Alpenüberquerung: italienische Dramatik auf deutschen Bühnen

Der Schweinestall
Der Schweinestall

Laura Olivi stammt aus Reggio Emilia und hat in Bologna Germanistik studiert, bevor sie mittels eines Stipendiums des Centro Thomas Mann in den frühen 1980er Jahren in Kontakt mit der ostdeutschen Theaterszene gekommen ist. Hier hat sie zwei Jahre lang am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater bei Alexander Lang hospitiert. Ausgehend von Interviews mit ehemaligen MitarbeiterInnen Bertolt Brechts hat sie zu Bertolt Brechts Theaterpraxis der Verfrem­dung bei Ernst Schumacher (HU Berlin) und Claudio Meldolesi (Bologna) promoviert. Nach ersten Erfahrungen in der römischen Kleintheaterszene, wird sie 1987 als Dramaturgin an den Kammerspielen engagiert. Seit 2001 ist sie am Residenztheater tätig, wo sie v.a. für internationale Projekte zuständig ist. Für Schau­spieler wie Rolf Boysen, Thomas Holzmann und Juliane Köhler hat sie zahlreiche Texte für Lesungen dramatisiert, die auch als CD erschienen sind (u.a. Göttliche Komödie, 2007; Odysee/Illias, 2011). Auf der Ruhrtriennale hat sie die Göttliche Komödie in drei Teilen inszeniert (2015/16/17). Darüber hinaus übersetzt sie italienische Gegenwarts­dramatiker wie Fausto Paravidino und Manlio Santanelli ins Deutsche und unterrichtet an der Bayerischen Theaterakademie in München.

ZIBALDONE: Du hast in den frühen 1980er Jahren begonnen, in Ostberlin am Theater zu arbeiten. Hat es damals Formen von künstlerischem Austausch zwischen Italien und der DDR gegeben?

LAURA OLIVI: In Ostberlin war das italienische Theater fast gar nicht präsent. Ich erinnere mich, dass ich, um Goldoni-Texte zu bekommen, die schriftliche Erlaubnis des Professors des Instituts für Theaterwissenschaft einholen musste, weil es sich aus der Perspektive des Regimes nicht nur um einen ausländischen, sondern auch kapitalistischen Autor handelte. Für mich war das unglaublich, denn wie kann man Goldoni als einen kapitalistischen Autor betrachten? Eine große Ausnahme bildete in dieser Zeit lediglich Dario Fo, dessen Farce "Bezahlt wird nicht!", die aus den 1970er Jahren stammt, noch in den frühen 1980er Jahren in Ostberlin am Berliner Ensemble mit großem Publikumserfolg gegeben wurde.

Die Rückkehr nach Italien war für mich dann ein Schock! Damals war das mit dem Visum ja kompliziert, weil man nicht so einfach nach Westberlin bzw. nach Italien zurückfahren konnte. Ich habe dann 1987 in Rom im Off-Off-Theater gearbeitet, ein Theater mit 40 Plätzen. Meine erste Produktion in Italien war eine Adaptation des Ingmar Bergman-Films "Persona" (1966), ein zwei Personen Stück in der Regie von Ugo Margio. Hier war ich für fast alles zuständig. Ich habe, unterstützt von einem Psychologen und auf Basis des Drehbuchs die Spielfassung erstellt, war aber auch für das Programmheft, die Pressearbeit, den Kauf der Requisiten und den Ticketverkauf zuständig. Hier habe ich extrem viel gelernt, zugleich war es auch interessant, festzustellen, wie stark deutsch geprägt ich zu diesem Zeitpunkt bereits war. Denn in Italien war es damals noch nicht üblich, ein richtiges Pressedossier mit Programmheft, Fotos etc. zusammenzustellen und dieses pro Zeitung an zwei Journalisten zu schicken. Das Theater war dann bei der Premiere überfüllt, weil fast alle eingeladenen Redakteure gekommen sind.

ZIBALDONE: Warum bist Du letztlich wieder nach Deutschland gegangen?

