Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 1

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Die Lesereihe zur deutschen Demokratie beginnt mit Texten zur Revolution von 1848: Lieder, Gedichte, Essays, Satiren. Sie stammen von Ferdinand Freiligrath, Adolf Glaßbrenner, Georg Herwegh, Alfred Meisner, Johann Nestroy, Ludwig Pfau und Richard Wagner. Das ist die alphabetische Reihenfolge.

Die Reihenfolge der Vergessenheit oder der Bekanntheit sieht anders aus. Glaßbrenner, Meisner und Pfau sind als Autoren heute vergessen. Von Freiligrath, Herwegh und Nestroy kennt man in der Regel noch die Namen, jedenfalls unter gebildeten Literaturliebhabern. Aber auch wenn Wagner alles andere als unbekannt ist, so wissen vermutlich nur wenige von seiner Freundschaft mit Michail Bakunin, dem Anarcho-Sozialisten und Gegenspieler von Karl Marx, oder davon, dass Wagner im Vorfeld des Dresdner Maiaufstands von 1849 bei dem Gelbgießer Karl Wilhelm Oehme "eine bedeutende Menge Handgranaten" beziehungsweise "Schrapnells" hatte anfertigen lassen und dass er beim Ausbruch der Kämpfe die Empfindung eines, wie er schreibt, "ausschweifenden Behagens" verspürte; und kaum jemand weiß noch, dass Bakunin Wagner für dessen Opern-Projekt "Jesus von Nazareth" vorgeschlagen hatte, "nur einen einzigen Text in allen Variationen zu komponieren; der Tenor solle singen: 'Köpfet ihn!', der Sopran: 'Hängt ihn!' und der Basso continuo: 'Feuer! Feuer!'".
[Vgl. Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner. Sein Leben – Sein Werk – Sein Jahrhundert, München 1980]

Soviel religionskritische Freiheit, und politisch theologisches Bewusstsein würde man sich auch heute wieder wünschen. Denn anders als Walkürenritt-Schauer und Karfreitags-Zauber haben revolutionäre politische Empfindungen und radikaldemokratische Affekte nach der gescheiterten Revolution von 1848 nur noch selten Eingang in den kollektiven deutschen Gefühlshaushalt gefunden. Sie wurden von den kommenden, entschieden anti-demokratischen Reichen – Numero Zwei und Numero Drei – zertrümmert und von den Massenschlächtereien der Weltkriege verdrängt.

Revolution klingt im Deutschen eher nach Zusammenbruch, Chaos und Enttäuschung, nicht so sehr nach Aufbruch und Hoffnung. Und Demokratie wiederum klingt eher nach staatlich verordneter Grundordnung – von oben herab –, weniger nach kollektivem Enthusiasmus. Von den Begriffen "Volk" und "Nation"ganz zu schweigen, die nur selten begriffen werden als politische Praxis, Selbstregierung, egalitäre Teilhabe an der Macht, Vertreibung althergebrachter Herrschaften. Stattdessen werden sie assoziiert mit Kultur, Landschaft, Sangesfreude u. dgl. – wenn nicht mit Schlimmerem.

Aus diesem Grund ist es um so wichtiger, daran zu erinnern – fünfzig Jahre nach 68, hundertsiebzig Jahre nach 1848 –, dass es auch in Deutschland eine Tradition revolutionärer politischer Bewegungen, engagierter Dichter und demokratischer Hoffnungen gegeben hat – von unten auf – und dass die Namen "Deutschland""Volk" und "Nation" einmal fortschrittlich, mutig, solidarisch, befreiend und völkerfreundschaftlich geklungen haben, kurzum, dass sie das Gegenteil von völkischer Reaktion, teutonischer Rückwärtsgewandtheit und gehässigem Nationalismus waren.

In seiner Deutschen Geschichte beschreibt Thomas Nipperdey die Atmosphäre der Märzrevolution von 1848 wie folgt:

"Zu [ihren] Zielen gehört die eigentümliche Stimmung der Revolution, von der alle Berichte voll sind: die Stimmung des Aufbruchs, des Frühlings, wie man gerne sagte, der großen, wenn auch unbestimmten Erwartungen und Hoffnungen, dass nun alles neu werde und besser. Da sind Jubel, festliche Umzüge und Bankette, das Gefühl der Zusammengehörigkeit – man umarmt sich auf offener Straße –, der eigentümliche Drang, immer auf der Straße zu sein, in Bewegung sozusagen, der Wunsch etwas zu tun, etwas Gemeinsames vor allem. […] Die Erwartung einer neuen Zeit und die Bereitschaft zu handeln, das bestimmt nicht nur die Atmosphäre, sondern auch den Charakter dieser Revolution."
[Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800 – 1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 601]

Von diesen Hoffnungen und ihrem Scheitern an der Brutalität und Verschlagenheit der feudalen Eliten – der Bismarck und der Windischgrätz, um Namen zu nennen –, aber auch an der Obrigkeitshörigkeit ängstlicher Bürger berichten die Texte unserer Lesung.

