Gerhart Hauptmann

Im Jahr 1885, dem Jahr des Durchbruchs des Naturalismus in Deutschland mit der Publikation von Arno Holz’ „Das Buch der Zeit“ und der ersten Ausgabe von Michael Georg Conrads Münchner Zeitschrift „Die Gesellschaft - realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben“, lebte Gerhart Hauptmann in Berlin Moabit. Nach seinem abgebrochenen Kunststudium in Dresden, studierte er an der Universität Berlin und nahm Schauspielunterricht bei Alexander Heßler. Heßler war wie Hassenreuter ein ehemaliger Theaterdirektor der Klassischen Schule, der sich mit seinem Eleven Hauptmann auf dem Dachboden einer zum Mietshaus umgebauten Kaserne in der Alexanderstraße in der Mitte von Berlin heftige Streitgespräche geliefert hat. Der dreiundzwanzigjährige Hauptmann schwärmte von Büchner und hielt ein Jahr später im Dichterverein „Durch“ einen flammenden Vortrag über dessen „Woyzeck“. Denn Hauptmann, am 15. November 1862 in Schlesien als viertes Kind eines verarmten Hotelbesitzers geboren, lernte früh mit sozialen Konflikten leben. 1877 musste der Vater das Hotel verkaufen und übernahm eine einfache Bahnhofswirtschaft. In seinem Theaterstück „Fuhrmann Henschel“ (1898) hat sein Sohn den sozialen Abstieg der Familie beschrieben. Hauptmann brach eine Lehre als Landwirt ab und konnte anfangs nur dank des Erbes seiner ersten Frau als freier Schriftsteller existieren. Von 1886 bis 1888 lebte er mit ihr und seinen Kindern in Erkner im Osten Berlins. Hier entstand auch sein erstes naturalistisches Drama „Vor Sonnenaufgang“, das 1889 mit großem Erfolg und Skandal an der Freien Bühne im Berliner Lessingtheater aufgeführt wurde. Es folgten „Das Friedensfest“ (1890), „Einsame Menschen“ (1891), „ Die Weber“ und „Der Biberpelz“ (1893). Spätestens nach seinen „Webern“, die im überzeichneten schlesischen Dialekt die soziale Misere der Industrialisierung und ihre sozialen Umbrüchen Mitte des 19. Jahrhunderts zum Thema hatten, wurde Gerhart Hauptmann, wie Fontane über ihn schrieb, „zum wirklichen Hauptmann der schwarzen Realistenbande“.

In den folgenden Jahren spielte man Hauptmanns Theaterstücke in ganz Europa. Nach seiner ersten Amerikareise und während eines längeren Griechenlandaufenthaltes entstanden um 1910 „Die Ratten“. In seiner „Berliner Tragikomödie“ thematisierte er nicht nur die Härte der sozialen Konflikte in der Umbruchsituation der modernen Industriegesellschaft einer Großstadt. Hauptmann ging einen Schritt weiter und beschrieb die Motive der naturalistischen Kunstbewegung und des philosophischen Positivismus seiner Zeit bereits aus kritischer Distanz. Seine persönlichen Erlebnisse als junger Schauspieleleve in der Berliner Alexanderstraße wurden zwei Jahrzehnte später zum Ausgangspunkt der kritischen Befragung seiner eigenen erfolgreichen Theaterarbeit.

„Viele meinen heute, dass diese Berliner Tragikomödie, die so naturalistisch sein möchte und es so wenig ist, geschrieben in einem Dialekt, der in solcher Weise niemals gesprochen wurde, zum Größten gehört, was Hauptmann gestaltet hat.“ Hans Mayer

