Die Schatten der Zukunft

Das Schlangenei
Das Schlangenei

Ingmar Bergmans "Das Schlangenei" spielt im Berlin des Jahres 1923 und verortet sich damit vordergründig im historischen Kontext der Weimarer Republik, zwischen landesweiter Hyperinflation und dem Münchner Hitler-Putsch. Die im Handlungsverlauf immer wieder auftauchende Chiffre der "Vergiftung" der Gesellschaft lässt sich also durchaus auf die historische Tatsache der Nazi-Herrschaft beziehen, die exakt zehn Jahre später beginnen wird. Sieht man jedoch etwas genauer hin, lässt sich im "Schlangenei" eine zweite, wesentlich allgemeinere Ebene ausmachen: Diese könnte man als eine eigenartige Zeitlosigkeit beschreiben, die das angehäufte Geschichtswissen über die 1920/30er-Jahre mit der Wahrnehmung einer modernen Gegenwart und der Ahnung einer postmodernen Zukunft zusammenbindet. Bergman selbst beschrieb dies in einem Interview zum "Schlangenei" folgendermaßen: "Die Zeit existiert ja nicht. Das ist ja eine Erfindung des Menschen. Ich glaube, daß in Wirklichkeit alles ein großes Jetzt, ein enormes Jetzt ist und daß die Schatten des Kommenden – wie sagt man? – die Schatten der Zukunft schon immer da sind".

Meines Erachtens liegt der Kern von Bergmans Text daher nicht ausschließlich im klar erkennbaren Vorgriff auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, sondern in der parallelen Darstellung eines allgemeineren Phänomens, das ich im Folgenden als schleichende "Kainisierung" einer Gesellschaft bezeichnen möchte. Nicht zufällig trägt die Hauptfigur den Vornamen Abel: Schließlich liefert die biblische Geschichte über die Entzweiung der Brüder Kain und Abel zugleich das Urbild für jede gesellschaftliche Spaltung, da die spiegelhafte Existenz des Anderen (Abel) überhaupt erst die Projektionsfläche für Neid und Missgunst seitens des Ich (Kain) hervorbringt. Mit dem Begriff der "Kainisierung" ist nun eine Konstellationen gemeint, in der sich "Abel"-Typen zu unsozialen "Kain"-Typen transformieren – diese Individuen müssen dabei gar nicht unbedingt etwas "Böses" im Sinn haben, aber in ihren Handlungen liegt die Passivität des Abel, der dem ungeheuerlichen (Bruder‑)Mord nichts entgegenzusetzen hat. Bergmans Text ist voller Figuren, die sich indirekt zu (Mit‑)Tätern machen, indem sie das sich ankündigende Unheil mehr oder weniger klar zur Kenntnis nehmen und dennoch bloß zu Verdrängung oder Lethargie fähig sind. So zielt auch der titelgebende Satz am Ende auf die Masse all jener Menschen ab, auf deren "abelhafter" Rat- und Tatlosigkeit jede politische Katastrophe fußt: "[J]eder, wenn er sich nur die leiseste Mühe gibt, sieht und weiß, was uns in Zukunft erwartet. Es ist wie ein Schlangenei. Hinter der dünnen Schale kannst du schon deutlich das vollendete Reptil erkennen" (Vergérus).

 

Das gescheiterte Ich: Abel Rosenberg

 

Von der beschriebenen "Kainisierung" ist nicht zuletzt auch der Protagonist Abel Rosenberg betroffen. Dabei sind sowohl seine Ängste als auch seine dem Selbstschutz dienende Gleichgültigkeit durchaus nachvollziehbar. So will Abel beispielsweise zu Anfang einen auf der Straße drangsalierten Juden in Schutz nehmen, bekommt es dann aber selbst mit der Angst zu tun und flieht, als ihn zu Hilfe gerufene Schutzmänner im Stich lassen. Im Laufe der darauffolgenden Tage flüchtet sich Abel immer mehr in Einsamkeit, Untätigkeit und Alkohol. Das aus Frust und (Selbst‑)Hass aufgestaute Aggressionspotential lebt er nun seinerseits an vermeintlich Schwächeren aus: Gegenüber seiner Schwägerin Manuela, die er mehrmals hintergeht; oder gegenüber einem jüdischen Namensvetter "A. Rosenberg", dessen kleinem Laden er grundlos die Auslagenscheibe einschlägt; oder gegenüber einem Kellner, dem Abel Dollarscheine in den Mund stopft.

