Fliegendes Blatt 08/16

von Nora Gomringer

Was ist gerecht

dass Zeit verstreicht

du alleine bist

das Boot einen grünen Anstrich bekommt

wenige über vieles nachdenken

Sonneneruptionen unser politisches Klima vorhersagen lassen

dass Zeit verstreicht

dass es ein Gedicht von Ernst Jandl gibt, das ich hier nicht abdrucken kann,

(das aber so funktioniert:

----- in Form einer Sanduhr baut sich unter dem Satz "wie die Zeit vergeht"                              das Wort lustig mit zahlreichen Wiederholungen von lus- und -tig auf zu                                  einem pyramidischen Haufen, so wie es der Sand der Uhr auch täte)

wir uns zwei-, dreimal treffen, miteinander schlafen

du mich kennst wie deine Westentasche

dass Zeit verstreicht

wir verschwinden ohne Aufhebens

(hinterlassen nur Dinge, einen gestaltlosen Willen, eine körpergroße Lücke,                        manchmal Blut)

dass so eine Westentasche keine Luftlöcher besitzt, nur manchmal eine                                  wunde Naht

durch die hindurch so eine kleine Existenz nah an deinem Körper durch das                            Innenfutter

der Weste entkommen kann, den Mund, die Nase voll deines Duftes

dass man aus dem Weltall auf einen Apfel an einem Baum und auch auf                                      einen Kopf fallen kann

dass Zeit, Sand und Asche verwehen

und mit ihnen: wir

Nora Gomringer

DIE TEXTE DER LYRIKERINNEN NORA GOMRINGER UND MONIKA RINCK, DIE SIE IN DER SPIELZEIT 2017/18 IN DEN PROGRAMMHEFTEN DER PREMIEREN SOWIE ONLINE FINDEN, SIND LITERARISCHE REAKTIONEN AUF DIE STÜCKE UND STOFFE DER SAISON. SIE ENTSTEHEN NICHT IM ZUSAMMENHANG DER INSZENIERUNGEN, SONDERN SIND ZUSCHRIFTEN AUS DER FERNE, EIN FLIEGENDES BLATT PRO HEFT.

NORA GOMRINGER LEITET DAS KÜNSTLERHAUS VILLA CONCORDIA IN BAMBERG UND IST INGEBORG-BACHMANN-PREISTRÄGERIN 2015.

Heilig Abend Programmheft (Auszug)

Heilig Abend Programmheft (Auszug)
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HEILIG ABEND

Inhaltsangabe

Was macht die verrinnende Zeit mit uns? Was ist Terror, was Verrat? Wo beginnt Gewalt? Ändert sich unser Verhältnis von Gut und Böse, Leben und Tod, wenn die Zeit endlich ist? Auf der Bühne - ein Mann, eine Frau und eine Uhr. Es ist halb elf an Heilig Abend. Die Philosophieprofessorin Judith wurde aus dem Taxi geholt und verhaftet, als sie auf dem Weg zu ihren Eltern war. Man hat sie an einen Ort gebracht, der weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Dort sitzt sie nun einem Polizisten gegenüber. Der Vernehmer nennt sich Thomas, er konfrontiert sie mit dem dringenden Verdacht, dass sie mit ihrem Ex-Mann um Mitternacht ein Attentat begehen will.

HEILIG ABEND

Fliegendes Blatt 07/16

Befehl zur Genesung von Monika Rinck

Komm, lass uns zurückgehen in eine Zeit,
da waren wir alle wie Schlangen gewesen.
Ich aber, sagt es, bin nie eine Schlange gewesen.
Ich war damals eine Höhle hingegen.Ich war
die Höhle, in der die Schlangen sich wanden.
Es sagt: Ich war die größte der Höhlen gewesen,
das klassische Weinbett aus geräuchertem Speck
mit Brot und grünem Paprika.

Fliegendes Blatt 07/16

Fliegendes Blatt 06/17

Keine Feile von Monika Rinck

Ich hätte das nicht machen wollen. Er hatte keine Feile bei der Hand.
Dennoch kam mit einem Mal der Feierabend. Gesprochene Worte
nochmals sprechen. Es gibt nichts, was ausbleibt. Das aber heißt:
Es gibt auch keine Diskretion. Ich hätte das nicht machen wollen.
Doch es gibt hier etwas Weißes in den Zellen. Es gibt Funktionen.
Nicht mit einer leeren Zelle tauschen, tadelt ihn die Datenbank.
Besser vielleicht dem Regen lauschen. Und sich fragen: Wasser?

Fliegendes Blatt 06/17
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FLIEGENDES BLATT 05/16
Despair and die! von Nora Gomringer

FLIEGENDES BLATT 05/16

Fliegendes Blatt

Eine Serie von Nora Gomringer und Monika Rinck in den Programmheften der Spielzeit 2017/18

In der Spielzeit 2017/18 bitten wir immer abwechselnd die Lyrikerinnen Nora Gomringer und Monika Rinck um ein "Fliegendes Blatt", die jeweils letzte Seite der Programmhefte. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge. Diese kurzen Texte entstehen nicht im Zusammenhang der Inszenierungen, sondern sind Zuschriften aus der Ferne, Gedankengänge, Ideen, kurz: literarische Reaktionen auf die Stücke und Stoffe der Saison.

Fliegendes Blatt

FLIEGENDES BLATT 02/16

von Monika Rinck

Wir betreten nun den Innenraum, das ist vermutlich die Lunge. Links davon der Bänkelgesang: Es ist die Milz. Bitte entfernen Sie sich ein wenig weiter vom Thema. Fasern und Bronchien, der ganze Zirkus mit Namen Bronchitis. Die Gewalt steht längs der Leber an einem Pranger. Die Leber muss schuften. Huch! Was schuftet die Leber! Unermüdlich ist sie und unendlich müde. Der Organismus antwortet mit Fieber. Es hampeln Synapsen. In Penumbra, umtanzt von Sexualitäten und ihren Organen. Mehl. Hier brüten die Eier in körpereigenen Zellophanen. Hier brodelt der Schoß.

FLIEGENDES BLATT 02/16

FLIEGENDES BLATT 01/16

von Nora Gomringer

Wissen Sie’s schon? Die AfD will erstmal bewiesen bekommen,
dass wir Menschen den Klimawandel herbeiführen und nicht die Sonne.
Die Störchin äußerte sich dazu recht unbeholfen, zornigmachend.
Die Sonne müsst man verklagen!
Kinder der Sonne, das sind wir dann: auch Idioten.

FLIEGENDES BLATT 01/16
Heilig Abend

Heilig Abend

von Daniel Kehlmann

Heilig Abend