Drama Baby!

Schluss-Szene aus der Resi-Inszenierung von "Geächtet" des amerikanischen Autors Ayad Akhtar © Matthias Horn
Schluss-Szene aus der Resi-Inszenierung von "Geächtet" des amerikanischen Autors Ayad Akhtar © Matthias Horn

Im Rahmen des Vortrages "Drama Baby! Wie die Amerikaner ihre Stücke kriegen" hat die Bundeskanzlerstipendiatin Amy Stebbins den US-Amerikanischen Regisseur und Intendanten Robert Falls als Gast ans Resi eingeladen. Im Laufe seines Besuches hat der Intendant des Chicagoer Goodman Theaters sich mit den Dramaturgen, Schauspielern und der Leitung des Residenztheaters getroffen, um sich über die Entwicklung neuer Dramatik in Deutschland und den USA auszutauschen.

Aus Anlass seines Besuches hat Amy Stebbins ein Interview mit ihm geführt:

Amy Stebbins. Du bist schon seit dreißig Jahren künstlerischer Leiter des Goodman Theaters. Das ist sowohl für ein amerikanisches wie ein deutsches Theater eine außergewöhnlich lange Zeit. Welche Rolle spielt Theater in deiner Stadt? Ist Theater in Chicago ein Ort der Unterhaltung? Der öffentlichen Debatten? Oder etwas anderes?

Regisseur und Intendant Robert FallsRegisseur und Intendant Robert FallsRobert Falls. Das Goodman wird gemeinhin als Chicagos "Vorzeige" -Theater angesehen. Als solches nimmt es seine Verantwortung als eine der wichtigsten Kulturinstitutionen unserer Stadt (und unseres Landes) sehr ernst.
Sicher möchten wir unser Publikum unterhalten, aber unsere Verpflichtung gegenüber einer größeren Öffentlichkeit reicht weit darüber hinaus. So bieten wir den Chicagoern pädagogische und partizipative Programme für unterschiedliche Altersgruppen und Interessensgebiete, pflegen langanhaltende Partnerschaften mit einer Anzahl von kleineren Theaterkompagnien der Stadt, die sowohl beratende als auch produzierende Leistungen umfassen, und fördern durch das Leitbild unserer Institution künstlerische Exzellenz, Diversität und Gemeinschaft.

AS. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, hast du mich mit deinem umfangreichen Wissen über das zeitgenössische deutsche Theater überrascht. Welche Beziehung hattest du zum deutschen Theater im Laufe deiner Karriere? Hat es deine eigene Arbeit als Regisseur beeinflusst? Oder die als künstlerischer Leiter?

RF. Das erste Mal bin ich ungefähr Mitte der siebziger Jahre nach Deutschland gereist, etwa zu der Zeit, als ich auch zum Edinburgh Festival gefahren bin. Ich hatte das Glück, Vorstellungen von Klassikern zu sehen (Shakespeare, Ibsen, etc.), die von so wichtigen deutschen Regisseuren wie Peter Stein, Peter Zadek und Claus Peymann inszeniert wurden.
Seitdem bin ich beinahe jährlich nach Berlin gereist, um Produktionen an der Volksbühne, Schaubühne, dem Deutschen Theater und dem Berliner Ensemble zu besuchen.
Ich habe außerdem einige Aufführungen erlebt als ich für die "Aida"-Proben in Essen war. Da ich kein Deutsch spreche, tendiere ich dazu, vorwiegend Aufführungen von mir vertrauten, klassischen Stücken zu sehen und weniger moderne Arbeiten.
Vor diesem Hintergrund sind es fotogestützte Berichte sowie Essays über moderne Inszenierungen in den Magazinen "Theater der Zeit" und "Theater heute" die mir erlauben, über neue Entwicklungen in Deutschland auf dem Laufenden zu bleiben.  
Ich sollte hinzufügen, dass nicht jede Produktion, die ich in Deutschland gesehen habe, in meinen Augen erfolgreich war. Dennoch inspiriert mich fast immer der Mut und die intellektuelle Kraft der Arbeit des “Regietheaters” – insbesondere die Gestaltungskonzepte und die extrem disziplinierte körperliche und stimmliche Arbeit der Darsteller.

AS. Während deines Aufenthalts hier bei uns in München hast du mindestens zwei Mal zufällig Schauspieler getroffen, die entweder Produktionen von dir gesehen oder sogar in ihnen mitgewirkt haben. Wie schätzt du die derzeitige Beziehung zwischen deutschen und amerikanischen Theatermachern ein? Wie eng ist sie? Hat sie sich in den letzten Jahren verändert? Müsste sie sich verändern?