Dass Abel dabei Jude ist und selbst Opfer der aufstrebenden antisemitischen Mächte werden wird, offenbart das paradoxe Moment seines Verhaltens. Es beschreibt die historische Konstante, wonach eine gewisse Dosis sozialen "Gifts" ausreicht, um Menschen derart radikale Gedanken einzuimpfen, die zur Zerstörung von Anderen – oftmals bis hin zur Selbstzerstörung – führen. Als man Abel vor den Entwicklungen in Deutschland warnt, gibt er den Abgeklärten, der sich ausgerechnet durch konformistisches Verhalten die eigene Autonomie bewahren möchte: "Ich schwinge auf meinem Trapez, esse, schlafe und bumse. (…) Wenn es einem Juden schlechtgeht, hat er selbst schuld. Ihm geht es nur deshalb schlecht, weil er dumm ist. Ich denke nicht daran, dumm zu sein. Also wird es mir auch nicht schlechtgehen. (...) Weil die Juden das ganze Geld in der Hand haben, deshalb hassen die gewöhnlichen Menschen die Juden. Sogar ich kann das verstehen" (Abel).

Sein Bruder Max, mit dem er nur gemeinsam im Team als Trapez-Artist berufliche und finanzielle Erfolge feiern konnte, begeht gleich zu Anfang des Geschehens Selbstmord. Als anachronistische Folge jenes "Gifts", das man Abel als dem Quasi-Kain im Laufe der Handlung immer weiter injizieren wird, muss der Bruder sterben. Doch beim Brudermord handelt es sich typischerweise um ein höchst irrationales Kalkül: In prekären Verhältnissen möchte das vernachlässigte Subjekt ausschließlich für sich selbst (vor‑)sorgen, landet aber durch die Untat in unsolidarischer Vereinzelung, rückgrad- und rückhaltlos allein. Inmitten dieses Alptraums, wo alle Dinge und Menschen ihren Wert verloren haben, erwacht Abel am Ende in einem Krankenzimmer. Er hat sehr lange geschlafen. Ist nun sein freier Wille endlich geweckt worden oder endgültig gebrochen? Wir wissen es nicht.

 

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Die gescheiterte Gesellschaft: Familie, Staat und Wissenschaft

Die Familie: Manuela, Frau Holle, Herr Hollinger

 

Abels fatalistischer Haltung steht der scheinbar unerschütterliche Optimismus seiner Schwägerin Manuela gegenüber. Bis zu ihrem krankheitsbedingten Zusammenbruch sorgt sie als Cabarettänzerin sowie mit angesparten Dollars für ihren und Abels Lebensunterhalt. Mit beinahe schon selbstaufopfernder Nachsichtigkeit geht sie über Abels Verfehlungen und Beleidigungen hinweg und meistert die zunehmend unerträglichen sozio-politischen Umstände. Aber auch die Figur der Manuela ist wesentlich vielschichtiger, als es zunächst aussieht: Wir wissen nicht, was und ab wann sie etwas von den verbrecherischen Experimenten weiß, die der skrupellose Doktor Vergérus mit menschlichen Probanden anstellt. Hat sie, die mehr und mehr Kränkelnde, sich vielleicht schon seit längerer Zeit als Versuchsperson für Menschenexperimente zur Verfügung gestellt? Liebevoll, geduldig und pflichtbewusst kümmert sich die nicht-jüdische Manuela um ihren jüdischen Schwager, zugleich legt sie jedoch gegenüber den dunklen Machenschaften von Doktor Vergérus und auch gegenüber dem aufkeimenden Faschismus eine alarmierende Naivität an den Tag: „Vielleicht ist die auch gut, diese neue Bewegung, über die alle reden. Obwohl sie dich natürlich nicht mögen, weil du Jude bist" (Manuela).