1848 ist eine gescheiterte Revolution. Gründe dafür gibt es viele. Politisch scheitert die Märzrevolution an den dezentralen deutschen Verhältnissen, am Antagonismus Berlin – Wien, Preußen – Österreich, an den unterschiedlichen, sich gerade herausbildenden Parteien: Liberale, Radikaldemokraten, Sozialisten, Konservative, die untereinander und in sich selbst verfeindet sind, am Gegensatz von Stadt und Land, Bürger und Bauer, Bauer und Proletarier, die je andere Interessen haben; sie scheitert am Nationalitätenproblem Österreichs und an der territorialen Unbestimmtheit der künftigen Nation. 1848 ist eine gesamtdeutsche, nationale Revolution – aber ohne nationalstaatliche Einheit. Anders als in England oder Frankreich muss sie erst noch hergestellt werden, damit das deutsche Volk, das es bislang nur sprachlich und kulturell gibt, auch politisch zu existieren beginnt. Und zuerst und zuletzt scheitert die Märzrevolution – Ludwig Pfaus Badisches Wiegenlied singt eindringlich davon – am politisch und militärisch stärkeren, wesentlich gewiefteren und auch skrupelloseren Gegner, an den diversen Königen, Herzögen, Grafen, Baronen, Freiherren, Junkern, die seit Jahrhunderten das herrschaftliche Heft oder genauer (mit Bakunin gesagt): die Knute in der Hand haben und welche die demokratischen Revolutionäre verfolgen, einsperren, bekämpfen, zusammenschießen, die Rädelsführer hinrichten lassen werden. Sie können 1849 dann genau dort weitermachen, wo sie auch schon 1815 – nach dem napoleonischen Intermezzo – weitergemacht hatten: bei der für sie sehr vorteilhaften Aufrechterhaltung vor-revolutionärer, monarchischer Verhältnisse. Das Volk spielt darin die Rolle, die es in Georg Büchners melancholischen Texten spielt: ein unterworfener Haufen tumber Vivat-Vivat-Rufer, ausgepresster Steuerzahler, ausgebeuteter Tagelöhner.

Eindringlich ist die Marxsche, bereits im Pariser Exil entstandene Beschreibung der deutschen Verhältnisse aus dem Jahr 1843. Vor dem Hintergrund der gerade gehörten Texte werden die berühmten Sätze unmittelbar verständlich. Marx schrieb:

"Wenn ich die deutschen Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeitrechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart. Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.

Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wodurch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist? […] Also Friede den teutonischen Urwäldern!

Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik. […]."
[Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Deutsch-Französische Jahrbücher, 1. und 2. Lieferung, Paris 1844]

Aus Marx’ Beschreibung der deutschen Erbärmlichkeiten hört man die offene Wut und die Verachtung, zugleich das Pathos und die Scham des ins Exil Gezwungenen, der ohne zu zögern "Wir" sagt und "unser Volk" meint. Die deutschen Zustände unterbieten in der Tat jeden politisch aufgeklärten Minimalstandard: Es gibt keine Presse- und Versammlungsfreiheit, keine Gewaltenteilung, weder Freizügigkeit noch Gleichheit, keine Judenemanzipation, nichts von dem, was die französische Revolution mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor schon erkämpft und politisch realisiert hatte.

Dagegen hilft auch der Wissenschafts- und Bildungs-Dünkel nichts, mit dem man sich über die Misere hinwegzutrösten suchte: dass man in den deutschen Universitäten den Verlauf der Welt-Geschichte schon perfekt denken und absolut begreifen könnte – ohne dabei je einen anderen Finger als den Schreibfinger gerührt zu haben –, während man in London oder Paris nur unwissend von einer historischen Aktion zur nächsten taumelte; dass man statt blutsaufender Robespierres und Napoleons ja schon den kategorischen Imperativ und das absolute Wissen erfunden habe, dass man Kant, Fichte, Hegel, Schelling, ja Traugott Krug und Gottlob Ernst Schulze im Original lesen könne. Marx gibt auf diese deutsche Philosophiegeschichte nichts; er schreibt ihr 1845 umgehend die elfte Feuerbachthese ins Stammbuch: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern."
[Karl Marx: Thesen über Feuerbach, Marx-Engels Werke, Bd. 3, S. 533 f.]

Und genauso wenig gibt Marx auf die seinerzeit ebenfalls sehr beliebte Trost-These, der zufolge die Deutschen im Grunde genommen gar nicht verzopft und zurückgeblieben wären, sondern nur ausgesprochen ursprünglich und kindlich. Hölderlin hatte 1799 in diesem Sinn an die Adresse der Deutschen gedichtet (Schiller und Novalis dachten dasselbe):

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch' und Sporn
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seyd
Thatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die That?

[Friedrich Hölderlin: An die Deutschen, 1798]

Über vierzig Jahre lang sind aus dem Gedanken-Gewölk dann aber weder Strahl noch Tat gekommen; und auf den Holz-Pferdchen wurde alles nur immer trüber, dumpfer und drückender – bis im Februar 1848 die Volksversammlung zu Mannheim – und zwar angestiftet von den jüngsten revolutionären Nachrichten aus Paris – Preßfreiheit, Ende der Zensur, Ende des Parteienverbots, Volksbewaffnung und ein deutsches Nationalparlament forderte.