RF. Um ganz ehrlich zu sein, ich denke nicht, dass es eine nennenswerte Beziehung zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Theater gibt. Es gibt natürlich einzelne Künstler wie mich und Thomas Ostermeier, die ein großes Interesse daran haben, das Theater in beiden Ländern zu studieren. Davon abgesehen scheinen deutsche wie amerikanische Theatermacher wenig davon beeinflusst, was die jeweils anderen tun, und Gelegenheiten, die doch eher klischeebehafteten Vorstellungen von der Arbeit des anderen zu revidieren, sind noch immer selten. Eine Veränderung hin zu einer tiefergehenden Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden unserer Theatertraditionen würde uns allen zugute kommen.

AS. Der Schwerpunkt deines Besuchs war das Thema "Entwicklung neuer Stücke". Was scheint dir das Besondere daran, wie die Deutschen Theater machen?

RF. Theater in Deutschland ist vor allem als "Regietheater" bekannt. Der Schwerpunkt liegt vorwiegend auf der Position eines Regisseurs gegenüber einem klassischen Werk, was oft einen radikalen Zugriff auf den Text beinhaltet. Der Dramaturg spielt im deutschen Theater eine zentralere Rolle als er das in Amerika tut und das Repertoiresystem – so wie es vom Staat gefördert wird – sorgt dafür, dass das deutsche Repertoire ein langes Leben haben wird. Im amerikanischen Theater werden viel mehr neue Stücke gemacht. Tatsächlich wird die Produktion von neuen Stücken mehr und mehr zum Kern unserer Arbeit und das Goodman ist in dieser Entwicklung ganz vorne mit dabei. Andererseits haben amerikanische Produktionen nur eine kurze Spieldauer und touren wenig. Ganz persönlich muss ich gestehen, dass ich es liebe, wie eine Kantine, eine Bar, ein Restaurant zu einem deutschen Theater einfach dazu gehört: Das ist der Ort, wo sich Mitarbeiter, Künstler und Zuschauer treffen, was unglaublich förderlich für die Beziehung zwischen Darstellern und Publikum ist. Ich liebe auch den zehnminütigen Schlussapplaus – eine deutsche Tradition, die die meisten amerikanischen Schauspieler peinlich berühren würde.

AS. Anders als das Bayerische Staatsschauspiel widmet das Goodman Theatre einen bedeutenden Teil seiner Aufmerksamkeit und seiner Ressourcen der Stückentwicklung. Natürlich gibt es viele Arten, neue Schauspielarbeiten zu unterstützen. So kann man Performancekollektive, Regisseure, Schauspieler etc. fördern. Warum Dramatiker? Warum Text?

RF. Das amerikanische Theater ist immer dramatikerzentriert gewesen – angefangen in New York City, mit von Schauspielern geleiteten Tourneeproduktionen von beliebten Broadwayshows. Besonders in der Zeit von 1920 bis 1960 waren neue Stücke ganz wesentlich der Motor und die treibende Kraft hinter dem Auftauchen von regionalen "Bürger"-Theaterkompagnien in den 60ern. Amerikanische Dramatiker genießen juristische Kontrolle über das weitere Leben ihrer Werke. Und wenn auch das amerikanische Theater Kollektive, performative Arbeiten und unkonventionelle, nicht-textbasierte  Werke unterstützen kann und dies auch tut, so bleibt die Förderung von Dramatikern doch zentral. Da es relativ wenig Finanzierung von Staat oder Land für die Entwicklung neuer Werke gibt, muss ein Großteil des Geldes aus anderen Quellen kommen, das heißt von Stiftungen, Unternehmen, privaten Spendern.

AS. Du bist nur einen Tag nach der Premiere deiner neusten Produktion, einer fünfeinhalbstündigen Bühnenadaption von Roberto Bolaños Roman „2666“ in München angekommen. Romanadaptionen sind im US-Theater weniger üblich als im deutschsprachigen Theater. Einige amerikanische Kritiker denken gar, dass Adaptionen von Romanen überhaupt nicht auf die Bühne gehören! In Deutschland auf der anderen Seite werden diese Adaptionen normalerweise vom Regisseur allein, also ohne jegliche Mitarbeit eines Dramatikers vorgenommen. Man könnte argumentieren, dass der Regisseur letztlich ein besseres Gespür dafür habe, was auf der Bühne funktioniert. Andererseits könnte ein Dramatiker ein besseres Gefühl für Sprache und dramaturgische Struktur haben. Für „2666“ bist du einen ganz anderen Weg gegangen: Du hast dich mit dem Dramatiker-Regisseur Seth Bockley zusammengefunden, mit dem du das Stück gemeinsam geschrieben und inszeniert hast. Wie kam es zu dieser Arbeitsteilung? Hast du jemals darüber nachgedacht, einfach jemanden zu engagieren, um die Adaption zu schreiben, die du dann alleine inszenieren würdest?