Bei Manuelas Vermieterin Frau Holle deutet sich schon im Namen an, dass es sich bei ihr um eine Art Mutterfigur handelt, die Manuela angeblich wie eine "eigene Tochter" liebt. Die Referenz auf die (Gegen‑)Welt der Frau Holle macht zugleich deutlich, dass sich die Menschen in Krisenzeiten wieder, wie im Märchen, für eine Seite entscheiden müssen: Gut oder Böse – eine dritte Position zwischen den Extremen scheint im Ausnahmezustand nicht mehr denkbar zu sein. Das Paradies für die Einen (Goldmarie bzw. Manuela) wird für die "vergifteten" Anderen (Pechmarie bzw. Abel) blitzschnell zum Strafgerichtshof. Und so werden die beiden wegen Abels Verhalten von Frau Holle verstoßen, vor die Tür gesetzt. Auch die Rückkehr zu Frau Holles väterlichem Pendant, dem Zirkusdirektor Hollinger, scheint unmöglich. Abel verheimlicht seinem ehemaligen Arbeitgeber, der für ihn "Papa" heißt, zunächst den Suizid von Max. Dennoch werden "Papa" Hollingers artistische (Zieh‑)Söhne nie wieder mit Manuela durch die Lüfte schweben können – das einträchtige Paradies in der Trapezwelt des Vaters ist für Familie Rosenberg unwiederbringlich verloren.

 

Der Staatsapparat: Inspektor Bauer

 

Auch der scheinbar integre Polizeiinspektor Bauer, der den plötzlichen Selbstmord von Abels Bruder im Zusammenhang mit einer Reihe anderer rätselhafter Morde untersucht, befindet sich in einer schwierigen Lage. Angesichts des offensichtlich drohenden Untergangs der Weimarer Demokratie verharrt er in Ratlosigkeit und meint, man könne dem keinerlei soziale oder politische Kraft entgegensetzen. Er flüchtet sich in Pflichterfüllung gegenüber dem bürokratischen Apparat: "Kommissar Bauer tut seine Pflicht. Er versucht, eine kleine Insel der Ordnung und der Vernunft zu schaffen, mitten im Chaos der totalen Auflösung. (...) Stunde um Stunde tun wir so, als sei die Welt normal (...)" (Bauer).

Damit feiert Bauer sogar einen Teilerfolg, indem er die Mordserie des Doktor Vergérus aufklärt. Das Fatale allerdings ist hier, dass sich auch das nachfolgende Terrorregime genau auf dieses Denken der bestehenden Bürokratie stützen konnte – denn was die "Pflicht" eines Beamten ist, bestimmt nicht der Beamte selbst, sondern die politische Norm, die gerade herrscht. Inspektor Bauer will die staatliche Ordnung bewahren, aber was ist, wenn sich die ordnenden Mächte verschieben? Dem hätte er nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil, scheint er als Staatsdiener gewisse Ressentiments mit den subversiv rechten Kräften sogar zu teilen: "Wir sehen es nicht gern, wenn Ausländer hierher kommen und die wenigen verfügbaren Arbeitsplätze wegnehmen" (Bauer). Hitler, den (zu) viele kluge Zeitgenossen für einen unfähigen Dummkopf hielten, konnte auf die staatlichen Institutionen und deren bürokratische Strukturen genauso problemlos zurückgreifen, wie auch in gegenwärtigen Demokratien absurderweise offene Anti-Demokraten oder Populisten in hohe politische Ämter gewählt werden, wodurch sie den demokratischen Apparat von innen her umgestalten oder gar demontieren könnten.

