GOTSCHEFF BRINGT NICHTS

"Theaterschamane" Dimiter Gotscheff © Thomas Dashuber
"Theaterschamane" Dimiter Gotscheff © Thomas Dashuber

Gotscheff bringt nichts. Gotscheffs Theater mischt sich nicht ein. Es entzieht sich. Verbarrikadiert sich. Es interveniert nicht in gegenwärtiges Geschehen, sondern richtet seine  Betrachtung auf vergangene Schrecken. Gotscheff bildet keine Realität ab. Er interessiert sich nicht für das sogenannte Heutige. Statt dessen Antike, Heiner Müller und Heiner Müller. Gotscheff kommt zu uns ohne Methode, ohne Aufgaben, ohne Antworten. Was soll uns Regiestudenten so einer bringen? Die Antwort ist: Nichts. Gotscheff bringt nichts. 

Wir wollen drei Wochen mit ihm an „Zement“ von Heiner Müller arbeiten und er sitzt einfach da und: SCHWEIGT. Und wir warten und er schweigt weiter und wir warten immer noch. Irgendwann hört man auf zu warten. Merkt, dass Warten hier eine falsche Kategorie ist. Merkt, dass es hier nicht um ein Warten auf etwas geht, sondern um ein gemeinsames Aushalten, ein Verweilen. Gotscheffs Schweigen zwingt uns jedes Wort bedacht zu wählen. Kein Stürzen in überflüssige Wortkaskaden, die das verdecken, was es freizulegen gilt. Auch wenn scheinbar nichts passiert, kostet all das Kraft und plötzlich merkt man, wie man Schritt für Schritt ankommt, wie man da ist. Man muss sich ergeben, der Situation ergeben. Die Zeit ist dabei eine andere geworden. Irgendwann sagt doch jemand etwas und die Wörter und Sätze und Fragen und Blicke sind auf einmal anders als vor dem Schweigen, vor dem Verweilen. Sie bekommen wieder einen Wert, geschöpft aus dem Nichts.  Wir fangen an „Zement“ zu lesen. Jeder liest eine Szene, ohne verteilte Rollen – es geht nicht um Figuren, es geht noch nicht um Situationen. Es geht erst einmal um die Sprache. Verstehst du, was du sagst? Ich hab kein Wort verstanden. Lies mal langsamer. Man fängt wieder an zu lesen. Wieder wird unterbrochen, noch einmal. Und irgendwann fängt man an zu verstehen: Die Sprache formiert sich zu einer Unumgänglichkeit. WAS WOLLT IHR? Schreit Mitko plötzlich, aus dem Nichts. Es ist die absolute Notwendigkeit, die da gesprochen hat, genau dann, wenn man Gefahr läuft sich der Sprache zu entziehen, sich einzukitschen. Gotscheff ist wie ein Theaterschamane, wie eine bulgarische, jahrtausendealte Schildkröte, die zu uns gekommen ist und uns die Zeit gebracht hat, in der wir uns anders und neu verhalten müssen. Deswegen ist er noch lange nicht museal, kein Reaktionär, der sehnsüchtig alten Zeiten hinterher hängt, weil er neue Räume schafft. Er sitzt mit uns auf der Probe und schaut aufmerksam zu. Er versucht zu verstehen, was wir suchen und ob wir ehrlich suchen oder nur das Gefühl einer Suche produzieren wollen. Und immer wieder der Hinweis: Das Überflüssige kann weg. Er entreißt uns und den Schauspielern alle Ideen, an denen wir uns festhalten und bringt uns damit in Unsicherheit und gibt gleichzeitig das Vertrauen, dass genau in diesem Nacktsein etwas entstehen wird, an das wir vorher nicht hätten denken können. Wir kommen mit etwas und er bringt uns nichts.  

