und romantisch zugleich, suchen die Archäologen nach einem babylonischen literarischen Erbe, das die hebräische Bibel als Grundlage des Weltmonotheismus auslöschen könnte zugunsten eines Christentums, das nicht den jüdischen Ideen verpflichtet ist: Die deutschen Forscher suchen im Irak also nicht nach einem kulturellen Anderen, sondern nach ihrer eigenen Herkunft. Dieses Setting erweitert Al Bassam noch um eine zeitgenössische Ebene, indem er arabische Yuppies und Kämpfer des Islamischen Staates in Szene setzt. Diese transhistorischen Verflechtungen verleihen seinem Text einen rauen und ironischen Humor.

"UR" wurde in einer Koproduktion des Residenztheaters mit Al Bassams eigener Theaterkompanie SABAB und dem Arab Fund for Arts and Culture (AFAC) entwickelt. Inwiefern spiegelt sich diese interkulturelle und transnationale Kooperation auch in der Inszenierung selbst? 

Die Inszenierung von "UR" verwirklicht das Miteinander, das den Protagonisten des Theaterstücks nicht möglich ist: Die Besetzung mischt deutsche und arabische Schauspieler; das Drehbuch bedient sich dreier Sprachen (Deutsch, Arabisch und Englisch), die jeweils übertitelt und somit international verständlich werden. Dieser polyphone Text lädt ein breites Spektrum an Arabisch und nicht-Arabisch sprechendem Publikum ein. Das ist gerade mit Blick auf die sich wandelnde Theaterlandschaft Deutschlands von Bedeutung, die durch die Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge seit 2015 umgestaltet wurde. Nicht nur Deutschland profitiert vom Zustrom talentierter arabischer Künstler und neuer Publikumsschichten aus dem Nahen Osten, dasselbe gilt für weite Teile Europas und der Vereinigten Staaten. In diesem Kontext ist Al Bassams Werk eine Pionierleistung und kann als solche einen Weg in die Zukunft weisen: Die Polyphonie an Kulturen wird noch komplexer - und damit noch reicher. 

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