LAURA OLIVI: Nach relativ kurzer Zeit habe ich mich dann am Piccolo Teatro in Mailand beworben, weil mir die Arbeit an dem kleinen Haus zu chaotisch und sie natürlich auch schlecht bezahlt war. Ich hatte dann 1987 ein Bewerbungsgespräch bei Giorgio Strehler, dem Co-Gründer des Theaters, nachdem mein Dissertationsbetreuer Ernst Schumacher ihm einen Brief geschrieben hatte. Er hatte ein starkes Interesse an Brecht, v.a. aber Heiner Müller, so dass meine deutsche Erfahrung ein großer Vorteil war. Strehler wollte mich sofort engagieren, aber gleichzeitig hatte mich Schumacher auch bei Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen empfohlen. Denn er, der ja aus Ostdeutschland stammte, suchte einen Brecht-Spezialisten für die Neuproduktion von "Mann ist Mann", aber als Dramaturg mit festem Vertrag. Dorn war anfangs sehr skeptisch, v.a. weil ich keine deutsche Muttersprachlerin war. Schließlich bin ich aber für eine Reihe von Aufführungen eine Woche lang in München geblieben. Wir hatten, zusammen mit den Dramaturgen Hans-Joachim Ruckhäberle und Michael Wachsmann, eine mehrstündige Diskussion über diese Vorstellungen. Meine dramaturgischen Analysen hatten wohl so überzeugt, dass ich den Vertrag bekommen habe. Ich bin dann an den Kammerspielen geblieben und 2001 mit ans Residenztheater gewechselt.

ZIBALDONE: Hast Du danach noch Kontakte mit dem Piccolo Teatro gehabt?

LAURA OLIVI: Zwischendurch hatte ich zwar noch einmal ein Angebot von Strehler, nach Mailand zu wechseln, aber mir hat es an den Kammerspielen, wo viele interessante Autoren wie Franz Xaver Kroetz oder Bernard-Marie Koltès gespielt wurden, so gut gefallen, dass ich geblieben bin. Nach der zweiten Absage gab es keine Kontaktmöglichkeit mehr mit Strehler. Allerdings, als Luca Ronconi 1999 nach Strehlers Tod der neue künstlerische Berater des Piccolo Teatro wurde, habe ich den Kontakt sofort wieder aufgenommen, weil ich ihn als Regisseur extrem interessant fand. Ich hatte versucht, ihn an die Kammerspiele zu holen. Er hat hier dann mit Goldonis "Corallina oder Die beste aller Frauen" noch in den 1980er Jahren gastiert und wir wollten einen Pasolini mit ihm produzieren, aber er hat dann in letzter Minute abgesagt, weil er wegen seiner mangelnden Deutschkenntnisse Bedenken hatte. Aus diesem Kontakt sind dann aber andere Kooperationen mit Mailand entstanden, u.a. mit Sergio Escobar, dem Leiter des Piccolo, seinen Mitarbeitern Alberto Benedetto und Farid Mezaber sowie der dortigen Theaterschule Paolo Grassi. So bestehen heute auch Kontakte mit dem wohl wichtigsten zeitgenössischen italienischen Theaterautor, Stefano Massini, der nach Ronconis Tod, also 2015, der neue künstlerische Konsulent des Theaters wurde.

ZIBALDONE: Im Nachkriegsdeutschland wurden relativ wenige italienische Autoren regelmäßig aufgeführt. Wie ist es denn heute um die Präsenz der italienischen Dramatik bestellt?

LAURA OLIVI: Meine Ansicht nach hat sich v.a. seit den 1990er Jahren etwas getan, wenn auch nur punktuell. Beispielsweise wurde die Komödie "Königin Mutter" von dem neapolitanischen Autor Manlio Santanelli, die einen Mutter-Sohn-Konflikt aufgreift, von Marion Kagerer und mir übersetzt und 1990 in der Regie von Christian Pade, noch mit der großen Maria Wimmer in der Hauptrolle, an den Münchner Kammerspielen zum ersten Mal im deutschen Sprachraum aufgeführt. Aber Santanelli war der einzige italienische Autor, bei dem es mir gelungen ist, ihn an den Kammerspielen durchzusetzen. Selbst Goldoni und Pirandello wurden in der langen Zeit nicht gespielt. Erst in den Jahren 2003/05, als unser Stammhaus saniert wurde und wir u.a. das Haus der Kunst als Ausweichquartier bespielt hatten, konnte ich zwei Stücke von Fausto Paravidino lancieren, die ich mit Georg Holzer ins Deutsche gebracht hatte, "Peanuts" und "Stillleben in einem Graben". Paravidino war für mich als Dramaturgin und die Regisseurin Tina Lanik sehr spannend, weil seine Stücke die 2000er Jahre reflektieren, also die Opposition gegen Berlusconi in Italien. Er war für mich eine wichtige Entdeckung, auch wenn er sein provokatives Theater zwischenzeitlich für das Schreiben von Drehbüchern aufgegeben hat. Neulich haben wir aber ein neues Stück von ihm erhalten, auf dessen Lektüre ich mich schon freue.

