Im Netz

Die Schatten der Realwelt verschwinden im Internet: die Netzwelt in der Vorstellung von Videokünstler Jan Speckenbach © Jan Speckenbach
Die Schatten der Realwelt verschwinden im Internet: die Netzwelt in der Vorstellung von Videokünstler Jan Speckenbach © Jan Speckenbach

Ich klicke auf "Gefällt mir" unter einem Facebook-Status. Ich sehe mir Katzenvideos auf YouTube an. Ich klicke auf den Knopf, der mich davor warnt, dass die Inhalte der folgenden Seite nur für Personen über 18 Jahren bestimmt sind. Innerhalb weniger Sekunden. Ich kann im Internet alles machen, was ich in der Realwelt nicht kann. Die Sozialen Medien haben unser soziales Leben revolutioniert, Selbstdarstellung geschieht heute online: Wir präsentieren uns auf einer oder mehreren Seite(n) von einer oder mehreren Seite(n). So wie wir selbst auf Facebook gesehen werden wollen, die Bilder von uns, die wir auf Instagram posten oder so, wie unser virtueller Charakter im Online-Rollenspiel aussehen soll. Was wir von uns selbst in der Öffentlichkeit, dem sozialen Umfeld, preisgeben, nennt Carl Jung die Persona (lateinisch für Maske). Dazu zählt heutzutage unweigerlich auch die digitale Öffentlichkeit. Diese Persona ist auch immer an die Werte und Normen der Umwelt angepasst. Genauer: Es ist derjenige Teil der Umwelt und der Gesellschaft, mit dem wir uns personifizieren. Was wir nicht präsentieren wollen, weil es sich nicht nach unseren eigenen und den Vorstellungen der sozialen Umwelt richtet, bezeichnet Jung als Schatten. Was man zeigen will und was nicht, orientiert sich stark nach dem jeweiligen sozialen Umfeld: Wir sind jemand anders, je nachdem, ob wir bei unseren Freunden sind, bei der Freundin, bei der Familie, in der Straßenbahn, im Büro oder im Internet. Viele verschiedene Personen stecken gleichzeitig in uns. Genauso wie wir von einer Internetseite zur nächsten klicken, wechseln wir innerhalb von Sekunden von einer zur anderen Maske. Was früher noch ein Fall für die Psychiatrie war, ist seit der Postmoderne alltagstauglich geworden. Heute können wir all unsere verschiedenen Persönlichkeiten parallel ausleben und das nicht nur real, sondern auch digital. 

Die Schatten der Realwelt verschwinden im Internet: Online muss man sich nicht einer Umwelt anpassen, sondern sucht/schafft sich die Community, deren Teil man sein möchte. Mittlerweile sucht man sich auf Dating-Portalen die Partner, die zu einem passen. Seit 2009 können sich homosexuelle Männer über Grindr – die Mutter aller Dating-Apps – treffen, drei Jahre später zieht Tinder auf dem heterosexuellem Markt nach, ob sich ein Match dann im Reallife trifft und was bei diesem echten Date passiert, bleibt den Datenden überlassen. Wem das zu sexuell ist, konnte sich bis März 2015 über Cuddlr mit  Menschen aus der nahen Umgebung auf eine Umarmung treffen. Es bringt langfristig nichts, sich auf seinem Tinder-Profil anders darzustellen, als man in Wirklichkeit ist, da das Ziel beim Online-Dating in jedem Fall das wirkliche Treffen in einer realen Umgebung ist. Das ist letztendlich nichts Neues, wir haben früher ja auch schon Pokémon nicht nur daheim auf dem Gameboy, sondern – wegen der Credibility – auch auf dem Schulhof gespielt. So konnte man seinen Freunden unmittelbar zeigen, was man für ein guter Trainer ist. Heute hat man keinen Gameboy mehr in der Tasche, sondern das Smartphone, und fängt keine Pokémon, sondern Matches. MATCH ME, IF YOU CAN. 

"Wenn heute nichts mehr geht, wird noch ne billige Nutte bei Tinder herbestellt. / Vor meinem Schlafzimmer die gleiche Messlatte wie vor dem Kinderkarussell", heißt es im Song EHRENLOS von K.I.Z. So ehrlos sind Dating-Apps allerdings nicht, denn selbst wenn ich mich (nur) zum Sex mit jemand Fremdem treffe, weiß ich zumindest, dass dies in gegenseitigem Einverständnis geschieht – was meiner Meinung viel ehrvoller ist, als betrunken irgendwelche Leute in der Disco anzutanzen. Wenn es nicht zu diesem Einverständnis kommt, ist alles, was online geschehen ist, unbedeutend. Online-Dating hat erst dann Konsequenzen, wenn es den Schritt aus der virtuellen in die reale Realität gibt. 

Das Internet ist in der Theorie eine kommunistische Utopie: Jeder verfügt über die gleichen Mittel und kann diese nach Belieben handhaben. Doch was stört, ist die geheime Überwachung. Der sogenannte Gläserne Mensch ist nur dann erstrebenswert, wenn er konsequent umgesetzt und nicht von einer externen Institution geregelt werden würde. Alle Daten von allen Internetnutzern veröffentlichen und jedem zugänglich machen. Das wäre Gleichberechtigung. Das bringt die Einschränkung mit sich, dass das Internet keine (geschützten) Räume mehr bieten kann, in denen wir unsere (geheimen) Fantasien ausleben können. Und dass Unternehmen weiterhin unsere Daten ausnützen, um uns zu beeinflussen, uns sagen, was wir kaufen sollen, wie wir uns fühlen, was wir denken sollen. 

Wie würde sich unsere Persona verändern, wenn wir keine Geheimnisse mehr voreinander haben müssen/können? Würden alle Menschen dieselbe ideale Maske tragen, alle würden lachend in einer perfekten Welt leben, in der die Schatten immer größer werden, weil sie auch nicht mehr im Verborgenen gezeigt werden können (dieses Modell kennen wir aus unzähligen Science-Fiction-Dystopien). Oder würde sich die Gesellschaft an den Menschen anpassen: Es gibt nichts mehr, über das man nicht reden darf, das man nicht zeigen darf, das man nicht tun darf. Was richtig und was falsch ist, wird nicht mehr vorgeschrieben, sondern entscheidet jeder Mensch selbst, nach eigenem Ermessen und der Abwägung, dass andere Menschen von jeder Handlung erfahren. Jenseits von Gut und Böse. Diese neue Gesellschaft kann im Internet entstehen. Und sie kann in Zukunft unabhängig von der Realwelt und ihrem Wertesystem bestehen. Doch dafür vollständig auf Anonymität verzichten?