 

Der Wissenschaftssektor: Doktor Vergérus 

 

Spiegelbildlich zu Abels ambivalentem Opferstatus verdichtet sich in der Figur des proto-modernen Wissenschaftlers Hans Vergérus die (Selbst‑)Verleugnung eines Täters: Will er Manuela und Abel aufrichtig helfen, oder hat er bereits im Voraus geplant, dass die beiden als seine Versuchskaninchen enden? Die durchgeführten Menschenversuche sind so brutal, dass sie indirekt auf die Verbrechen der SS-Ärzte vorausdeuten. Jedoch hat Bergman mit Vergérus einen "Bösewicht" geschaffen, der weder Rassist noch Nationalsozialist ist. Vielmehr ist er der zeitlose Typ des zynisch verblendeten Visionärs, der moralische und rechtliche Schranken deshalb nicht gelten lassen will, weil er selbst sich auf eine höhere Macht beruft – und zwar auf die Macht des Fortschritts, des ungehemmten biologischen, ökonomischen und wissensmäßigen Wachstums. Damit zeigt die Figur des Vergérus auf eindrückliche Weise, welche Zwiespältigkeit im modernen Wissenschaftsethos steckt, wenn dieses die Menschheit gerade dadurch aus den Augen verliert, dass es sich anmaßt, den "Menschen" als solchen "optimieren" zu müssen.

Der skrupellosen Forschung des Doktors, die er in einem gigantischen Archiv zusammenträgt, liegt die an sich sinnvolle Auffassung zugrunde, dass wir einer steten Evolution des (Welt‑)Wissens bedürfen. Jedoch kombiniert Vergérus dies mit dem zweifelhaften Dogma von einer absoluten Wertneutralität der Wissenschaft, wodurch jedes beliebige Plus an Wissen per se als etwas Wünschenswertes und jedes auch noch so grausame Forschungsprojekt als legitim erscheint: "In einigen Jahren wird die Wissenschaft (...) in riesigen Dimensionen auf unseren Erfahrungen weiterbauen. Wir sind zu früh gekommen, Abel! Wir müssen geopfert werden. Das ist logisch" (Vergérus). Doktor Vergérus besteht also darauf, das Leben seiner Versuchspersonen für eine bessere, durch technologisches Wissen befriedete Zukunft geopfert zu haben. Wir alle profitieren zwar auch von gewagten oder sittenwidrigen Forschungen in der Vergangenheit, dennoch ziehen wir eine Grenze zwischen gewolltem Erkenntnisstreben und Verbrechen. Dabei bleibt die Gefahr des Exzesses stets latent, auch wir verkennen nur zu gerne die "Schlangeneier" unserer eigenen Zeit.

 

Sich selbst ein Ei legen

Die Welt als Labor: Technik und (Selbst‑)Überwachung

 

