Eines langen Tages Reise in die Nacht

Inhaltsangabe

Die Sonne scheint an einem Augusttag durch die Fenster des Sommerhauses der Familie Tyrone. So beginnt (in O’Neills Worten) "die Geschichte eines Tages, von acht Uhr früh bis Mitternacht, im Leben einer vierköpfigen Familie im Jahr 1912 – ein Tag, an dem Dinge passieren, die die gesamte Vergangenheit dieser Familie offenbaren. Eine tief tragische Geschichte, aber ohne irgendeine gewaltsame dramatische Handlung. Am Schluss sind sie immer noch da, durch die Vergangenheit ineinander verfangen, jeder schuldig und gleichzeitig unschuldig, sich gegenseitig verachtend, bedauernd, liebend, verständnisvoll und dennoch überhaupt nicht verstehend, vergebend, aber dazu verdammt, nie vergessen zu können." Jeder gegen Jeden. Jeder abhängig von Etwas und vom Anderen. Als Eugene O’Neill das Stück 1940-41 schreibt, bedient er sich schonungslos an der eigenen Biographie. Der Vater James im Stück ist sein Vater, ein Schauspieler dessen Karriere nur von einer Rolle bestimmt wird. Die Mutter Mary ist seine Mutter Ella, die durch seine Geburt abhängig wird. Und der Bruder James jr. ist sein ältester Bruder, ein mittelmäßiger Schauspieler am Broadway, der dem Alkohol verfällt. All das schreibt er in sein Stück hinein und lässt es die Schauspielerfamilie Tyrone austragen.

Sich selbst porträtiert O’Neill als Edmund, benannt nach seinem früh an Masern verstorbenen, mittleren Bruder. Wie jemand, der sich im Alter selbst als jungem Mann begegnet, und mit der Reife des Alters neu erfindet. Seine jugendbewegte Begeisterung für Stirner und Nietzsche, seine Sehnsucht nach dem erweiterten Horizont des Reisens und seine ungestüme Zeit in den Kneipen New Yorks, als sie Seemanslieder an der Theke sangen und sozialistische Bücher aus der legendären Buchhandlung Benjamin Tuckers lasen. Am Ende seines Lebens legt er einen großen Zyklus von neun bis zwölf Stücken über seine Heimat US-Amerika beiseite und schneidet sich mit schon zitternden Händen mühevoll die Familienaufstellung aus dem Hirn – das Ergebnis heißt "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Vielleicht empfindet er es als Unrecht, dass sein Erfolg als Schriftsteller proportional zu den Toden der Familie wächst. Zeitnah zum ersten Pulitzerpreis stirbt der Vater, beim zweiten die Mutter am 22.2.22 und als der Bruder stirbt, verleiht ihm die Nationale Akademie für Sprache und Dichtung die Goldmedaille. Fast dreißig Jahre später ist O’Neill nicht nur reich und berühmt, er ist auch vergrätzt und nur "dank einer Reihe von Spritzen wieder recht fit". Er analysiert die zahlreichen Verdrängungen und aktiven Vertuschungsversuche der Familienmitglieder, verbindet sie geschickt mit der Diskussion um das Theater und trotzdem ist der Nihilismus dahinter nicht nur Familienkost: "Ich gehe aus von der Theorie, dass die Vereinigten Staaten, anstatt das erfolgreichste Land der Erde zu sein, der größte Fehlschlag sind. Wir hatten so viele Möglichkeiten und haben einen falschen Weg gewählt. Da es aber so ist, wäre es wohl an der Zeit, die Menschheit bei der nächsten Sintflut untergehen und die Ameisen einmal ihr Glück versuchen zu lassen …" O’Neill beschreibt die frühen Reibungen des Kampfes um die unbedingte Individualisierung, um die Freiheit des Einzelnen, der heute, wo er noch lange nicht für alle, aber für einige fast erreicht ist, ob seiner Nebenwirkungen wieder extrem skeptisch werden lässt. Düster und naturalistisch sollten die Dramen zu O’Neills Zeiten sein — heute entdeckt man darin die Unausweichlichkeit der familiären Konflikte, die jeden als Persönlichkeit spreizen, bei der jeder die Sprache, die Gefühle und die Liebe lernt und die es zu einer unmöglichen Aufgabe werden lassen, den Anteil der Familie daran zu verleugnen. Wir wissen viel mehr um die Spuren und Prägungen, die sie in uns hinterlässt, und trotzdem sind wir ihr noch immer genauso ausgeliefert. Warum sollte man sie nicht mal umarmen, anstatt sich allein an ihrer Bösartigkeit zu ergötzen? Ebenso ist auch nicht einzusehen, warum eine Opiatabhängigkeit vergleichsweise schlimmer als die Alkoholsucht sein soll.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Programmheft Auszug (PDF)

Eines langen Tages Reise in die Nacht Programmheft Auszug (PDF)
Bild

Eines langen Tages Reise in die Nacht (Fotogalerie)

Eines langen Tages Reise in die Nacht

Eines langen Tages Reise in die Nacht

von Eugene O´Neill

Eines langen Tages Reise in die Nacht