ZIBALDONE: Wie sieht es mit der ganz aktuellen italienischen Dramatik aus?

LAURA OLIVI: Der große zeitgenössische Theaterautor, den ich für mich entdeckt habe, ist zweifellos Stefano Massini. Seine Texte sind alle sehr politisch und weit über Italien hinaus relevant. Wenn man sich zum Beispiel sein bekanntestes Stück, "Lehman Brothers" von 2013 ansieht, das in Saint-Étienne uraufgeführt wurde: Er greift hier ein deutsches Thema auf, d.h. die Geschichte einer Familie, die aus der Gegend von Würzburg stammt. Lehmann verlässt Bayern und geht von hier aus nach New York und holt seine Brüder nach, die dann innerhalb einer Reihe von Jahrzehnten das bekannte Finanzimperium aufgebaut haben, das 2007/08 den spektakulären Bankrott erlebt hat. Massini hat, um das Stück zu schreiben, wirklich tiefgehende Recherchen unternommen, auch über die Beziehungen der Brüder zueinander. Er hat dann einen Text geschrieben, der in Versen verfasst ist und von einer Person, aber auch mehreren interpretiert werden kann. Es ist ein sensationeller Text, der sehr poetisch ist und die Figuren in der dritten Person von sich selber sprechen lässt, unterbrochen von wunderschönen Dialogen.

Am Piccolo Teatro hat Luca Ronconi, wenige Wochen vor seinem Tod Anfang 2015, das Stück mit zwölf Personen umgesetzt und auf zwei Abende aufgeteilt. Der Theaterautor und Regisseur Marius von Mayenburg hat es ein Jahr später am Residenztheater mit sechs Schauspielern besetzt und auf einen Abend konzentriert. Beides sind extrem interessante Produktionen, auch wenn sie komplett unterschiedlich sind. "Lehman Brothers" wurde inzwischen an vielen anderen Theatern gespielt und Massini hat eine ganze Reihe von weiteren sehr politischen Stücken geschrieben, die zu großen Erfolgen geworden sind, wie "Eine nicht umerziehbare Frau" über die ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja oder "Ichglaubeaneineneinzigengott", ein Monolog, der unterschiedliche Frauenidentitäten im Gazastreifen konfrontiert.

 

Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer DynastieLehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie

ZIBALDONE: Wie lässt sich dieser plötzliche internationale Erfolg eines italienischen Autors erklären?

LAURA OLIVI: Massini ist außergewöhnlich und ich glaube nicht, dass es momentan vergleichbare italienische Autoren von dieser Qualität gibt. Paravidino hätte, wenn er seine Arbeiten fürs Theater fortgesetzt hätte, ein ähnliches Niveau erreichen können und ich hoffe, dass er wieder vermehrt Theatertexte schreibt, in der Linie seiner politischen Stücke der frühen 2000er Jahre. Ich habe Massini im Rahmen einer Lesung an der Universität kennengelernt. Er ist ein extrem intelligenter Autor, der fähig ist ad hoc historische, literarische und philosophische Exkursen zu entwickeln, ohne aber die ihm gestellten Fragen aus dem Auge zu verlieren. Das ist unglaublich und es ist kein Zufall, dass Sergio Escobar ihn als künstlerischen Berater ans Piccolo Teatro gebunden hat.

