STILLE!!! NACHT!!!

Paul Plamper: "Stille Nacht" ist eine Art Tragikomödie über Konsum, über unsere mit ihren Luxusproblemen um sich selbst kreisende erste Welt © Janna Ribow
Paul Plamper: "Stille Nacht" ist eine Art Tragikomödie über Konsum, über unsere mit ihren Luxusproblemen um sich selbst kreisende erste Welt © Janna Ribow

Paul, Du beziehst Dich in einer Serie Deiner Arbeiten auf "Ruhe". Auch auf die Gefahr hin, dass das uferlos über das eigene Leben hinaus reicht, könntest Du versuchen, uns zu erklären, was damit in "Stille Nacht" gemeint ist?

"Stille Nacht" ist der dritte Teil meiner Ruhe-Serie, weil es darin um zwei verschiedene Arten von Ruhe geht: Zum einen die Ruhe, die entsteht, wenn Geschenke ausgepackt werden: Jemand reißt ein Papier auf, hält inne. Was ist es? Wie wird der Beschenkte reagieren? Wird er sich freuen? Enttäuscht sein? Schafft sie oder er es, Freude zu spielen? Also zum einen Ruhe als Dreh- und Angelpunkt der Beziehungen, die beim Schenken kulminieren, und zum anderen geht es um die 'heilige' Stille, die für viele am Fest der Liebe herrschen soll. Auch Nicht-Christen wollen ja an Weihnachten eine ruhige Zeit verbringen. Man will seine Ruhe. Ruhe als Ausdruck des Friedens … oder eben als Ausdruck eines familiären Waffenstillstands.

Paul Plamper beim Aufbau der Audioinstallation © Janna RibowPaul Plamper beim Aufbau der Audioinstallation © Janna RibowAch so, wie in Bölls "Nicht nur zur Weihnachtszeit". Dieser symbolische Tausch scheint eine sehr elementare Funktion im sozialen Zusammenleben. 

Auf jeden Fall scheinen Geschenke das wirksamste Mittel, für kurze Momente einen Zusammenhalt zu inszenieren. Die Audio-Installation versammelt eher ein Patchwork, das Familie spielt. Dieser 'Familienrest' kämpft mit der Tendenz auseinander zu fallen. Die Fliehkräfte sind gewaltig. Da hilft es, dass man mit einem Geschenk auch mal die ganz ganz großen Emotionen triggern kann, zumindest bei Kindern. Das war bei „Stille Nacht“ ein wichtiger Ausgangspunkt: Können Geschenke gemeinschaftlich erlebte Gefühle auslösen, an die keine Religion mehr herankommt? "Stille Nacht" kreist spielerisch um die Frage, inwiefern ein Geschenk möglicherweise die ungebrochenste, vielleicht sogar echteste Freude bereiten kann, die unser Kulturkreis zu bieten hat... (Anm. der Red.: Eines unter zahlreichen Beispielen gibt's hier.)

Auch in Deinem Hörspiel "Der Kauf" (das es auch als Audio-Installation gibt und das vielleicht einige Münchner gesehen haben) geht es um so grundlegende Fragen, was Besitz für uns bedeutet, in anderen um Präimplantationsdiagnostik oder Dominanz. Woher kommt dieses Interesse für die Zwänge des Menschlichen?

Mich treiben verschiedenste Ideen und Geschichten um, und in letzter Zeit habe ich immer nur die ausgearbeitet, die mich länger nicht losgelassen haben. Themen, die moralisch knifflig sind und mich zwingen, nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern sozusagen im eigenen Haus zu kehren. An Familie beschäftigt mich natürlich das Unentrinnbare. Deswegen ist "Stille Nacht" ein sechzigminütiger Loop, der drei aufeinander folgende Weihnachtsfeste erzählt. Die Familie steckt in einem Hamsterrad der jährlichen Feste, in einer bedrohlichen Schleife. Man versucht Weihnachten jedes Jahr anders zu feiern, es besser miteinander auszuhalten, erinnert sich vielleicht auch an die ganzen schrecklichen und schönen Aspekte der vorangegangenen Weihnachtsfeiern, landet aber ein um das andere Mal wieder in den selben Mustern. Keiner will das jährliche Blockflötenkonzert – man erlebt aber, wie es trotzdem immer wieder darauf hinausläuft.