Gotscheff bringt nichts. Er fordert auf zu einer unendlichen Suche und sperrt sich gegen die Methode der schnellen Lösung und der einfachen Regieeinfälle. Es geht ums Graben, um die Furchen im Text, um die Totenbeschwörung, um die Stille. In den Genuss zu kommen, die Qualität einer Sprache zu entdecken, die, wie im Fall von Heiner Müller, so viel mehr kann als Konversation, sich nicht mit Befindlichkeiten abgibt, sich einer fernsehrealistischen Spielweise verweigert und deshalb zu ungewöhnlichen Zugriffen auffordert. In einer Zeit, in der der Zugriff auf alte Stoffe fast immer über das Prinzip des Nahebringens läuft, sucht und verstärkt Gotscheff gerade das Fremde.  Er nimmt uns postmoderne Vielleicht-Sager in die Verantwortung, dem Fremden mit offenem Visier entgegenzutreten, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Den Mut, sich seine eigenen Themen zu suchen, ihnen treu zu bleiben und diese standhaft gegenüber den Anforderungen des Marktes zu verteidigen. Gotscheff öffnet sich für unsere, ihm fremden Zugänge, Arbeitsweisen, Ästhetiken und treibt uns in ihnen zur Konsequenz – damit wir ihm umso fremder werden. In jedem Konzeptgespräch, jedem Probenbesuch löst er ein, was er sonst seinen Zuschauern zumutet: sich auf das fern Liegende einzulassen. Genau das ist das subversive Potential von Gotscheffs Theater. Das Fremde provozieren ist Theater. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend auf Ähnlichkeiten verständigt und damit den falschen Konsens pflegt, erinnert uns ein solches Theater an die Notwendigkeit, das Andere und nicht das Gleiche zu suchen. Dass es Möglichkeiten des Daseins gibt, die wir vielleicht vergessen haben, aber die viel reicher sind als die Selbstverständlichkeit, einen Beruf auszuüben, Geld zu verdienen und zu konsumieren. Obwohl Gotscheff selbst ein ästhetischer Erneuerer ist, lehnt er das postmoderne Prinzip der Unverbindlichkeit radikal ab. Gotscheff ist sich treu, ist treu gegenüber seinen Schauspielern, seiner Truppe, treu gegenüber seinen Autoren, treu gegenüber seiner Hoffnung, dass Theater unseren Horizont erweitern kann. Das Publikum bekommt das, was ihn und seine Truppe interessiert und ist gezwungen, dazu Haltung zu beziehen. Das ist, was Gotscheffs Theater politisch macht. Politischer vielleicht als viele Inszenierungen, die sich folkloristisch Kampfthemen auf die Fahne schreiben. Statt Steine werfen zu wollen, sucht sich Gotscheff einen Steinbruch, aus dem er Brocken schlägt. Er gräbt in der Vergangenheit. "Man muß die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen“ (Heiner Müller). 

Wir lesen immer noch „Zement“ und arbeiten uns ab an den Textschichten von Heiner Müller, Szene für Szene, Wort für Wort, wieder und immer wieder. Das vermeintlich antiquierte Stück „Zement“ packt uns. Heiner Müller packt uns. Viel zu oft haftet dem sperrigen Ostautor etwas Anachronistisches an, ein Hauch von einer Theatersprache des Kalten Krieges, die angeblich auf den Bühnen dieser Zeit nicht mehr gebraucht wird oder nicht in das "Jung, schnell, aktuell"-Profil der Spielpläne zu passen scheint. Ein Autor, der selbst den Dialog mit den Toten anstrebte und das Theater zu einem Theater der Auferstehung zu machen versuchte, scheint selbst tief begraben und wird immer häufiger mit Verweis auf Auslastungszahlen und Zugeständnisse an den angeblich Pop-sozialisierten Zuschauergeschmack ins Theatermuseum verbannt. Diese feige Haltung der Theater lehnen wir ab. Welchen universalen und durchschlagenden Charakter die Texte Müllers für uns Studierende besitzen, zeigt sich in der jeden Tag intensiveren Auseinandersetzung mit Gotscheff. Wir streiten für die Sache, für die es sich lohnt zu streiten, für die es sich lohnt zu schreien oder für die es sich lohnt zu schweigen. Wir genießen die Konfrontation mit dem Fremden und rücken dem Text gleichzeitig näher. Keine einfache Aktualisierung, sondern der persönliche Zugriff, der viel komplexer ist, wird gesucht. Gotscheff bringt nichts. Er fordert uns auf, uns den Toten zu stellen. Ein Theater der Totenbeschwörung, das lebendig macht. Gotscheff ist zu denen geworden, die Geschichte machen. Und der durch die Begegnung dazu auffordert: Macht eure Geschichte selber. Gotscheff ist einer, der über Jahre hinweg an das Theater glaubt. Ein Selbstverbrenner, der nicht anders kann, als gegen die Hoffnungslosigkeit auf den Bühnen und einer stillstehenden Gesellschaft zu kämpfen. Er zieht los, um die Wirklichkeit neu zu konstruieren. Gotscheff bringt nichts. Und wir bringen auch immer weniger.

Dieser Text entstand für das Arbeitsbuch 22 "Dimiter Gotscheff - Dunkel das uns blendet", das am 1.07.2013 bei Theater der Zeit erscheinen wird.