Die Ratten

Inhaltsangabe

Auf dem Dachboden eines Berliner Mietshauses hat der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter seinen Theaterfundus eingerichtet. Nach jahrelanger Theaterarbeit in der Provinz muss er sich und seine Familie als Kostümverleiher und Schauspiellehrer durchbringen. Die im Mietshaus wohnende Frau Maurerpolier John hat er als Putzkraft engagiert. In der Großstadt gehen die Gespenster des gesellschaftlichen Abstiegs um und entwickeln in Hassenreuters Fundus ihr Eigenleben: Ist das Realität oder Illusion? Theater oder Wirklichkeit?

Denn auf eben diesem Dachboden trifft sich Frau John mit dem polnischen Dienstmädchen Piperkarcka, das hochschwanger, von den Eltern und dem Vater des Kindes verstoßen, in ihrer Not auf Frau John angewiesen ist. Hier bringt Pauline Piperkarcka ihr Kind zu Welt, das von Frau John als das Ihre ausgegeben wird. Im Alter von acht Tagen hatte Frau John ihren eigenen Sohn Adelbert verloren. Um ihre Ehe mit dem in Hamburg arbeitenden Mann zu retten, schlägt sie der Piperkarcka den Kinderhandel vor. Bruno Mechelke, Frau Johns kleinkrimineller Bruder, und Selma, die Tochter der morphiumsüchtigen Frau Knobbe, helfen ihr dabei.

In dieser Konstellation streiten der Kandidat der Theologie Spitta und sein Schauspiellehrer Hassenreuter über alte und neue Theaterformen und verfolgen mit Interesse die Konflikte der im „echten und engen Elend“ lebenden Unterschicht. Ist deren Schicksal als Gegenstand einer Tragödie brauchbar oder selbstverschuldet und so nur Stoff für eine banale Komödie? Spitta kämpft für das Tragödienrecht der John und trägt das Schicksal seiner ins Elend gefallen Schwester mit gefühlvoller Geste Hassenreuters Tochter Walburga vor. Der Intellektuelle und der ehemalige Theaterdirektor beginnen einen Wettstreit und es scheint fast, als „inszenierten“ sie, dass die verzweifelte Frau John dem polnischen Dienstmädchen Piperkarcka ihr uneheliches Kind abkauft. Hassenreuter gratuliert Frau John mit großer Geste zur Geburt. Auch ihr aus Hamburg zurückgekehrter Ehemann ahnt offenbar nichts von dem Betrug. Doch das polnische Dienstmädchen will ihr Kind zurück, und Frau John schiebt der Piperkarcka das kranke Kind der asozialen Nachbarin Knobbe unter. Im Theaterfundus des Direktor Hassenreuters gerät der soziale Konflikt außer Kontrolle und Frau John für ihr kleines Familienglück auf die schiefe Bahn.

Die RattenDie Ratten

Hauptmanns dramaturgischer Grundeinfall, die aufbrechenden sozialen Widersprüche am Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen Theaterleuten und Bewohnern einer Berliner Mietskaserne auszutragen, enthält eine Fülle von Interpretations- und Wirkungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zu zahlreichen aktuellen Inszenierungen untersucht der griechischen Regisseur Yannis Houvardas nicht die Nähe sondern die Distanz zwischen den sozialen Schichten des Stückes. Die Fremdheit sowie die Konkretheit der Figurensprache der proletarischen Unterschicht inszeniert er als Sprachmaske in medialer Stilisierung. Houvardas interessiert der künstliche Charakter des sozialen Dialektes sowie die mythologischen Aura von Hauptmanns Proletarierfiguren. Die bürgerliche Mittelschicht in Persona des Theaterdirektors Hassenreuter und seiner Familie sowie des Kandidaten Spitta zeichnet Hourvadas in ihrer Hybris aber auch in ihrer Unsicherheit als selbstbezogene Bürger, die, in Zeiten der Krise vom sozialen Abstieg bedroht, immer wieder das Glück auf ihrer Seite haben.

Die 1911 in Berlin uraufgeführte Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ gilt neben seinen „Webern“ und dem „Biberpelz“ als Hauptmanns erfolgreichstes Theaterstück. Trotz Berliner Dialekt und lokaler Verortung wurden „Die Ratten“ bereits im Jahr ihrer Uraufführung auch in München gespielt. Nach den berühmten Inszenierungen von Otto Falckenberg (1932) und Hans Schweikart (1952) jeweils mit Therese Giehse in der Rolle der Frau John an den Münchner Kammerspielen, sowie weiteren Inszenierungen in den 1960er und 70er Jahren wird seine Berliner Tragikomödie nach mehr als drei Jahrzehnten erstmals wieder in München aufgeführt.

Die Ratten - Realismus als Illusion

Hautnah am Leben sollte ein Kunstwerk für die Naturalisten sein. In detailgenauen Bildern, Romanen und Theaterstücken zeigten die Künstler schonungslos den Alltag und die Nöte der Land- wie der wachsenden Stadtbevölkerung, die verschärften Arbeitsbedingungen in den Fabriken, Obdachlosigkeit und Armut, aber auch Volksbräuche oder häusliche Szenen.

Die Ratten - Realismus als Illusion
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Gerhart Hauptmann

Im Jahr 1885, dem Jahr des Durchbruchs des Naturalismus in Deutschland mit der Publikation von Arno Holz’ „Das Buch der Zeit“ und der ersten Ausgabe von Michael Georg Conrads Münchner Zeitschrift „Die Gesellschaft - realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben“, lebte Gerhart Hauptmann in Berlin Moabit. Nach seinem abgebrochenen Kunststudium in Dresden, studierte er an der Universität Berlin und nahm Schauspielunterricht bei Alexander Heßler.

Gerhart Hauptmann
Die Ratten

Die Ratten

von Gerhart Hauptmann

Die Ratten