Hermann Bahr, notierte in seinem, in der Wochenschrift Pan 1 (1910/1911) veröffentlichten Tagebuch: „2. Februar. Berlin. Lessingtheater, die Ratten. Ich habe seit Jahren im Theater Stärkeres nicht erlebt … Da stehen auf einmal auf der Bühne, man weiß nicht woher, man weiß nicht warum, ohne Zusammenhang eine Engelmacherin, ein Schutzmann, eine verluderte Person, ein Dienstmädchen,
ein schwätzender Theatermensch und ein paar Jungen herum, und jedes redet vor sich hin und keins weiß, was das andere will, und plötzlich bemerkt einer, dass das Kindchen in den Armen der Engelmacherin schon tot ist, und nun sagen sie nichts mehr, nur der alte Komödiant schwätzt noch – darin ist für mein Gefühl das Leben und sein Schatten, der Tod mit solcher Intensität da, wie nur noch etwa im Lear, wenn die drei Narren, der wirkliche, der von Beruf und der falsche, in der Hütte beisammen sind. Das lässt mich auf den Grund des Lebens sehen; wohin kein Gedanke, wohin nur Ahnung reicht. Das Herumstehen der Menschen im Dasein, und dass keiner je den anderen erlangen kann, bis der Tod unter sie tritt, dann erinnern sie sich erst …und das Verstummen, das Verlöschen von Begierden, Leidenschaften, Mächten, wenn der Tod ins Zimmer kommt … mich greifst mit solchem Grauen an, als wäre mir der Nabel des Schicksals entblößt! Aber Artisten sagen: auch jede Lokalnotiz enthält das Menschenschicksal. Ja. Sie haben recht, es ist wirklich am Ende nicht mehr als eine Lokalnotiz, zur Anschauung gebracht. Aber ist der Oedipus mehr? Nur dass da der Chor zur Lokalnotiz noch Betrachtungen macht. Ich aber brauche den Chor nicht, ich mache mir meine Betrachtungen selbst, darin stört er mich bloß. Der Freund Hauptmanns jedoch, der sein neues Stück an den alten misst, sagt: es ist nicht fertig. (Bahr verweist hier auf die Kritik von Alfred Kerr vom 15. Januar 1911.) Er hat Recht, es ist nicht so fertig wie jene, es ist nicht so deutlich, es hat Schleier. Aus einer künstlerischen Schwäche Hauptmanns? Aus Ungeduld? Aus Nachlässigkeit? Vielleicht. Aber dann lass mich diese Nachlässigkeit segnen! Denn es ist die Nachlässigkeit, die das Leben selbst hat. Und das Leben macht auch nichts fertig, habt ihr das noch nicht bemerkt? Mein Photograph gibt mir bisweilen Platten zurück, weil er sie „verwackelt“ findet. Und das sind dann immer die einzigen, die für mich die Unwahrheit der Photographie nicht haben. Wie jene van Goghs am stärksten auf mich wirken, von denen man zu sagen pflegt, der Maler müsse betrunken gewesen sein. Wenn ich nämlich im Frühling den Wind über meinen Acker streichen sehe, kommt mir auch vor, die Natur müsse betrunken sein; und erst der Photograph ernüchtert sie. Ich kann nur sagen, auf mich hat in Hauptmanns letzten Stücken immer gerade das Undeutliche, das Unfertige, das Schwankende, Verwischte, Zitternde mit einer Macht gewirkt, die seine fertigen Stücke nicht über mich hatten, und ich finde dass er gerade dort, wo die Freunde, die ausführende Kraft vermissen, über den Naturalismus hinaus in einen Bezirk kommt, den ich noch nicht anders nennen kann als mit dem zerriebenen Wort: mystisch. Ich weiß, dass ich da die besten Köpfe gegen mich habe. Aber was soll, was kann ein ehrlicher Mann als sich an seinen Eindruck halten?“
 

Die Ratten - Realismus als Illusion

Hautnah am Leben sollte ein Kunstwerk für die Naturalisten sein. In detailgenauen Bildern, Romanen und Theaterstücken zeigten die Künstler schonungslos den Alltag und die Nöte der Land- wie der wachsenden Stadtbevölkerung, die verschärften Arbeitsbedingungen in den Fabriken, Obdachlosigkeit und Armut, aber auch Volksbräuche oder häusliche Szenen.

Die Ratten - Realismus als Illusion

Die Ratten

Inhaltsangabe

Auf dem Dachboden eines Berliner Mietshauses hat der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter seinen Theaterfundus eingerichtet. Nach jahrelanger Theaterarbeit in der Provinz muss er sich und seine Familie als Kostümverleiher und Schauspiellehrer durchbringen. Die im Mietshaus wohnende Frau Maurerpolier John hat er als Putzkraft engagiert. In der Großstadt gehen die Gespenster des gesellschaftlichen Abstiegs um und entwickeln in Hassenreuters Fundus ihr Eigenleben: Ist das Realität oder Illusion? Theater oder Wirklichkeit?

Die Ratten
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Die Ratten

Die Ratten

von Gerhart Hauptmann

Die Ratten