RF. Literaturadaptionen kommen im amerikanischen Theater nicht so oft vor und die Literatur, die adaptiert wird, ist meist narrativ und dialoglastig. Statt aus dem Bedürfnis der Dramatiker zu entspringen, sind Adaptionen meistens das Ergebnis von Theateraufträgen, und Regisseure wie Produzenten haben eine bedeutendere Rolle für Auftragsadaptionen. Das amerikanische Theater hat ja einige "Autoren-Regisseure", die neue Arbeiten in enger Zusammenarbeit mit Schriftstellern produzieren. „2666“ wurde wesentlich von meiner Vision als Regisseur vorangetrieben; Seth Bockley hat mehr Erfahrung als Autor und im Adaptieren und so war das auch seine Hauptaufgabe in diesem Projekt.

AS. Das Bayerische Staatschauspiel hat derzeit fünf amerikanische Stücke in seinem Repertoire, drei von ihnen sind in der letzten Dekade entstanden ("The Nether", "Disgraced", "August: Osage County"). Warst du überrascht, als du erfahren hast, welche Stücke das Theater ausgesucht hat? Denkst du, diese Werke repräsentieren das gegenwärtige amerikanische Theater?

RF. Ich bin nicht überrascht, amerikanische Stücke auf deutschen Spielplänen zu sehen. All die Werke, die du genannt hast, sind gute Stücke, die eine starke Erzählstruktur und großartige Rollen für Schauspieler haben. In ihrem Kern sind sie naturalistisch und psychologisch realistisch. Sie waren in den Vereinigten Staaten weit verbreitet und es scheint ein wachsendes Bedürfnis in Deutschland zu geben, auch diese Art von Stücken zu sehen.

AS. Du hattest viele Gespräche mit Dramaturgen, Regisseuren und Darstellern hier in München. Was denkst du, nach diesen Gesprächen, könnten öffentliche Theater wie das Bayerische Staatsschauspiel tun, um die Produktion von neuen dramatischen Texten zu stärken?

RF. Wie du und ich besprochen haben, ist das amerikanische Dramatiker-System— besonders der Prozess der Auftragsvergabe —sehr gesund. Die Entwicklung neuer Arbeiten durch Lesungen und Workshops braucht Zeit. Ich denke, das deutsche Theater könnte hier von diesem Prozess lernen.

AS. Gibt es ein neues amerikanisches Stück oder einen Autor, den du für das Residenztheater empfehlen würdest?

RF. Entre nous, die Memo von Tanya Palmer, unserer Leiterin für Stückentwicklung, beinhaltet eine Liste mit vielen der interessantesten Schriftsteller des gegenwärtigen amerikanischen Theaters. Es ist aber wichtig zu berücksichtigen, dass die Diversität der amerikanischen Kultur bedeutet, dass viele unserer Theaterautoren Afroamerikaner, Asiaten, Latinas und „Queer Autoren” sind, die Ethnizität und Gender im amerikanischen Raum betrachten. In dieser Hinsicht ist das amerikanische Theater mitten in einem neuen goldenen Zeitalter. Die sozio-politische Aktualität von "Disgraced" spricht sicherlich zu einem deutschen Publikum, doch ich bin nicht sicher, ob das auch bei Werken anderer Dramatiker so ist, deswegen würde ich mir wünschen, dass deutsche Regisseure und Dramaturgen deren Stücke besser kennenlernten. Bis dahin ist Charles L. ("Chuck") Mee ein sehr wichtiger amerikanischer Dramatiker, der Texte kreiert, die sich von Regisseuren leicht für ihre jeweilige Vision "formen" lassen. Seine Stücke — "Kollagen", die klassische und nicht-lineare Texte verbinden— sind in diesem Land unterschätzt.

 

Robert Falls ist seit 1986 Intendant und Hausregisseur von The Goodman Theater in Chicago. Seine Inszenierung von Tod eines Handlungsreisenden wurde mit vier Tony Awards ausgezeichnet, darunter für Regie und “Best Revival of a Play”. Seine Inszenierung von Elton Johns Aida ist von 2000-2004 am Broadway gelaufen, um danach in Deutschland, Japan, Süd Korea, und den Niederländen auf Tournee zu gehen. Er hat Theaterstücke von Arthur Miller, Eric Bogosian und Rebecca Gilman uraufgeführt und arbeitet regelmäßig mit Oscarpreisträgern wie Phillip Seymour Hoffman, Nathan Lane, Brian Dennehy, Liev Schreiber, Ed Harris, und Lynn Redgrave. Er gilt als der renommierteste Regisseur klassischer amerikanischer Dramatik. Falls ist einer der wenigen Intendanten mit tatkräftigem Interesse an Europäischem Theater. So hat unter seiner Ägide Calixto Bieto 2011 sein Amerikadebut an The Goodman Theater gegeben. Darauf hin wurde er an The Met unter Peter Gelb eingeladen.

Amy Stebbins ist amerikanische Regisseurin und arbeitet im Rahmen eines Kunst und Kultur Stipendiums des Bundeskanzleramtes als Gast am Residenztheater.

Übersetzung: Sarah Grahneis