Welchen Mehrwert bietet die räumliche Auskoppelung der Inhalte?

Ich hab mir das als eine Art Kreuzweg oder Stationendrama gedacht, bei dem ein Grüppchen Zuschauer unseren Feierlichkeiten im Wortsinn 'nachgehen' kann: Die fünf Stimmen wandern stetig durch über zwanzig Lautsprecher, mit denen wir ein Weihnachtsessen, eine Sofasituation und die Bescherung am Weihnachtsbaum in den Raum skizzieren. Jede Stimme kommt immer aus einem einzelnen Lautsprecher. Man kann sich zwischen die Stimmen ins Geschehen setzen, selbst eine Perspektive wählen und zum Beispiel erleben, wie Schorsch Kameruns Stimme vor dem absolut denkwürdigen Blockflötenkonzert noch vom Tisch aus mosert und sich dann widerwillig in seinem Lautsprecher vor dem Sofa einfindet, wo er dann mittrötet. Tontechnisch ist das für mich ein Fest – der Stand der Audiotechnik erlaubt es mittlerweile, eher wie ein Bildhauer vorzugehen und so etwas wie räumliche Skulpturen herzustellen, aus Schallwellen.

Du hast einen besonderen Umgang mit Deinen Schauspielern, beschreib ihn, wenn das geht. Wie bereitest Du Deine Arbeit an den einzelnen Szenen vor. Wie führst Du sie aus?

Ich schreibe Figurenprofile, ein Handlungsgerüst und Dialogentwürfe. Aber das landet bei den Aufnahmen meistens in der Ecke, weil wir das Geschriebene mit Improvisationen praktisch nochmal überschreiben und aus dem Zusammenspiel heraus weiterentwickeln. Bei "Stille Nacht" treffen zum Beispiel die Schauspielerinnen Margarita Broich und Caroline Peters auf den Kunsthistoriker Thomas Blisniewski, den Schüler Franz-Broich-Wuttke und den Musiker Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, der das Ganze eher wie eine Session angegangen ist. Wenn so verschiedene Hintergründe aufeinandertreffen, wird es spannend. Die schauspielerischen Nicht-Profis fordern durch ihre Glaubwürdigkeit die Schauspieler heraus und die Schauspieler können die Szene für alle dramatisch und emotional lenken. Im Idealfall machen alle einander besser, wie die Mitglieder einer guten Band.

Was gibt es beim Schnitt dann noch zu entdecken? Wo steckt der Autor in dem ganzen Prozess?

Der Autor steckt zu einem großen Teil auch in der Montage. Wir schneiden in einem langen Prozess die Varianten der Improvisationen zusammen, verdichten und musikalisieren sie auf eine unmerkliche Art zu einem Konzentrat. Was man im Endeffekt hört, ist ein genau durchkomponiertes, aber sehr natürlich wirkendes Best-Of der Aufnahmen.

Bedeutet Dir die Nähe zur Maximilianstraße etwas? In der schönen Aussicht des Residenztheaters ist die Audioinstallation nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Bei "Der Kauf" erinnere ich mich, dass Du "sprechende" Orte gesucht hast, ob in Köln, in Hamburg oder in München.

Ich freue mich sehr, mit der Installation so nah an die Maximilianstraße heran zu kommen. Das ist für mich einfach die Luxusshoppingmeile in Deutschland und sie wird zu Weihnachten sicher in ihrer ganzen Obszönität erstrahlen. Und "Stille Nacht" ist ja auch eine Art Tragikomödie über Konsum, über unsere mit ihren Luxusproblemen um sich selbst kreisende erste Welt.

Tags: Feier, ruhe, Interview