DER SPIELER INHALTSANGABE

Mit dem "Spieler" setzt Dostojewskij alles auf eine Karte. Der große Schriftsteller, frühere Revolutionär und spätere vaterländische Klassiker, ist ein Wrack: Seit seiner Europareise 1862 spielsüchtig, eilt er jahrelang rastlos hin und her, zwischen Russland und dem Westen, zwischen seiner schwerkranken Frau in Moskau und der jungen Apollinaria Suslowa, in die er verheerend verliebt ist, von Schulden und epileptischen Anfällen nahezu aufgefressen. Als seine Frau und sein Bruder sterben und die Gläubiger nicht mehr aufzuhalten sind, sucht er den Befreiungsschlag. Vom Verleger Stellowski borgt er sich die rettenden 3000 Rubel und sichert ihm dafür einen fertigen Roman zu: Stichtag 1.11.1866, in etwas mehr als einem Jahr. Vertraglich wird festgeschrieben, dass, sollte der Roman nicht fristgerecht fertig sein, in den nächsten neun Jahren die Rechte aller bereits vollendeten und noch folgenden Werke völlig an Stellowski abzutreten sind. Ein (in der damaligen Zeit nicht ganz ungewöhnlicher) Teufelspakt. Ungerührt arbeitet Dostojewskij erstmal weiter an seinem spektakulären Epos "Verbrechen und Strafe", dem "größten Kriminalroman aller Zeiten" (Thomas Mann), bis er sich etwa einen Monat vor Fristende der Vertragsschuld besinnt. In nur 26 Tagen entsteht "Der Spieler", den er einer Stenographin diktiert und in letzter rettender Sekunde dem advocatus diaboli überbringen lässt. Die Stenographin, mehr als 20 Jahre jünger als Dostojewskij, wird einige Monate nach der Niederschrift seine zweite Frau, "Der Spieler" weltberühmt, Dostojewskij wenige Jahre später seine Spielsucht überwinden und sich endgültig in die Weltliteratur einschreiben. So kann man den fiebrigen „Spieler“ als befreiende persönliche Aufarbeitung und biographischen Wendepunkt lesen. Zugleich zeigt sich in der literarischen Teufelsaustreibung ein rasendes, getriebenes, sich auflösendes Ich, das mit atemlosen Schritten der Moderne und ihren Extremen zueilt.

Im Zentrum des Textes steht der junge Hauslehrer Alexej, angestellt bei einem russischen General a.D. und mit diesem und der halben Familie in einem deutschen Kur- und, was wichtiger ist, Kasino-Städtchen auf das große Geld wartend. Bis zum Hals in Schulden stecken alle miteinander, zocken sich beim Roulette die Seele aus dem Leib und warten auf ein rettendes Telegramm aus Russland, das den sehnsüchtig erwarteten Tod der alten Tante Antonida Wassiljewna Tarassewitschewa incl. eines satten Erbes ankündigt. Denn das würde, könnte man meinen, alle Probleme lösen: Der General könnte endlich die schlitzohrige Mademoiselle Blanche, der er verfallen ist, heiraten, seine Stieftochter Polina könnte sich aus der finanziellen Abhängigkeit vom (falschen) Marquis des Grieux befreien, dem sie mit sexuellen Gefälligkeiten die Zeit vertreibt – und vielleicht sich sogar endlich Alexej zuwenden,der ihr in abgründiger Hassliebe zugewandt ist. Doch dann steht plötzlich die "baboulinka" persönlich und rüstig vorder Tür und treibt, als sie schließlich selbst den Spielsaal betritt, den Plot zur Eskalation. Alexej schließlich, der instabile, zwischen Masochismus und Sadismus hyperventilierende Erzähler, setzt sich selbst aufs Spiel und wird zudem, was die riskanteste und zugleich verheißungsvollste Gewinnchance des Roulettes ist: Zéro.

Der Text wirbelt ähnlich der Roulettekugel, die hier fast alles entscheidet, fiebrig durch die Hotelzimmer und Spielsäle, durch die Berge von Jetons und durch die kaputten Herzen der Figuren, die allesamt zwischen Spiel und Trieb, Liebe und Hass, Geld und Gier verloren sind. Das Herz der Finsternis, in dem sie feststecken, heißt hier "Roulettenburg", von Dostojewskij aus den realen Vorbildern Wiesbaden, Homburg und Baden-Baden der 1860er Jahre amalgamiert. Das fiktive Nest wird zum Wartesaal einer infantilisierten Gesellschaftsblase auf dem Trip der "moral insanity", ihre Droge das Glücks-Spiel, mit dem die Figuren "das Bewusstsein zu übertäuben suchen, das sie dem Gang des Sekundenzeigers ausgeliefert hat" (Walter Benjamin). Denn die einzige Zeitkategorie, die sie ertragen, ist das vulgäre JETZT, in dem sie auf der Stelle treten, jeglicher Veränderung, Entwicklung, jeglichem Fortschritt abgewandt. Das FRÜHER ist Russland, idealisierte und verlustig gegangene Heimat, die mit nationalen Chauvinismen gegen alle Welt verteidigt werden muss. Das unsichtbare Gefängnis ihrer finanziellen und emotionalenAbhängigkeiten hassen sie und brauchen es zugleich: für das MORGEN hat der ruinöse Haushalt des Generals wederPhantasie noch Mut „und hinter tausend Stäben keine Welt“ (Rilke).

Und so spielen sie, von metaphysischer Langeweile, ja Leere narkotisiert, bis in alle Ewigkeit - nicht mehr wie bei Schiller im freiheitlichen Sinne, sondern so, wie wir es bis heute kennen: in pathologischer Sucht ökonomischdurchorganisiert. Geld hat als Objekt der Lust die menschlichen Sexualpartner mitunter ersetzt, diese wiederum sind als ökonomisch besetzte Körper auf dem Marktplatz der Gefühle nur eine Währung unter anderen. In der Zockerbande rund um Alexej werden somit schon die Umrisse des Kasino-Kapitalismus sichtbar, dem wir uns bis auf weiteres ausgeliefert haben. Und unter einem leeren Himmel kein Gott in Sicht, der die Kugel stoppt. 

DER SPIELER (FOTOGALERIE)

Der Spieler

Der Spieler

von Fjodor M. Dostojewskij

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