HEILIG ABEND

Inhaltsangabe

Was macht die verrinnende Zeit mit uns? Was ist Terror, was Verrat? Wo beginnt Gewalt? Ändert sich unser Verhältnis von Gut und Böse, Leben und Tod, wenn die Zeit endlich ist? Auf der Bühne - ein Mann, eine Frau und eine Uhr. Es ist halb elf an Heilig Abend. Die Philosophieprofessorin Judith wurde aus dem Taxi geholt und verhaftet, als sie auf dem Weg zu ihren Eltern war. Man hat sie an einen Ort gebracht, der weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Dort sitzt sie nun einem Polizisten gegenüber. Der Vernehmer nennt sich Thomas, er konfrontiert sie mit dem dringenden Verdacht, dass sie mit ihrem Ex-Mann um Mitternacht ein Attentat begehen will. Einen Terroranschlag auf unschuldige Menschen und die Art, wie sie leben. In der Nacht, in der der Friede auf Erden gefeiert wird, soll Krieg herrschen. Das will Thomas verhindern. Er weiß alles über Judith, über ihre gescheiterte Ehe mit Peter, ihre konspirativen Treffen, ihre Theorien über diestrukturelle Gewalt. Er legt die Karten auf den Tisch. Er kennt die Pläne, weiß wann, aber nicht wo und was sie angreifen wollen. Er begreift den Zweck des Terrors nicht. Er will wissen, wo die Bombe ist, spielt seine Überlegenheit aus, macht ihr klar, dass nebenan ihr Ex-Mann ebenfalls verhört wird. Er ist davon überzeugt, dass Peter auspacken wird. Ein Duell zwischen Vernehmer und Beschuldigter nimmt seinen Lauf. Thomas will Vertrauen erlangen, fordert den Verrat heraus. Judith kennt sich aus mit allen Formen und Spielarten der Gewalt. Jedenfalls in der Theorie. Sie hat einen Lehrstuhl für Philosophie. Ihr Arbeitsgebiet sind die Werke von Frantz Fanon, einem Philosophen und Psychiater aus Martinique, der die Menschen der Dritten Welt bewegen wollte, sich ihrer Selbstentfremdung bewusst zu werden und als Arzt zu Zeiten des Befreiungskampfes in Algerien einer der entscheidenden Vordenker der antikolonialen Bewegung war. Sein Buch "Die Verdammten dieser Erde" ist so etwas wie das Manifest zur militanten Befreiung der Menschen Afrikas. Der Staat – und darin folgt Judith Fanon - ist der Hüter der strukturellen Gewalt. Aus der Kenntnis gesellschaftlicher Gewaltstrukturen und Mechanismen heraus beginnt Judith Zweifel über die tatsächliche Rolle von Thomas als Polizist zu säen. Aus der Verdächtigen wird eine Anklägerin des Systems, die Fragen nach Sinn und Zweck der Überwachung und des Verhörs stellt. Es sitzen sich hier nicht nur die Staatsmacht und eine vermeintliche Staatsfeindin gegenüber, sondern der Ermittler und die Idee der Revolution, wenn auch im Kostüm der Bourgeoisie. Judith behauptet, der allmächtige Staat sei der Terrorist und wolle die Tat überhaupt nicht verhindern, weil er Argumente zur Verfolgung Andersdenkender brauche. Plötzlich muss Thomas sich verteidigen und sich fragen lassen, ob er überhaupt auf der richtigen Seite steht. Er, der als Teil der abhängigen Klasse staatsfeindliche Terroristen jagt, sieht sich einer Intellektuellen gegenüber, die ihn mit der Frage nach seiner Rolle in dieser Inszenierung staatlicher Willkür aus dem Konzept bringen will. Sind es nur Worte und Theorien, spielt sie mit ihm oder ist Judith tatsächlich zur Gewalt bereit? Eine Meinung ist keine Tat, sagt Judith. Thomas fragt weiter, was das Paar in Südamerika gemacht hat und was es mit den Bombenbauplänen auf ihrem Computer auf sich hat. Oder ist doch alles nur eine Täuschung? Thomas ahnt plötzlich, dass es Judith vielleicht um etwas ganz anderes geht, als er vermutet. Aber die Uhr tickt unerbittlich. Es ist eine Minute vor zwölf. High Noon an Heilig Abend. Daniel Kehlmann, berühmt u. a. durch die Romane "Ich und Kaminski", "Die Vermessung der Welt" und dem gerade erschienenen Eulenspiegel-Roman "Tyll", stellt in seinem 90-Minuten-Stück "Heilig Abend" existentielle Fragen. Er merkt an: "Und doch, einer der beiden muss mehr recht haben als der andere. Das liegt in der Natur der Sache. Wer das ist, wird sich Schlag Mitternacht zeigen. Die Uhr wird es enthüllen."

Fliegendes Blatt 08/16

von Nora Gomringer

Was ist gerecht

dass Zeit verstreicht

du alleine bist

das Boot einen grünen Anstrich bekommt

wenige über vieles nachdenken

Sonneneruptionen unser politisches Klima vorhersagen lassen

dass Zeit verstreicht

dass es ein Gedicht von Ernst Jandl gibt, das ich hier nicht abdrucken kann...

Fliegendes Blatt 08/16

HEILIG ABEND (FOTOGALERIE)

Heilig Abend

Heilig Abend

von Daniel Kehlmann

Heilig Abend