Massini ist auch insofern eine Ausnahmefigur, als dass in Italien nach wie vor die Tendenz eines kollektiven und sozialen Theaters stark ist, das oft von schreibenden und spielenden Regisseuren angeführt wird. Eine extrem interessante und politische Figur in diesem Rahmen ist Pippo Del Bono, der in sehr vielen Ländern gastiert und mit seiner Kompanie an der Schnittstelle von Sprech- und Tanztheater arbeitet, darunter sein Lieblingsschauspieler, der inzwischen 80jährige, taubstumme Bobo, der mehrere Jahrzehnte in einer psychiatrischen Klink interniert war. Wir haben Del Bono 2012 für die Produktion "Erpressung" ans Residenztheater geholt. Hier hat er zum ersten Mal in Deutschland inszeniert und zwar nicht mit seiner eigenen Kompanie, sondern mit Schauspielern unseres Theaters. Er praktiziert ein stark körperbetontes Theater, bei dem die Texte aus der Improvisationsarbeit mit den Schauspielern und mir als Dramaturgin entstanden sind, ausgehend von einer konkreten Situation oder einem Thema. Diese Kreation eines Theaters aus der Inszenierungsarbeit in einem konkreten Raum ist meiner Meinung nach eine Tradition, die in Italien besonders ausgeprägt ist. Auch Romeo Castellucci, einer der ganz starken italienischen Theatermacher, der im März 2015 mit seiner Socìetas Raffaello Sanzio und der Produktion Go down, Moses hier am Residenztheater zu Gast war und den wir für eine Eigenproduktion nach München holen wollen, hat so gearbeitet, auch wenn er hierzulande v.a. für Inszenierungen klassischer Texte bekannt ist. Dies sind für mich generell die stärksten Produktionen, wenn Autor, Schauspieler und Regisseur kollektiv zusammenwirken und so etwas Neues schaffen.

ZIBALDONE: Kann man diese kollektive Arbeitsweise nach wie vor als spezifisch italienisch bezeichnen?

LAURA OLIVI: Absolut. Denn in Italien gibt es zwar heute starke dramatische Autoren und Autorinnen, aber sie schaffen es meist nicht, die Alpen zu überqueren, werden also in Deutschland kaum wahrgenommen. Und zudem ist die institutionelle Situation und Tradition eben eine ganz andere. Denn die öffentlich subventionierten Teatro stabili, wie es sie v.a. in den großen Städten gibt, verfügen – im Vergleich mit dem deutschsprachigen Raum – nur über eine sehr kleinere Struktur und i.d.R. kein festes Ensemble. Abseits davon ist in Italien der performative Aspekt der Commedia dell’arte, das kollektive und spielerische Schaffen von "Theatertexten" in der Theaterpraxis noch deutlich präsent, auch wenn es natürlich Autoren wie Massini und Orte wie Mailand gibt, wo an der Civica Scuola di Teatro Paolo Grassi explizit die Linie dramatischer Autorschaft geschult wird. Gleichzeitig gilt sicher, dass das postdramatische Theater nicht den Stellenwert hat, den es gegenwärtig in Deutschland hat. Freilich kann man in gewisser Weise auch Massini in diese Tendenz einordnen, als Autor von einem gedicht- und monologhaften Stück, das punktuell dialogisch durchsetzt ist.

Meine Perspektive ist aber natürlich eine eher deutsche, weil ich als Dramaturgin nur kurz in Italien gearbeitet habe und nur selten Gelegenheit habe, länger in Italien zu sein und mir neue Produktionen anzusehen. Unsere Arbeitsbasis ist so oft die Kooperation mit Verlagen wie dem Hamburger Lauke und dem Wiener Thomas Sessler Verlag, die uns aktuelle Stücke zuschicken. Der grundlegende Unterschied zur italienischen Szene ist, dass die Theaterverlagslandschaft in Deutschland deutlich diversifizierter und aktiver ist. Hier hat fast jeder Verlag wie Suhrkamp, Hentschel oder S. Fischer eine digitale Theateredition, sprich: auch Lektoren, die sich um die zeitgenössische Dramatik auf internationaler Ebene kümmern, Stücke suchen und übersetzen lassen und dann die Texte an die Theater schicken. Das ist die Basis für das zeitgenössische Theater und die Karrieren neuer Autoren. In Italien gibt es so etwas kaum, sieht man einmal von Mattia Visanis noch junger Bologneser CUE-Press ab. Hier ist meist alles in den Händen von zwei großen Agenturen, die über die Autorenrechte verfügen und bestimmen, welche Theater die Stücke bekommen.

