Hedda Gabler

von Henrik Ibsen / Regie Martin Kušej

Hedda Tesman ist eine junge Frau, die in der Welt wie in einem aufgeschlagenen Buch zu blättern scheint, und eine Seite ist schöner als die andere. Sie ist frisch verheiratet mit einem Mann, der munter die akademische Karriereleiter emporklettert und sie anbetet, hat soeben eine ausgedehnte Hochzeitsreise hinter sich, bezieht ein Haus, das sie sich gewünscht hat, träumt von Empfängen, Dienern, Reitpferden – und schwanger ist sie auch noch. Ein Traum. Ein Traum? Ein Albtraum! Schon der Titel des Stücks weist darauf hin, dass Hedda eher vom Schlage ihres Vaters, des Generals Gabler ist, als zu ihrem Ehemann gehört. Während ihr Mann mit Hingabe seine Studien mittelalterlicher Heim- und Hausarbeit verfolgt und sich seine Hausschuhe von der anhänglichen Tante hinterhertragen lässt, würde Hedda am liebsten auf alles schießen, was nicht schnell genug aus der Schusslinie springt. Auf Brack zum Beispiel, Richter und Hausfreund, der sich als erotische Ablenkung anbietet. Oder auf Lövborg, den ehemaligen Freund und genialischen Kulturforscher, den zu lieben sie einst ausschlug und den sie, als er nun plötzlich wieder vor ihr steht, doch nicht freigeben mag. Schon gar nicht an Thea Elvsted, die Frau mit den grausam schönen Haaren und dieser lächerlichen Angst im Gesicht, die Lövborg bei der Arbeit an seinem neuen Buch geholfen hat und nun ausgerechnet bei Hedda Hilfe sucht, weil sie fürchtet, Lövborg stürze erneut ab in Alkohol und Wahn. Und Hedda schießt. An Hedda Gabler beißen sich nicht nur die Figuren des Stücks die Zähne aus. Man hat in ihr die femme fatale oder das Opferlamm, die depressive Schwangere oder frigide Waffennärrin, die Ästhetin wider den kleinbürgerlich engen Geist oder die dekadente Schlampe nachweisen wollen – doch jeder Kategorie entzieht sich Hedda Gabler mit müdem, sphinxhaften Lächeln. Taumelnd zwischen Überdruss und Hunger, Sehnsucht und Feigheit, scheint sie wie ein schwarzes Loch – lauernd im Warten, opak im Denken, fremd, unfassbar und wahr.

„Ibsen war nie ein Dichter der Befreiung, sondern einer der Destruktion – und Hedda ist deren gnadenloseste und aufregendste Protagonistin. Ohne mit der Wimper zu zucken, verbrennt sie die Schatzkarte mit dem Plan zur Rettung der Welt. So erleben wir die letzten 36 Stunden vor dem Ende der Zukunft. Sie tut sich vor uns auf als Höhle, als schwarzes, rußiges Loch, und ist ähnlich dem Abgrund, den wir schon vor tausenden Jahren in die Zivilisation zu verlassen vermeinten ...“
Martin Kušej

Kastrierte Zukunft

von Angela Obst

Am Anfang von Ibsens Schauspiel „Hedda Gabler“ sind alle Zeichen auf Zukunft gerichtet: Eine Ehe hat begonnen, eine Karriere kommt endlich ins Rollen, ein Kind scheint unterwegs. Am Ende sind drei Menschen tot, ein Kind ungeboren, ein geistiges „Kind“ – ein kulturwissenschaftliches Manuskript mit vielleicht bahnbrechenden Ideen zur Zukunft – verbrannt.

Kastrierte Zukunft

An den Leser (Die Blumen des Bösen)

von Charles Baudelaire

In Dumpfheit, Irrtum, Sünde immer tiefer
Versinken wir mit Seele und mit Leib,
Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,
Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.

An den Leser (Die Blumen des Bösen)

Die Gesänge des Maldoror

von Lautréamont

Auch ich, gleich den Hunden, sehne mich nach Unendlichkeit ... Ich kann und kann dieses Sehnen nicht stillen! Ich bin der Sohn des Mannes und der Frau, so sagte man mir. Das wundert mich ... ich glaubte mehr zu sein!

Die Gesänge des Maldoror