Unsere kollektive Schuld

Die Welt steht Kopf: "Urteile" ist ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München © Thomas Dashuber
Die Welt steht Kopf: "Urteile" ist ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München © Thomas Dashuber

Interviews: mit dem Bruder des griechischen Opfers, seinem Cousin, dem Priester, der Schwiegermutter des türkischen Opfers, seiner Witwe, einer Freundin der Familie, dem Großmarkthändler und seinen Kollegen, mit der Schulleiterin, der Sekretärin, der Rechtsanwältin, mit einem Politiker aus dem Untersuchungsausschuss, dem Polizeireporter, der Journalistin.

Einblicke in ihre Leben, Schlaglichter ihrer Biografien, ihre Biografien, die 2011, nach dem Auffliegen des NSU, plötzlich offenkundig alle miteinander verwoben sind.

Erstaunen, immer wieder Fassungslosigkeit, über das, was da berichtet wird: Dass die Opferangehörigen selbst die Tatorte reinigen mussten, wie sie immer und immer wieder zu Verhören mitgenommen wurden, die Angehörigen, die Freunde, die Kollegen. Wie sich ein Spinnennetz aus Verdächtigungen über sie ausgebreitet hat. Wie weit das Verurteilen ging.

Strukturell verankerte Vorurteile, die weitergetragen wurden, von Zeugen zur Polizei, von der Polizei zur Presse, und von der Presse mitten hinein in unsere Gesellschaft, "Urteile", die unsere Gesellschaft weitgehend unhinterfragt angenommen hat. Unsere "kollektive Schuld", die deutlich wird, wenn beispielsweise die Schulsekretärin mit einer Selbstverständlichkeit sagt: "Unter Gemüsehändlern, ... so was wurde gesagt ... Familienfehde!"

Die aufgezeichneten Gespräche, die zu einem Abend verdichtet werden sollen. Aber wie einen Anfang finden?

Der Struktur der Geschichte folgen: die Morde stehen am Anfang, dann die Verhöre, die Verdächtigungen, die daraus resultierende Vereinsamung, die Isolation, und erst Jahre später die Wahrheit.

Immer wieder die Angst, die Opferangehörigen ein weiteres Mal um ihre Geschichte zu berauben, um diese dann auf der Bühne auszustellen. Sich also immer wieder klar machen: Es geht um das Exemplarische.

Die Spannung liegt zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven. Das Individuelle zulassen, und somit eine Begegnung mit dem Menschen: mit seinem Humor, seiner Sprache, seinen Vorlieben, seinen Seufzern, seinen Fragen. Und gleichzeitig immer wieder auf das Exemplarische, das Strukturelle verweisen, bestimmte Ereignisse, die einer kollektiven Erfahrung entsprechen: die Verkehrskontrollen der Polizei bei Dunkelhaarigen, oder die Verhöre, die für alle Opferangehörigen der 9 Morde stehen können, die aber auch dafür stehen, mit welchen Schablonen die Institutionen unserer Gesellschaft.

Und dann: Die Interviews immer wieder lesen, immer wieder nach Momenten und Geschichten abklopfen, die man übersehen hat, die untergegangen sind in der Fülle des Materials, Momente, die man sich nicht hätte ausdenken können: Der Großmarkthändler, der erzählt, dass die Reifen seines Lieferwagens immer wieder zerstochen wurden, und zwar von einer Frau, "52 Jahre alt, aber Studentin", und sein Kollege, der einwirft: "Ausländer-Hasser!".

Diese Momente, die für den Abend so wichtig sind, weil sie von den Alltäglichkeiten erzählen, den Ungeheuerlichkeiten, die schon zur Normalität geworden sind, die vielleicht im Blick zurück eine andere Schärfe bekommen, weil sie schmerzlich erfahren lassen, wie weitreichend der Rassismus unserer Gesellschaft ist.