DAS SCHLANGENEI INHALTSANGABE

Ingmar Bergmans in München gedrehter Film "Das Schlangenei" beschreibt ein Deutschland, dessen Ordnung am Zerbrechen ist und das durch Abschottung und Passivität die demokratische Idee in Frage stellt. Der schwedische Regisseur befand sich zur Zeit der Entstehung des Films im "bayrischen Exil". Er war zuvor während einer Probe im Stockholmer Dramaten zu Unrecht wegen Steuerhinterziehung von der Polizei abgeführt und angeklagt worden. Bergman erlitt einen Nervenzusammenbruch. Nach einem Selbstmordversuch kam er in die Psychiatrie und verließ Schweden im April 1976 aus Protest "gegen eine machtbesessene Bürokratie". In München arbeitete er von 1977 bis 1984 am Residenztheater als Theaterregisseur und produzierte in den Bavaria Film Studios zwei seiner "besonders unversöhnlichen" (Georg Seeßlen) Filme: "Aus dem Leben der Marionetten" und "Das Schlangenei".

Abel Rosenberg ist gemeinsam mit seinem Bruder Max und dessen Frau Manuela jahrelang als erfolgreicher Zirkusartist um die Welt gezogen. Nach Max‘ Verletzung leben die drei mit ihren gesparten Dollars in Berlin. In den trüben Novembertagen des Jahres 1923, als ein Dollar 150 Millionen Mark wert ist und Hitlers Putschversuch in München scheitert, wird das verlorene Künstlertrio in eine Folge mysteriöser Morde verwickelt. Max begeht Selbstmord und Abel und Manuela erleben immer stärker ihre Isolation und den Verlust der Gemeinschaft. Dem Alptraum von sozialer Verwerfung und Nationalismus ausgeliefert, flüchtet sich Abel in den Suff und das Nachtleben, während Manuela ihrer früheren Verbundenheit und Liebe anhängt. Polizeiinspektor Bauer dagegen versucht eine kleine Insel der Ordnung und der Vernunft zu schaffen und tut mitten im allgemeinen Chaos seine Pflicht. Jeder von ihnen ist bemüht, sich aus den gesellschaftlichen Verwerfungen rauszuhalten. Doch Manuelas Nichtstun, Abels Weltflucht und Bauers Stillhalten verschärfen nur die privaten und politischen Konflikte. So bleibt für den Einzelnen die Ohnmacht der Angst, die in Hass, Ressentiment und Aggressivität umschlägt. Denn längst sind existentielle Leere und Extremismus an die Stelle traditioneller Werte getreten und schaffen den Nährboden für die zynischen Experimente des Wissenschaftlers Hans Vergérus.

Eine ähnlich düstere Vision unserer nahen Zukunft beschreibt Yuval Noah Harari in seinem 2015 veröffentlichten Buch "Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen", die die Menschen in einen Homo Deus und einen Homo Nutzlos unterteilt. Da stehen dann wenige rundum optimierte, sich ihrer Langlebigkeit erfreuende Superreiche, die über die technische Entwicklung verfügen, sowie einige hochkompetente Dienstleister einer Mehrheit der Überflüssigen gegenüber. Hararis "Homo Deus" spielt mit dem belasteten Begriff des "Übermenschen". Doch gegenüber der Prinzipien der Selektion und "ethnischen Säuberungen" der Nazis beschreibt Harari die wesentlich effizienteren Mittel der Wissenschaft der Gegenwart, wonach in den nächsten hundert Jahren mittels Gen-Engineering oder Schnittstellen zwischen Computer und Gehirn "Supermenschen" geschaffen werden, die den heutigen weit überlegen sind: "Vielleicht bewegen wir uns auf eine Zukunft zu, in der ein kleiner Teil der Menschen gottähnliche Fähigkeiten erlangt, während die allermeisten Menschen zurückbleiben (…), die als Klasse der Nutzlosen keine politische Macht und keinen wirtschaftlichen Wert mehr haben." (Yuval Noah Harari) Doch mit dem Verlust von Macht und Wert sind auch Lebenssinn und Daseinszweck des Einzelnen gefährdet. Freiwillig stehen dafür Massen von unpolitischen, in Angst vor dem sozialen Absturz lebenden "Trapezkünstlern" zur Verfügung, für die Freiheit zu Weltverlorenheit wird. Abels "Tunnelblick" wirft seine Schatten bis in unsere Zeit.

Regisseurin Anne Lenk inszeniert Ingmar Bergmans "Schlangenei" als surreales Kammerspiel über die Katastrophe menschlicher Selbstvernichtung, die hinter der dünnen Schale der Zivilisation immer wieder aufs Neue zu erleben ist.  

Das Schlangenei Programmheft Auszug (PDF)

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DAS SCHLANGENEI (FOTOGALERIE)

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Neben den Eröffnungspremieren "Kinder der Sonne" von Maxim Gorki am 23. September 2017 und "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman am 30. September 2017 im Cuvilliéstheater, beginnt die neue Theatersaison im Resi mit großem Schauspielertheater: "Macbeth", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Phädras Nacht" und "Die Troerinnen".

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Spielzeiteröffnung 2017/18

Politisches Schauspielertheater mit "Kinder der Sonne" + "Das Schlangenei"

Mit der Premiere von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" eröffnet das Residenztheater am 23. September die Spielzeit 2017/18. Es ist die siebte Spielzeit unter Intendant Martin Kušej, in der mit der Frage "Wer ist wir?" eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen und das Publikum eingenommen wird. David Bösch inszeniert das vom russischen Dramatiker Gorki am Choleraaufstand 1892 angelehnte Drama "Kinder der Sonne" über den eitlen Chemiker Protassow. Am 30. September zeigen wir die zweite Premiere der neuen Spielzeit: "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman im Cuvilliéstheater inszeniert von Anne Lenk.

Spielzeiteröffnung 2017/18
Das Schlangenei

Das Schlangenei

von Ingmar Bergman

Das Schlangenei