ZIBALDONE: Wie haben sich Deine Arbeit am Residenztheater in den allerletzten Jahren verändert?

LAURA OLIVI: Ich hatte ja schon erwähnt, dass es mir in den fast 25 Jahren unter Dieter Dorn nur einmal gelungen war, einen italienischen Autor zu lancieren. In den letzten fünf Jahren unter der Intendanz von Martin Kušej hat sich viel verändert. Er hat ein ganz neuen Stil nach München gebracht, das Theater regelrecht internationalisiert. Und was den Italienbezug betrifft, so haben wir allein in den letzten eineinhalb Jahren mehrere einschlägige Produktionen umsetzen können: einen extrem erfolgreichen "Pinocchio", nach Carlo Collodis Buch und in der Umsetzung von Thomas Birkmeir, der in Wien das Theater der Jugend leitet. Dann haben wir Massinis "Lehman Brothers" gemacht und zwar nicht im Marstall, sondern im Residenztheater mit 900 Plätzen. Das war klarer Weise ein Risiko, weil Massini einem normalen Publikum unbekannt war. Aber auch diese Produktion ist fast immer ausverkauft. Danach haben wir noch Pasolinis "Schweinestall" herausgebracht, mit Ivica Buljan, einem Regisseur und Autor aus Zagreb, der schon 2015 in New York am La MaMa Theatre Pasolinis "Pylades" mit einem extrem internationalen Cast inszeniert hatte.

Auch hier war es Kušej, der die Produktion initiiert hat. Für ihn ist das italienische Theater und die italienische Literatur wichtig und er spricht auch Italienisch, akzentfrei. So gibt es jetzt auch eine Kooperation mit dem Teatro Stabile in Turin. Kušej wird dort "Geächtet", ein Stück von Ayad Akhtar rund um die Vorfälle von 9/11, das bei uns in der Regie von Antoine Uitdehaag auf dem Spielplan steht, im Herbst 2017 selbst inszenieren. Man merkt bei ihm, dass er aus einer Grenzregion kommt und eine große Liebe für Italien hat. Nachdem er in München Intendant geworden ist, hat er mich übrigens nach Kärnten eingeladen und mir als Italienerin Udine gezeigt, eine wunderschöne Stadt, die ich bis dahin nicht kannte.

Der SchweinestallDer Schweinestall

ZIBALDONE: Ist diese Öffnung des Residenztheaters Sinnbild für eine Europäisierung des Theaters?

LAURA OLIVI: Ja, das ist sicher eine Tendenz der Internationalisierung, die sich in Deutschland seit längerem beobachten lässt. Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne war wohl einer der ersten, der sein Theater geöffnet und gleichzeitig mit Tourneen in die ganze Welt getragen hat. Nicht zu vergessen ist dabei die Rolle von Roberto Ciulli als Leiter des Theaters an der Ruhr in Mülheim, der hier schon seit den 1980er Jahren die Internationalisierung des Theaters vorantreibt, viele italienische Texte umgesetzt und u.a. die Regisseurin Emma Dante nach Deutschland geholt hat. Das inkludiert auch eine Öffnung der großen Bühnen in Richtung des experimentellen Theaters und des Tanztheaters. So haben wir beispielsweise die bekannte Brüsseler TanztheaterKompanie Peeping Tom, die, angeführt von Gabriela Carrizo und Franck Chartier, in der ganzen Welt unterwegs ist, nach München geholt. Sie haben hier erst mit einer eigenen Produktion gastiert und dann 2015 mit unseren Schauspielern die Produktion "The Land" kreiert, ein Theater der Bilder und des Körpers, das fast ohne gesprochenes Wort auskommt.

