ELEKTRA INHALTSANGABE

Bei ihrem ersten uns bekannten Auftritt auf der Bühne des klassischen griechischen Theaters, in den Choephoren des Aischylos, steht Elektra auf der Schwelle zwischen Matriarchat und Patriarchat. Ihr Vater Agamemnon hatte ihre Schwester Iphigenie für guten Wind auf dem Weg in den trojanischen Krieg geopfert. Nach dem Sieg der Griechen war er mit der trojanischen Prinzessin Kassandra nachhause zurückgekehrt. Seine Frau Klytämnestra ermordete mit ihrem Liebhaber Ägisth den Heimkehrer im Bad. Elektra hält die Erinnerung an Klytämnestras Verbrechen in Mykene wach bis ihr Bruder Orest aus dem Exil zurückkehrt, um die Rache für den Gattenmord zu vollziehen. Auf dem Areopag wird Orest schließlich von Athene freigesprochen - der Muttermord wiegt nicht so schwer wie der Mord am Gatten, die väterliche Linie ist von nun an die Bestimmende in der Bildung von Genealogien. Es sind also zwei weibliche Figuren, von denen Orest erst ermutigt, dann rechtfertigt wird, als er die Mutter erschlägt, weil sie den Vater erschlagen hat, der die Tochter geopfert hat. Es sind zwei weibliche Figuren, die Göttin, die dem Kopf ihres Vaters Zeus entstiegen ist, und die Königstochter Elektra, die dem Gesetz des Vaters zum Durchbruch verhelfen. Mit enormer Kraft und großem Beharrungsvermögen scheint Elektra ihrer eigenen Entmachtung zuzuarbeiten.

Als Hugo von Hofmannsthal das erste Mal darüber nachdachte, ein Schauspiel auf der Basis von Sophokles‘ „Elektra“ zu schreiben, scheint er gleich ihr Ende vor Augen gehabt zu haben: anders als alle klassischen Vorbilder sollte seine Elektra den Mord an der Mutter nicht überleben. Warum aber wollte Hofmannsthal Elektra unbedingt töten? Eine vielleicht gar nicht nur abwegige Erklärung könnte lauten: weil er ihr die Ehe ersparen wollte. Tatsächlich hat das Fortleben Elektras als Gattin des Pylades, des Freundes von Orest, in den klassischen Dramen immer etwas seltsam Zufälliges und beleidigend Unselbstständiges.

Wesentlicher scheint, dass Hofmannsthal sich die inneren Konflikte seiner Heldin als so existentiell vorstellte, dass ihm ein glücklicher Ausgang oder auch nur ein Entkommen offensichtlich unmöglich erschien. Existentiell ist die Rache für den Mord am Vater bei ihm  in einem ganz wörtlichen Sinn: „ich bin das hündisch vergoßne Blut des Königs Agamemnon“. Auf der einen Seite und bei etwas oberflächlicher Betrachtung existiert Elektra also aus dem Rachebedürfnis und im Gegensatz zur Welt. Was hält noch, wenn dieser Widerstand wegfällt? Wenn die identitätsstiftende Frage gelöst ist? Hofmannsthal fasst das Ende in das Bild von der Drohne, der die Eingeweide entstürzen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat.