Im Laufe der Handlung von "Das Schlangenei" verfangen sich die Hauptfiguren mehr und mehr in einem Netz aus wissenschaftlichen und kriminologischen Untersuchungen. Im Gegensatz zu den Befragungsmethoden der Kriminalisten, beruhen Vergérus‘ Experimente zur Manipulation menschlichen Verhaltens und Empfindens auf dem Einsatz hochmoderner Geräte und Techniken – wie z.B. biochemischen Wirkstoffen, Elektroden zur neuronalen Stimulation oder versteckten Filmkameras. Sowohl diese ausgefeilte Überwachung der Probanden, als auch die Speicherung des so erlangten Wissens im Archiv erinnern an die Machttheorie des Philosophen Michel Foucaults. Foucault antizipierte in den 1970er-Jahren mit seinem Begriff des "Panoptismus" die heutigen Gesellschaften, deren Individuen sich über disziplinierende Techniken und Technologien selbst überwachen. Umfassendes Überwachungswissen ermögliche dabei eine wesentlich "softere" Machtausübung, denn "[d]erjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selbst aus; er internalisiert das Machtverhältnis (...)" (Foucault). Auch von unserer durchaus sinnvollen Nutzung modernster Technik ist es nur ein kleiner Schritt – oder unbedachter Fehltritt – hin zu den panoptischen Versuchsanordnungen des Doktor Vergérus.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für so ein modernes "Schlangenei" liefert ein Sozial-Experiment der chinesischen Regierung: Hier will man durch ein System der "sozialen Vertrauenswürdigkeit" markt- und kulturkonformes Verhalten erzeugen. Dies soll allerdings nicht mit herkömmlichen Mitteln der staatlichen Repression erreicht werden, sondern mithilfe von Produkten aus der Privatwirtschaft – wie etwa Smartphones oder anderen IT-Geräten. Diese Geräte übermitteln persönliche Daten und Bewegungsprofile, Vergehen und Verdienste an ein digitales Zentralarchiv, wo sie von einem allwissenden Logarithmus nach Plus- und Minus-Punkten ausgewertet werden. Damit soll sich die panoptische Selbstüberwachung auf die Gesellschaft übertragen: Man will weniger das registrierte Fehlverhalten bestrafen, sondern stattdessen das systemkonforme Verhalten positiv verstärken. Die Belohnungen beruhen hier nicht mehr auf Faktoren wie Geld oder Herkunft, dafür aber auf dem per App in Echtzeit übermittelten "guten" Verhalten im Sinne der herrschenden Machtstrukturen. Bezogen auf die besitzmäßigen Startchancen ist das technokratische System also ‚fairer‘ als der liberale Kapitalismus – im Gegenzug hebt die Technokratie aber jede Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum auf, da ihre "smarten" (Selbst‑)Überwachungstechnologien den gesamten Alltag der Subjekte erfassen und auswerten müssen.

Wie im modernen Projekt der „sozialen Vertrauenswürdigkeit“ verschränken sich auch bei Hans Vergérus Forschungsdrang, Machtkalkül und Erlösungsphantasien: „Der Mensch als Fehlkonstruktion. (...) Wir untersuchen die Grundkonstruktion und strukturieren sie um. Wir setzen die produktiven Kräfte frei und kanalisieren die destruktiven. Wir vernichten die Minderwertigen und vermehren die Nützlichen. Die einzige Möglichkeit, um die Endkatastrophe zu verhindern“ (Vergérus). Analog dazu zitiert die Süddeutsche Zeitung eine chinesische Projektleiterin mit den Worten: „Vielleicht gelangen wir an einen Punkt, an dem keiner es mehr wagt, an einen Vertrauensbruch zu denken. Ein Punkt, an dem keiner mehr überhaupt auf die Idee kommt, unserer Gemeinschaft zu schaden. An dem Punkt wäre unsere Arbeit getan“ (Strittmatter). Die Unterwerfung ist somit dann perfekt, wenn ihr die Unterworfenen selbst zuvorkommen – die scheinbar ‚wertneutralen‘ Algorithmen unserer Geräte können jedes Machtverhältnis im Gewand technischer und sozialer Innovation weitaus besser verschleiern und produktiver nutzen, als jede prügelnde SA-Staffel. Insofern hat Vergérus Recht, wenn er Hitler für einen planlosen "Wirrkopf" und antiquierten Herrschertypus hält.

 

Das SchlangeneiDas Schlangenei

 

Die globalen Märkte: System statt Tyrann

 

Neben dem "Gift" einer unreflektierten Technikgläubigkeit spielt in "Das Schlangenei" auch die Entfesselung der modernen Ökonomie eine wichtige Rolle. Bergman selbst sah die Aktualität des Stoffes eben gerade nicht darin, dass jederzeit ein "Zweiter Hilter" ans Ruder kommen könnte, sondern vielmehr darin, dass gesellschaftliche Institutionen sich als Systeme von den Menschen entkoppeln: "Nicht Hitler. So jemand müßte heute ganz anders sein, viel mehr sophisticated, viel gefährlicher und raffinierter. Das wird nicht nur ein einziger Mann sein". So zeigt Bergman nicht nur Inflation, Hunger und Zerstörung des Lebensraums als unmittelbare Folgen einer kulminierenden Wirtschaftskrise, sondern auch die eigentlich thematisierten Verbrechen hängen mit der (Fehl‑)Entwicklung des ökonomischen Komplexes zusammen: "[D]u wunderst dich, dass wir eine Versuchsperson finden konnten, die so ein Experiment freiwillig mitgemacht hat. Ich kann dir versichern, das ist kein Problem. Heutzutage haben wir enormes Material zur Auswahl. Die Menschen machen alles für etwas Geld und Essen" (Vergérus).

