KRIEGSSPLITTER

HERFRIED MÜNKLER

Das Jahr 1914 und die ihm folgenden vier Kriegsjahre wurden zur politischen Tragödie des europäischen Bürgertums, das den Krieg als Chance zur Erlangung politischer Hegemonie gesehen und sich bei dem Versuch, diese Chance wahrzunehmen, wirtschaftlich und sozial ruiniert hat. Vor allem aber hat dieses Bürgertum im Verlauf des Krieges seinen politischen Kompass verloren: Statt die gesellschaftliche und politische Mitte zu besetzen, hat es sich politisch nach rechts bewegt.
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Das Habsburgerreich wurde nach dem Ausgleich von 1867, als aus dem österreichischen Kaiserreich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn geworden war, von Budapest und von Wien regiert; beide Seiten blockierten sich zumeist, und die Regierungsgeschäfte verliefen schleppend. Die in der Donaumonarchie vorherrschende Stimmung aus spätem Glanz und melancholischer Endzeitstimmung ist oft beschrieben worden und hat in der deutschsprachigen Literatur bleibenden Niederschlag gefunden. Derweilen breiteten sich national-kulturelle Selbständigkeits- und politische Autonomiebestrebungen in den slawischen Landesteilen aus, und die Fliehkräfte des Reichs wuchsen kontinuierlich an. So wurde das Attentat eines österreichischen Serben auf den Thronfolger der Doppelmonarchie zur unmittelbaren Ursache des Ersten Weltkriegs. Die Kriegspartei in Wien setzte in der Julikrise 1914 auf einen begrenzten Krieg, um das Reich zu retten und durch den erhofften militärischen Erfolg die Kraft und Selbstbehauptungsfähigkeit der Doppelmonarchie nach innen wie außen unübersehbar unter Beweis zu stellen. Aus dem begrenzten Krieg wurde jedoch der Große Krieg, in dessen Verlauf die zentrifugalen Kräfte stärker statt schwächer wurden; im Herbst 1918, als die Niederlage der Mittelmächte unabwendbar war, zerfiel das Habsburgerreich entlang seiner ethnisch-nationalen Trennlinien in eine Reihe von Staaten, die von nun an politisch eigene Wege gingen. Ob dieser Zerfall zwangsläufig oder vorwiegend eine Folge des Krieges war, die ohne diesen und mit einer Politik kluger Reformen hätte vermieden werden können, ist bis heute umstritten.
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Die ordnungspolitische Idee einer Kongruenz von Nationalität und Staatlichkeit war bei der Entstehung des Ersten Weltkriegs insofern von Bedeutung, als sie die Motive der Attentäter von Sarajevo prägte, die zur Schaffung eines groß-serbischen Nationalstaats beitragen und das Habsburgerreich als multinationale Ordnungsmacht des westlichen Balkans zerstören wollten. Die Regierung in Wien sah in dem Attentat auch einen Angriff auf ihr politisches Prestige und die pax austriaca auf dem Westbalkan und entschied sich für einen militärischen Schlag gegen Serbien, der dann zum Zündfunken für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde. Die Weltkriegsforschung hat die Bedeutung dieses Attentats lange Zeit heruntergespielt, indem sie es im Anschluss an eine von dem griechischen Historiker Thukydides getroffene Unterscheidung als bloßen „Anlass“ bezeichnete und die eigentliche „Ursache“ des Krieges in der europäischen Hegemonialkonkurrenz oder im globalen Ringen um Macht und Einfluss suchte. Die ausschlaggebende Rolle, dieder dritten Konfliktdimension, dem Kampf um die Vormacht in Mittel- und Südosteuropa sowie in Kleinasien und im arabischen Raum, zukam, wurde weiterhin übersehen. Erst der Historiker Christopher Clark hat den Blick wieder auf die Rolle Serbiens und Österreich-Ungarns bei der Entstehung des Ersten Weltkrieges zurückgelenkt, und Sean McMeekin hat das im Hinblick auf Russland und dessen Begehrlichkeiten gegenüber dem Osmanischen Reich getan. Bei diesem Paradigmenwechsel dürften die jugoslawischen Zerfallskriege der 1990er Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben.
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Der Untergang des Habsburgerreichs war, retrospektiv betrachtet, eine politische Katastrophe, deren Folgen bis heute fortwirken. Die östlichen Regionen des einstigen Österreich-Ungarns bilden inzwischen den westlichen Rand der Krisenzone zwischen dem mittleren Balkan und dem Kaspischen Meer.
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Es kommt hinzu, dass die im Verlauf der Geschichte entstandenen kulturellen Trennlinien mitten durch diese Räume gehen: So haben Teile der heutigen Westukraine lange zur polnischen Adelsrepublik, danach zum Habsburgerreich und dann wieder zu Polen gehört, während die mittlere und die östliche Ukraine im Zuge der von Zar Iwan IV. eingeleiteten Expansion zum festen Bestandteil Russlands wurden. Eine dem westeuropäischen Modell vergleichbare Nationalstaatsbildung oder eine für Mitteleuropa typische Natiogenese mit anschließender Ausrichtung der Staatlichkeit an der Nation hat in der Ukraine somit nicht stattgefunden – beziehungsweise sie hat erst mit dem Zerfall der von Moskau oder St. Petersburg aus kontrollierten imperialen Ordnung begonnen. Im Unterschied zum Balkan und zum Kaukasus ist es hier weniger die ethnische oder die religiös-konfessionelle Diversität, aus der die Trenn- und Bruchlinien der politischen Ordnung erwachsen, sondern es stehen politisch-kulturelle Zugehörigkeitsvorstellungen und konkurrierende Einflusssphären im Vordergrund: Im Westen und inzwischen auch in der Mitte der Ukraine fühlt sich die Bevölkerung eher dem Prosperitätsraum der EU zugehörig und möchte in ihn aufgenommen werden, während im Osten viele zu Russland gehören wollen und die westeuropäisch geprägte EU als eine fremde Kultur ansehen.
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Mit Blick auf die Kriege in der Ostukraine und in der Levante wird man festhalten können, dass George Kennans Bezeichnung des Ersten Weltkriegs als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts auch auf das 21. Jahrhundert noch zutrifft.
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Die Entwicklung des Kriegsgeschehens während der letzten drei Jahrzehnte bietet ein verwirrendes, zutiefst widersprüchliches Bild. Einerseits ist es zu einer weiteren Verrechtlichung des Gebrauchs kriegerischer Gewalt gekommen, andererseits ist in vielen Kriegen die Gestalt des Soldaten durch die eines Kriegers abgelöst worden, der sich weder dem Ethos der Ritterlichkeit, noch den Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts verpflichtet fühlt, sondern Gewalt anwendet, wie ihm dies gerade zweckmäßig und zielführend erscheint. Einerseits haben sich weltpolitische Regionen herausgebildet, in denen der Krieg kein ernstlich in Erwägung gezogenes Instrument der Politik mehr darstellt, wie das im größten Teil Europas der Fall ist, andererseits gibt es Gebiete, in denen der Krieg im Gefolge von Staatszerfall endemisch geworden ist. Ursächlich für die fehlende Friedensperspektive sind die Vielzahl der am Krieg beteiligten Akteure, ihre organisatorische Diffusität und schließlich die für die Neuen Kriege typischen Verbindungen zwischen Kriegsfinanzierung und internationaler Kriminalität. Viele der Neuen Kriege dauern aufgrund dieser Kriegsökonomie nicht Monate oder Jahre, sondern Jahrzehnte.

 

 

Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg

Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg

nach Jaroslav Hašek

Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg