Mobile immobil

"Das Mobile ist fixiert, die Verhältnisse können von den Figuren selbst nicht mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden" © Matthias Horn
"Das Mobile ist fixiert, die Verhältnisse können von den Figuren selbst nicht mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden" © Matthias Horn

Ein Mobile hängt von der Oberbühne des Cuvilliéstheaters herab. Es balanciert, so wirkt es, auf der einen Seite einen Leuchtballon, wie ihn etwa das Militär zur Geländebeleuchtung einsetzt, auf der anderen das Modell eines Bunkers. Ob es sich hier um den Unterschlupf Philoktets handelt, oder eine vage Anspielung auf ein bestimmtes, bemerkenswert unauffälliges Haus bei Islamabad? In jedem Falle balanciert dieses unwahrscheinliche Mobile die fragilen Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb Ivan Panteleevs Inszenierung von Heiner Müllers "Philoktet" – denkt man.

Heiner Müller selbst spricht in seiner Notiz "Drei Punkte. Zu PHILOKTET" über den Unterschied zwischen "Geschichte" und "Modell" in Hinblick auf die Struktur seines Theaterstückes. In diesem Sinne bedeutet "Philoktet" nicht die Akkumulation geschichtlicher oder narrativer Begebenheiten, sondern vielmehr das abstrakte Modell, das eben solche Begebenheiten hervorbringt.

Auf der Bühne des Cuvilliéstheaters wirkt nun besagtes Mobile, als verdingliche es dieses Modell, als verdingliche es die Beziehungen der Figuren in Heiner Müllers Drama:

Im Wesentlichen sind dies die zwei Körper Odysseus' und Philoktets, deren antagonistische Beziehung sie gewissermaßen an den beiden äußersten Enden einer Balance der Macht positioniert, während ein dritter Körper, der junge Krieger Neoptolemus, die oszillierende Variabel, das Zünglein an der Waage des Mobiles bildet.

Jedoch verlaufen diese Beziehungen in Müllers Modell nicht entlang ideologischer Kategorien. Sie sind vielmehr kontingent, vorbestimmt durch drei gegebene Objekte – Philoktets Wunde, seinen Bogen, seine Giftpfeile. Müller selbst bezeichnet diese Objekte ausdrücklich nicht als "Requisiten", sondern vielmehr als "Handlungselemente".

"Das Philoktet-Modell wird bestimmt von der Klassenstruktur der abgebildeten Gesellschaft (die Armee als Funktion des Feldherrn, eine Beziehung, die aus der Dialektik nur ideologisch herausgehalten werden kann: sie ist, durch Umkehrung, aufhebbar) und von der Eigentumsform (die Waffen, als Privatbesitz, sind Handlungselemente, keine Requisiten)."

Handelte es sich um "Requisiten", dienten sie den Akteuren dazu, Einfluss auf ihre Situation zu nehmen. Als "Handlungselemente" hingegen üben sie ihre eigene Macht auf die Akteure aus. Sie inszenieren die Wechselbeziehungen.

In Unterschied zu Sophokles' Vorlage, in der die Funktion des Bogens mit dem Körper Philoktets verbunden ist, trennt Müller Philoktet von der Funktion seiner Waffe. Es ist die Waffe und nicht der Schütze, die Wert für die Griechen vor Troja hat. Recht eigentlich scheint der Wert des Bogens höher bemessen zu werden als derjenige seines Besitzers.

Das Ding, der Bogen selbst, steigert damit die Verdinglichung der Person Philoktets, der sich somit in einer Balance mit diesem Ding befindet.

In Dimiter Gotscheffs legendärer Inszenierung des Stückes – unsterblich durch Heiner Müllers "Brief an den Regisseur der bulgarischen Erstaufführung von PHILOKTET" – wurde dieser Bogen auf der Bühne wie ein Museumsstück in einer Glasvitrine zur Schau gestellt. In seinem Brief liest Müller Gotscheffs Behandlung dieses Bogens als Kritik an einer perversen Verdinglichung des Menschen selbst.

"Die Ausstellung des Bogens als Museumsstück oder Reliquie bereitet die schauerliche Einsicht des Odysseus vor, dass der Gebrauchswert des toten Funktionärs dem des lebenden nicht nachsteht, ihn möglicherweise übersteigt, solange die Armee das Eigentum bzw. die Funktion des Feldherrn ist."

Zu Beginn unserer Proben folgten nun Ivan Panteleev und sein Bühnenbildner Johannes Schütz einem ähnlichen Weg, indem sie nicht nur den Bogen auf der Vorderbühne ausstellten, sondern eben gleich alle drei "Handlungselemente" – den Bogen, die Pfeile und einen grünen Gummistiefel als Symbol für Philoktets Wunde. Die Schauspieler sollten sich auf diese Objekte durch Blicke und Gesten beziehen, jedoch niemals diese Handlungselemente für ihre Handlungen nutzen, sie in die Sphäre der Handlung hinüberholen. Vielmehr sollten diese Objekte die Schauspieler selbst gewissermaßen "inszenieren", zu Objekten machen.

Nun aber, in der letzten Probenwoche, ist man übereingekommen, alle drei Objekte aus der Inszenierung zu streichen. Hierdurch vollzieht sich eine bemerkenswerte Verschiebung im Verhältnis zwischen Handlungsobjekt, also der Determinante, und den Akteuren, also den Determinierten. Was Gotscheff zum Gegenstand werden lässt, verlagert Panteleev in die symbolische Ökonomie des müllerschen Textes. Während Müller Philoktet ersetzbar macht, indem er dessen physische Existenz von derjenigen des kriegsentscheidenden Potentials seiner Waffe trennt, spitzt Panteleev dessen Lesart zu, indem er keinem Objekt an sich mehr einen Wert zuspricht, sondern den Wert der Objekte stets nur über deren sprachliche Benennung evoziert. Das heißt, die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren geraten nicht dadurch ins Rutschen, dass ein tatsächlicher Bogen hin- und hergeraubt, gestohlen wird, sondern lediglich dadurch, dass jemand das Wort "Bogen" ausspricht.

Durch diese Abwesenheit von materiellen Objekten verschwindet die Unterscheidung zwischen Mensch und Ding vollständig. Das Ding, die Determinante, ist unsichtbar, ungreifbar geworden, und hat damit die vollständige Kontrolle über die Männer übernommen. Der Akteur selbst wird zum Ding, verkörpert nur mehr die Konsequenz der drei Determinanten des Stückes. Die Spieler "werden gespielt", ohne dass die sie "spielenden" Bedingungen noch sichtbar wären.

Szene aus "Philoktet" im Bühnenbild von Johannes Schütz © Matthias HornSzene aus "Philoktet" im Bühnenbild von Johannes Schütz © Matthias Horn

Damit kommen wir zurück zum Mobile. In Hinsicht auf diese Konstruktion nämlich sitzt der Zuschauer zunächst einer Illusion auf. Man würde erwarten, dass die beiden über eine Achse miteinander verbundenen Gegenstände (Leuchtballon und Bunkermodell) durch diese Achse in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Das aber tun sie nicht wirklich: Während das Mobile sich nämlich, von einem Elektromotor getrieben, allmählich über die Bühne dreht, kippt es doch nie, gerät nie in Schieflage, ja, ist so konstruiert, dass es das gar nicht kann. Die beiden Objekte sollen also gar nicht ihre Balance zueinander wieder und wieder verlierend stets neu justieren, sondern hängen ab von einem unsichtbaren Dritten, sind wiederum nur kontingente Konsequenzen unsichtbarer Determinanten von außerhalb der Bühne, wie es auch die Akteure unten auf der Bühne sind. Das Mobile wird also hergezeigt, doch nie ins Spiel gebracht. Damit ist es nicht länger Spielzeug als vielmehr Monstranz. Das Mobile ist ein "Immobile".

Es ist belangreich, dass in Müllers "Philoktet" das Spielsystem nie in Frage gestellt wird, ganz anders als etwa in "Germania. Tod in Berlin", wo den kämpfenden Soldaten der Sinn ihres Kampfes abhanden gekommen ist – ein Unterschied, auf den Müller selber in "Drei Punkte" hinweist. Nicht einmal Neoptolemos stellt jemals die Frage, worum es eigentlich geht in diesem Krieg. Der Krieg selbst wird als selbstverständliches Modell hingenommen. Wie Müller im letzten seiner drei Punkte schreibt: "Der Ablauf ist zwangsläufig nur, wenn das System nicht in Frage gestellt wird." In diesem dritten "Punkt" seines Textes berührt Müller auch den utopischen Aspekt seines Theaterverständnisses. Für ihn würde eine Veränderung eines Modells von Machtverhältnissen und -verläufen auf dem Theater noch eine Systemänderung in der Welt selbst bewirken können. Bei Gotscheff dann erfährt man schon eine Reduktion des denkbaren politischen Spielraumes durch die unveränderbare, fixierte Determination durch das in der Glasvitrine reliquienhaft ausgestellte Handlungselement, also die Waffe. Bei Panteleev dann betrifft diese Reduktion aber das ganze Modell. Hier fällt der utopische Aspekt von Müllers Theaterverständnis völlig weg. Panteleevs Inszenierung findet sich in der desillusionierenden Situation wieder, das Modell nicht mehr verändern zu können, weil seine Determinanten ungreifbar geworden sind. Das Mobile ist fixiert, die Verhältnisse können von den Figuren selbst nicht mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Die drei dargestellten Menschen sind hier selbst Objekte. Die Welt ist von uns nicht mehr zu retten. Inzwischen sind wir die Reliquien in der Glasvitrine.

 

Amy Stebbins ist amerikanische Regisseurin und Librettistin. Für die Spielzeit 2015/16 ist sie Gast der Dramaturgie des Residenztheaters. Im Rahmen eines Bundeskanzler Stipendiums beschäftigt sie sich mit den je verschiedenen Formen neuer Stückentwicklung im deutschen und amerikanischen Theater. In diesem Zusammenhang hat sie die Proben von "Philoktet" besucht.

Deutsche Fassung von Hauke Berheide und Amy Stebbins