Die Gewalt, die die Menschen hier ins Labor zwingt, braucht keine Soldaten – sie ist allein systemisch bedingt. Doktor Vergérus als scheinbarer Prototyp des KZ-Arztes bedient sich bei Bergman gerade nicht repressiver Machtmittel à la Mengele, sondern findet sich auch im System neoliberaler Marktwirtschaft wunderbar zurecht. Er besitzt weder Lager noch Wächter, sondern bietet seinen "Freiwilligen" bloß das absolute Existenzminimum. Innerhalb der Logik des freien Marktes kann Vergérus als kühl berechnender "Arbeitgeber" tatsächlich von sich behaupten, doch gar "kein Monstrum" zu sein.

 

"alles ein großes Jetzt"

 

Bergmans Berlin der frühen 1920er-Jahre kann als konkrete historische Ausnahmesituation für unser Heute also durchaus instruktiv sein. Ähnlich den aufgeklärten Bürgern der Weimarer Republik könnten auch wir über sehr viele Risiken unserer Zeit bestens Bescheid wissen –wollen aber stattdessen lieber, wie Inspektor Bauer, fest daran glauben, dass die destruktiven Mächte es nicht mit der "Stärke der (...) Demokratie" aufnehmen können. Doch welche "Demokratie" sollte das überhaupt noch sein, wenn niemand aktiv für sie eintritt, wenn alle "Abel" sind? Mit der Ausnahme weniger Nebenfiguren unterlässt auch "Das Schlangenei" bewusst die Darstellung von explizit politischen Akteuren jener hochpolitischen Epoche. Bergman interessiert sich gerade nicht für all die linken oder rechten Agitatoren, Revolutionäre oder Intellektuellen – sondern vielmehr für die stille Masse derer, die Politik regelrecht verachten (Abel), die sich ins Private flüchten wollen (Manuela), die unpolitische Neutralität suggerieren (Inspektor Bauer) oder die sich über politisch ausgehandelte Normen stillschweigend hinwegsetzen (Vergérus): Alles vordergründig ‚unpolitische‘ Menschen, die aber genau durch diese (Nicht‑)Haltung gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten zehn Jahre später zur größten Katastrophe deutscher Politik beitragen werden. Bergmans Protagonisten stellen überzeitliche Typen von Einzelbürgern dar, die durch die Summe ihrer bewussten oder unbewussten Handlungen das tyrannische Ungeheuer ausbrüten.

Auch unsere Erfahrung liefert unablässig Belege dafür, wie schnell die dünne Schale der Zivilisation brechen kann. Wie steht es demnach um ein Heute, wo wir erneut zwischen großen Kriegen, Krisen und Nöten, zwischen Fake News und populistischen Strömungen hindurch nach klaren politischen Visionen und Realisationen suchen? Werden wir, wie Abel, uns im Extremfall auch darauf zurückziehen, bloß nichts "Dummes tun" zu müssen, um nicht zu den "dummen" Opfern zu gehören? Oder werden wir uns einer möglichen "Kainisierung" bewusster entgegenstellen? Das scheinen mir die offenen Fragen an die Zukunft zu sein, die sich schon in der historischen Gegenwart von "Das Schlangenei" auftun.

 

Textnachweise
Bergman, Ingmar (1976): Interview mit André Müller. Gekürzt in der Münchner Abendzeitung, Juni 1976. Online abrufbar auf: www.elfriedejelinek.com/andremuller.
Bergman, Ingmar (1977): Das Schlangenei. Aus dem Schwedischen von Heiner Gimmler. Hamburg.
Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen. Frankfurt/M.
Strittmatter, Kai (2017): "Schuld und Sühne". In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 116.