Agnes Bernauer

Cuvilliéstheater, 19.30 Uhr
Sa 18 Jun
AGNES BERNAUER
von Franz Xaver Kroetz
Premiere 18. November 2021
Cuvilliéstheater
1 Stunde 40 Minuten
Keine Pause
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

«Die Gutheit lohnt sich nicht, das hätt ich Ihnen gleich sagen können.»

 

«Agnes Bernauer», uraufgeführt 1977 in der DDR, beginnt als Märchen im Zeitraffer: Agnes wird nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem bankrotten Vater zur Arbeit angehalten. Aber sie will nicht daran glauben, einen Beruf zu finden, der ihr «eine Freud macht», und beschließt, reich zu heiraten. Der soziale Aufstieg gelingt prompt: Agnes wird schwanger und nimmt Albrecht zum Mann, der im goldenen Käfig des Werdenfels'schen Familienunternehmens als zartbesaitetes und einziges Muttersöhnchen gehegt und gepflegt wird. Wie im Märchen spricht sie von ihm als Prinz und befragt den Spiegel, was zu tun sei, um glücklich zu bleiben, «denn leicht ist es nicht, wenn der Unterschied so groß ist». Die Folie des Märchens dient Franz Xaver Kroetz als Mittel, gesellschaftliche Verhältnisse unter die Lupe zu nehmen – und so schickt der Autor seine Protagonistin auf eine Reise. Nach zahlreichen Begegnungen im Milieu der Arbeiter*innen, die in prekärer Heimarbeit den Reichtum der Werdenfels produzieren, bittet sie ihren Schwiegervater, gerechte Löhne zu zahlen. Doch dieser, selbst aus nicht privilegierten Verhältnissen stammend, begreift seine Herkunft nicht als soziale Verantwortung. Und so muss Agnes ihr Gewissen befragen, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann: Entweder entwickelt sie als Nutznießerin eine gewisse Sehunschärfe bezüglich der sozialen Ungerechtigkeiten oder aber sie bricht in eine ungewisse Zukunft auf.

 

Die Geschichte der historischen Agnes Bernauer, der Geliebten des bayerischen Herzogs Albrecht III., war Topos mehrerer Dramatisierungen, etwa von Friedrich Hebbel und Carl Orff. Kroetz löst die Erzählung aus ihrem historischen Zusammenhang und lässt Agnes nicht unter die Räder der Verhältnisse kommen. Beeinflusst vom Volksstück Marieluise Fleißers und dem epischen Theater Bertolt Brechts erzählt Franz Xaver Kroetz die Geschichte einer Emanzipation nicht durch Erkenntnis, sondern Empathie.

Trailer

Zum Autor Franz Xaver Kroetz

Franz Xaver Kroetz wurde 1946 in München geboren. Nach dem Schulabbruch besucht er zwei Jahre eine private Schauspielschule in München, später dann für ein Jahr das Max-Reinhardt-Seminar in Wien, beides beendet er vorzeitig. Nach der Schauspielprüfung der Bühnengenossenschaft erstes Engagement am Büchner-Theater München. Kontakt mit Rainer Werner Fassbinders «antitheater». Zeitgleich hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er führt Regie am Tegernseer Bauerntheater und schreibt eine Vielzahl von Stücken, die er verbrennt. Zwischen 1968 und 1969 entstehen seine ersten heute noch erhaltenen Stücke, u. a. «Wildwechsel» (UA 1971, Städt. Bühnen Dortmund) und «Heimarbeit» (UA 1971, Münchner Kammerspiele). Aufgrund eines einjährigen Dramatikerstipendiums des Suhrkamp-Verlags kann Kroetz sich ganz dem Schreiben widmen und schafft den Durchbruch. 1971 entstehen die Werke «Stallerhof» (UA 1972, Deutsches Schauspielhaus Hamburg), «Geisterbahn» (UA 1975, Ateliertheater am Naschmarkt Wien), «Lieber Fritz» (UA 1975, Staatstheater Darmstadt) und «Wunschkonzert» (UA 1973, Staatstheater Stuttgart). Kroetz wird zum meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker und inszeniert seine Stücke auch zum Teil selbst. Seine Uraufführungen lösen oftmals Skandale aus und es kommt zu Protestdemonstrationen. 1971 tritt er in die Deutsche Kommunistische Partei DKP ein. Im selben Jahr verfilmt Rainer Werner Fassbinder «Wildwechsel», weitere Fernsehverfilmungen seiner Stücke, auch in Eigenregie, folgen. Bis 1977 schreibt er mindestens zwanzig Stücke, so auch «Oberösterreich» (UA 1972, Städt. Bühnen Heidelberg), «Maria Magdalena» (UA 1973, Städt. Bühnen Heidelberg) und «Agnes Bernauer» (UA 1977, Schauspielhaus Leipzig). Sie werden zahlreich ausgezeichnet, «Das Nest» erhält 1976 den Mülheimer Dramatikerpreis. Immer wieder arbeitet er auch als Schauspieler im Theater, Film und Fernsehen. Einen großen Bekanntheitsgrad erhält er 1986 durch seine Rolle als Klatschreporter Baby Schimmerlos in der Fernsehserie «Kir Royal». 1994 entstehen «Der Drang» (UA 1994, Münchner Kammerspiele) als eine Neubearbeitung des Stücks «Lieber Fritz» und «Ich bin das Volk» (UA 1994, Wuppertaler Bühnen). Seine letzten Arbeiten am Residenztheater München waren die Bearbeitung von Ludwig Anzengrubers «Der Gewissenswurm» (2007) und «Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind» (UA 2012). Mit «Der Drang» in der Inszenierung von Lydia Steier steht ab Februar 2022 ein weiteres Stück von Franz Xaver Kroetz auf dem Spielplan des Residenztheaters.

Besetzung

Leo Gmelch
Live-Musiker (Tuba)
Florian Burgmayr
Live-Musiker (Tuba)
Jan Kiesewetter
Live-Musiker (Tenorsaxofon)
Mark Pusker
Live-Musiker (Tenorsaxofon)
Josef Reßle
Live-Musiker (Harmonium)
Victor Alcantara
Live-Musiker (Harmonium)
Alexander Vičar
Live-Musiker (Violine und Akkordeon)
Maria Hafner
Live-Musiker (Violine und Akkordeon)

Künstlerische Leitung

Inszenierung Nora Schlocker
Bühne Marie Roth
Kostüme Jana Findeklee, Joki Tewes
Komposition Monika Roscher
Licht Georgij Belaga
Dramaturgie Constanze Kargl