RICHARD III

Inhaltsangabe

"Richard III" ist das chronologisch letzte Stück in Shakespeares Schilderung des englischen Bürgerkriegs, der als "Krieg der Rosen" bekannt wurde. Der Zyklus, der nicht in der historischen Reihenfolge entstand, beginnt mit "Richard II", der den Sturz des vorerst letzten Königs der Familie York zum Thema hat. Darauf folgen "Heinrich IV", "Heinrich V" und die drei Teile von "Heinrich VI" - jeder Teil ein vollständiges fünf- aktiges Drama –, in denen die Herrschaft der drei Könige aus dem Lancaster-Stamm geschildert werden. "Heinrich VI" endet mit der Absetzung und Ermordung des Königs (Philip Dechamps) und seines Sohns, des Prinzen Edward durch die York-Brüder Edward (Götz Schulte), Clarence (René Dumont) und Richard (Norman Hacker). Heinrichs Frau Margaret (Sibylle Canonica) überlebt und geistert als Fluchgestalt und Verkörperung der Vorgeschichte durch "Richard III". Sie hält aber nicht nur das Bewusstsein für die (Un-)Taten der politisch Agierenden wach, sondern hat in dieser Fehde selbst schwere Schuld auf sich geladen, als sie nicht nur den Vater der Brüder, Richard von York, sondern auch dessen jüngsten Sohn, Rutland, auf bestialische Weise tötete. Nach der Ermordung Heinrichs VI hat Edward als ältester der York-Brüder den Thron bestiegen, an seiner Seite Königin Elisabeth (Hanna Scheibe), eine Adlige von niederer Abstammung, die ihre Stellung nutzt, um ihrer Verwandtschaft gute Posten in der höfischen Hierarchie zu sichern, so zum Bei-spiel ihrem Bruder Lord Rivers (Max Koch). Richard sieht sich in seinem Machtwillen also vielen Hindernissen gegenüber: Sollte Edward, sein kranker Bruder auf dem Thron, bald sterben, so würde der nächstgeborene Bruder Clarence mit der Sippe der Königin um den Thron konkurrieren. Richard hätte in dieser Konstellation nur geringe Aussichten. Also bringt er Clarence bei Edward in Verruf. Als der König seinen Bruder verhaften lässt, engagiert Richard zwei Mörder, die den Gefangenen mit einiger Mühe zu Tode bringen. Als nun auch Edward stirbt, stehen dessen Söhne, die wiederum Richard und Edward heißen, in der Erbfolge immer noch vor ihrem Onkel Richard. Da die Prinzen minderjährig sind, beginnt ein kurzer Kampf um den Einfluss auf die Kinder. Richard schwingt sich erst zum Lord Protektor auf, dem Statthalter, der die Regierungsgeschäfte kommissarisch für die Prinzen führt, und schließlich zum König. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er noch einige Gegner im Adel ausschalten - nicht nur den Bruder der Königin, Lord Rivers, sondern auch den einflussreichen Lord Hastings (Michele Cuciuffo) – und sich die Zustimmung der Bürgerschaft sichern. In beidem sind ihm vor allem zwei Verbündete von großer Hilfe, die beide bei Shakespeare keine Rolle in der langen mörderischen Vorgeschichte haben: Lord Buckingham (Thomas Schmauser), der die "populistische" Seite Richards inszeniert, und Catesby (Marcel Heuperman), der mit großer Zuverlässigkeit, fast Anhänglichkeit die Drecksarbeit für Richard verrichtet. Besiegt wird Richard am Ende von sich selbst und Richmond (Philip Dechamps), der von einer Seitenlinie der Lancasters abstammt und als Heinrich VII. die Herrschaft der Tudors begründet, die auch noch an der Macht sind, als Shakespeare "Richard III" schreibt.

Man kann Richard als einen kühlen Techniker und gewieften Analytiker der Macht beschreiben, der die Interessen und damit die Schwächen seiner Gegner so geschickt zu nutzen weiß, dass diese kaum verstehen, wie ihnen geschieht. In Wahrheit aber ist der König nackt und vielleicht ist Richards herausragendste Eigenschaft, dass er das weiß. Nichts spricht für ihn, niemand behauptet seine Stellung an seiner Stelle. Er kann nur selber das Maul aufreißen. "Seine Strategie folgt einer Dynamik der Eskalation, geht an die Grenzen des Möglichen und nimmt einen Weg, der das Gelingen nicht aus der Mitte heraus, sondern vom Extremen her bestimmt", schreibt Joseph Vogl. Richard ist das Extrem, er lügt unverhohlener als all die Lügner um ihn herum, er mordet schneller und skrupelloser als die Mörder, mit denen er konkurriert, er besitzt weniger Scham als die regierende Schamlosigkeit und mehr Egozentrik als die Egozentriker, zwischen denen er sich bewegt. An ihm, am Extrem, erweist sich die tiefgreifende Pathologie, der Wahn, die Exzentrik, die Panik der Macht und der Mächtigen. In dieser Hinsicht gibt es von Shakespeare keine Schonung. Niemand kann sich am Ende überrascht oder betrogen zeigen: der König ist nackt und alle können es sehen, aber – anders als im Märchen – hilft es nicht, darüber zu reden, das Augenscheinliche zu demaskieren. Das wird in diesem Stück ständig getan, aber das erlösende Wort existiert nicht mehr. Richard gelingt es im Gegenteil, als Hauptdarsteller seiner selbst alle zu Mitspielern zu machen - auch jene, die eigentlich als Gegenspieler angetreten waren. Sein Verfahren wie das seines Autors besteht darin, alle so tief zu verstricken, bis sie als Teile eines wahnhaft überdrehten Systems von Schuld, Rache, Misstrauen und skrupellosem Aufstiegswillen erkennbar werden. Richards Einsamkeitsformel "I am myself alone", mit der er sich aus allen sozialen Fügungen verabschieden zu können glaubt, klingt wie eine schreckliche Antwort auf die heute so verheißungsvoll wie unerbittlich anmutende Forderung "Be yourself". Er ist der neue König einer Welt, die für Menschen gemacht scheint, die keine Menschen mögen.