Generell würde ich sagen, dass sich institutionell gesehen auch in Italien einiges geändert hat, die teatri stabili, also die öffentlichen Theater haben sich geöffnet und mehr Raum eingenommen und die Off-Szene ist eher zurückgegangen, aber im Detail kann ich das nicht beurteilen. Bühnen wie das Piccolo in Mailand und das Stabile in Turin, die wohl über die besten strukturellen und finanziellen Mittel verfügen, um auch internationale Kompanien einladen zu können, nehmen sicher nach wie vor eine besonders wichtige Rolle ein.

ZIBALDONE: Noch eine abschließende Frage: Wie beurteilst Du die Situation des italienischen Theaters aktuell?

LAURA OLIVI: Das, was ich mir wünschen würde für Italien, ist, dass es auch in Italien feste Ensembles gäbe wie in Deutschland. Denn diese Möglichkeit der Kontinuität der Zusammenarbeit von Autoren, Regisseuren und Schauspielern ist das Fundament für ein Theater, das pro Spielzeit auch eine größere Anzahl von Produktionen bieten kann, wie das hierzulande der Fall ist. Am Residenztheater haben wir zum Beispiel ein Ensemble von rund 50 Schauspielern, die monatlich ihr Gehalt kriegen. Für die neue Spielzeit gibt es dann immer wieder Veränderungen, aber es gibt eine kontinuierliche Arbeit, die gerade für junge Kollegen, die aus der Schauspielschule kommen, künstlerische Entwicklungen erlaubt. Das fehlt in Italien, wo es ein begeistertes Publikum, auch für experimentelle Produktionen, aber keinen politischen Willen seitens der Regierung gibt, die Theater mit den nötigen finanziellen Mitteln auszustatten. Das italienische Theater würde das wirklich verdienen und das hätte auch sehr positive Auswirkungen auf die Autorenszene. Denn auch wenn es einige hoffnungsvolle Theaterautoren gibt, wenn sie nicht oft genug von unterschiedlichen Bühnen gespielt werden, können sie nicht vom Theater leben und verlieren somit die Motivation politisch wie formalästhetisch zu experimentieren. Das ist Teil eines politischen Problems in Italien, das mit der mangelnden politischen Intelligenz zusammenhängt, für Kultur, die sich auf den ersten Augenblick nicht rentiert, Geld auszugeben und so gesellschaftliche Erneuerungen zuzulassen, aber auch die Bewahrung des kulturellen Erbes des Landes abzusichern.

Ich habe deshalb auch immer wieder versucht, deutschsprachige Autoren nach Italien zu bringen, u.a. an der Theaterakademie Paolo Grassi in Mailand unterrichtet und dort zusammen mit deren Leiter Massimo Navone mit Studierenden an zeitgenössischen Theatertexten gearbeitet. Auf dieser Basis wurden dann 2013 und 2014 im Studio Melato des Piccolo Teatro Marius von Mayenburgs "Der Hund, die Nacht und das Messer" (2008) und Albert Ostermaiers "Auf Sand" (2003) auf Italienisch aufgeführt; die Stücke wurden von einer größeren Jury ausgewählt. Die Zusammenarbeit war auf allen Ebenen wirklich gut, aber die Initiative hat dann leider von italienischer Seite keine Fortsetzung gefunden. Ich mache solche Kooperationen mit Autoren an der Bayerischen Theaterakademie in München regelmäßig, zuletzt mit dem jungen Österreicher Thomas Köck, der sich mit sehr politischen Themen wie dem Raubbau des Menschen an der Natur auseinandersetzt. Sein Stück habe ich dann auch ans Piccolo geschickt, aber keine Reaktion erhalten. Kurz gesagt: Ich versuche regelmäßig Brücken zu bauen zwischen der deutschsprachigen und italienischen Theaterszene, aber mit verhältnismäßig wenig Widerhall, nicht nur aufgrund der strukturellen und finanziellen Situation der italienischen Theater, sondern auch aufgrund der Angst, Neues zu wagen, stärker in Richtung eines aktuellen, zeitbezogenen und postdramatischen Theaters zu gehen...

Interview von Daniel Winkler, Universität Wien, zuerst erschienen in: Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart, 62/2016: Themenheft "Gegenwartstheater aus Italien“.