Im Hintergrund gibt es aber noch eine andere Geschichte, oder sogar zwei. Hugo von Hofmannsthal hat, als er nach Quellen zu seinem Erfolgsstück befragt wurde, angegeben, er habe unter anderem „das merkwürdige Buch über Hysterie von den Doktoren Breuer und Freud“ zu Rate gezogen. Die „Studien über die Hysterie“, die Sigmund Freud und Josef Breuer 1895 veröffentlichten, sind eine Sammlung von Fallgeschichten und ein Gründungsdokument der Psychoanalyse. Besonders der erste von Josef Breuer beschriebene Fall hat die Aufmerksamkeit der „Elektra“-Interpreten erregt, weil sich einige auffällige Parallelitäten zwischen den beiden Texten finden lassen. Es ist gleichzeitig ein besonders interessanter Fall, weil Anna O., die im wirklichen Leben Bertha Pappenheim hieß, fast im Alleingang die Psychoanalyse „erfindet“. Nach dem Tod ihres Vaters, den sie lange aufopferungsvoll gepflegt hatte, verfällt die vielfach begabte, aber nach den Konventionen streng auf den elterlichen Haushalt eingeschränkte Frau in „hysterische“ Zustände. Sie zeigt körperliche Lähmungserscheinungen, immer wiederkehrende Absencen und verliert zeitweilig völlig die deutsche Sprache, kann sich nur noch auf englisch verständigen. Dennoch weist sie ihrem behandelnden Arzt Josef Breuer den Weg zu einer neuen Heilmethode, die sie selbst als „talking cure“ bezeichnet. Wenn das auslösende Moment eines Symptoms erzählend ausfindig gemacht und ausgesprochen werden kann, verflüchtigt sich das Symptom umgehend. In den „Studien über die Hysterie“ ist der Prozess bis zum Abbruch der Therapie durch den Arzt geschildert. Bertha Pappenheim ist daraufhin allerdings keineswegs gestorben, sondern nach mehreren Klinikaufenthalten zu einer anerkannten und international tätigen Frauenrechtlerin geworden. Im Jahr des Erscheinens der „Elektra“ hat sie auf verschiedenen internationalen Kongressen gesprochen. Sie war also sowohl ihrer erdrückenden Familienkonstellation als auch ihrem Arzt glücklich entkommen und hatte sich in ihrem weiteren Leben genug Raum verschafft, um sich auch noch die Befreiung vieler anderer Frauen vorstellen und dafür tätig werden zu können. Dem Dichter waren solche Perspektiven auf das Schicksal seiner Heldin nicht vergönnt.

Das klingt ein wenig ungerecht und ist es wohl auch. Der historische Draufblick tut sich mit solchen Urteilen häufig ein wenig zu leicht. Vielleicht lässt sich in der Bezugnahme Hofmannsthals auf die Hysterie-Studien ja noch eine andere Geschichte finden: „Meine 3 antiken Stücke haben es alle 3 mit der Auflösung des Individualbegriffes zu tun“ schrieb Hofmannsthal rückblickend und tatsächlich lassen sich die 3 Frauen im Zentrum auch als Aspekte einer Person, eines Körpers und eines dissoziierten Bewusstseins verstehen. Die Psychoanalyse hat (mindestens in ihren Anfängen) die Heilung und Harmonisierung dieses Zustandes zum Ziel; ihr Leitbild ist die gesunde, stabile Persönlichkeit, das „Wiederfinden“ verlorener Einheit. Dem steht gegenüber, was neuere feministische Forschung mit dem alten und medizinisch längst ad acta gelegten Begriff der Hysterie verbindet: auf die Zumutungen von Rollenzuweisungen und Identitätsbefehlen reagiert die Hysterikerin (von den männlichen Formen ein andermal) mit rasanter, unklassifizierbarer, exzentrischer Symptombildung. Sie leidet, sie genießt, sie erstarrt, sie parodiert, sie multipliziert und untergräbt die Bilder, die von ihr in Umlauf sind. Sie ist geistesgegenwärtig und absent, eloquent und stumm in einem unabsehbaren Rhythmus. „Elektra ist nicht mehr Elektra, weil sie eben ganz und gar Elektra zu sein sich weihte“, wie Hofmannsthal sagt. Das widerständige und möglicherweise befreiende Potential eines solchen Daseins hat er höchstens geahnt. Vielleicht ließe sich das Gesetz des Vaters mit seinen Festlegungen, Bildern und Mustern „von innen her zersprengen wie das sich zu Eis umbildende Wasser im irdenen Krug“. Vielleicht muss Elektra dann weder sterben noch heiraten.

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 12

Der Abschied von den Spielen der Kinderzeit ist kein leichter. Düster beschreibt dies Ingeborg Bachmann, Diva der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, in ihrem Gedicht "Das Spiel ist aus".

"Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus. Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen. Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus, wenn wir den Atem tauschen."

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 12

„Für uns ist die Ausei-nander-setzung mit dem Mythos eine große avan-tage“, Hugo von Hof-manns-thal über "Elek-tra"

Elektra

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von Hugo von Hofmannsthal

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