Und am allerwenigsten gibt Marx natürlich etwas – darauf bezieht sich die Wendung von den „Deutschtümlern von Blut“ und den „Freisinnigen von Reflexion“ – auf den teutonischen Germanen-Ur-Nationalismus, der glaubte auf Paris, Revolution, überhaupt: auf alles Ausländische und Alt-Aufklärerische pfeifen zu können. Dieser Nationalismus führte Fichte 1807 zum Beispiel zu der Ansicht, dass – ich zitiere – "der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausströmen aus der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen germanischen Stämme [also die Franzosen] eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel aber tote Sprache".
[Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation, Vierte Rede, Hamburg 1978, S. 72]

Ernst Moritz Arndt sagte wenig später, nämlich 1814, haargenau dasselbe, was die patriotische Sache nicht besser machte:

"Die Deutschen sind nicht durch fremde Völker verbastardet, sie sind keine Mischlinge geworden, sie sind mehr als viele andere Völker in ihrer angeborenen Reinheit geblieben […]; die glücklichen Deutschen sind ein ursprüngliches Volk."
[Ernst Moritz Arndt: Fantasien zur Berichtigung der Urtheile über künftige deutsche Verfassungen, in: E.M. Arndt’s Schriften für und an seine lieben Deutschen, Leipzig 1845, S. 376]

Ausgerechnet Ernst Moritz Arndt war 1848 dann aber neben dem Burschenschafter Heinrich von Gagern einer der ersten Präsidenten des Paulskirchen-Parlaments.

Marx hatte mit seiner Replik auf den Germanennationalismus – "Friede den teutonischen Urwäldern" – zweifellos Recht. Die germanisch-liberale Ur-Freiheit war (und ist) noch nie etwas anderes gewesen als eine aus Ohnmacht und Ressentiment geborene Größen-, Rache- und Rasse-Phantasie, die sich – sozusagen back to the future – eine Ursprungs-Nation diesseits aller Geschichte freihändig erfindet.

Und dennoch: was Marx’ wütende Pariser Schilderung der deutschen Verhältnisse vorschnell, um nicht zu sagen: ungerechterweise, außer Acht lässt, sind die extrem schwierigen, historisch-politischen Verhältnisse, unter denen die deutschen Demokraten 1848 gegen das überkommene Feudalregime, aber auch gegen die politisch schon damals rückständige Deutschtümelei zu kämpfen hatten. Da gibt es die ängstliche Untertanen- und Philistermentalität, deren tragische Figur der Hamletkomplex ist, also der hemmende Bann des Nichthandelnkönnens, des Zögerns und Zauderns, weil man dem Phantasma der Fürsten-Allmacht auf den Leim gegangen ist und man nicht glauben kann, dass der Kopf des Fürsten ein Kopf ist wieder jeder andere auch. Da gibt es eine Nation, die, je nach Zählung, in fünfunddreißig oder achtunddreißig Staaten, folglich in ebenso viele Staatsvölker zersplittert ist und die man jetzt einigen soll; da gibt es die gärenden sozialen Konflikte, verstärkt unter anderem durch die Missernten der Jahre 1846 und 1847, die sich nicht einfach durch Wahlen und Versammlungsfreiheit beheben lassen; und da gibt es auch das allzu frühe Ausscheiden der Bauern aus der Revolution, die sich nicht mit den liberalen Städtern verbünden wollen. "Als sie haben, was sie wollen [Grundentlastung, Waldnutzung, Jagdrechte], zeigt sich, dass sie der liberalen wie der demokratischen Republik fremd gegenüberstehen"
[Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866, S. 602].

Strukturell wird die Revolution schließlich scheitern an der fatalen Spaltung der Revolutionäre in liberal-konstitutionelle Konservative und radikale Republikaner. Die alten Mächte siegen auf der ganzen Linie, allen voran: Bismarcks Preußen, das sich nach und nach ganz Deutschland einverleiben wird, um die Demokratie in ein untotes Gespenst und einen fernen Traum zu verwandeln. Das Medium dieses Traums sind das Lied und die Legende: "Und sollt euch einer fragen / lebt denn der Hecker noch? / so sollet ihr ihm sagen: / der Hecker lebet noch. / Er hängt an keinem Baume / er hängt an keinem Strick, / sondern an dem Traume / der deutschen Republik."

Die radikal-demokratische 48er-Tradition ist bis auf den heutigen Tag im historischen Bewusstsein – inklusive dem der Literaturgeschichte – eher randständig geblieben. Die Texte, denen es um Wirkung und Gebrauch geht, um Tendenz und Agitation, erheben nicht den Anspruch auf Ewigkeit und Goldschnitt-Ausgaben.

Wenn nicht alles täuscht, ist die 48er-Tradition aber immer dann erneut interessant geworden, wenn die Gegenwart sich ihrer politischen und sozialen Grundlagen vergewissern wollte oder musste, mit anderen Worten: in Zeiten der Krise und des politischen Umbruchs.

Tags: Demokratie