Wut und Verzweiflung

Szene aus "Wir sind jung. Wir sind stark.": ein Beispiel dafür, was das Theater durch das gemeinsame Spielen, Arbeiten und Sprechen bei der Auseinandersetzung mit politischen Themen leisten kann. © Konrad Fersterer
Szene aus "Wir sind jung. Wir sind stark.": ein Beispiel dafür, was das Theater durch das gemeinsame Spielen, Arbeiten und Sprechen bei der Auseinandersetzung mit politischen Themen leisten kann. © Konrad Fersterer

"Wo? Wo? Wo wart ihr in Rostock?!"

Dieser Spruch begegnet mir zum ersten Mal irgendwo zwischen Theresienwiese und Bahnhofsviertel. Die vom wiederholten Rufen leicht heiseren Stimmen der Demonstrant_innen, aus deren Großteil die Jugend noch heraus klingt, vereinen sich zum Chor. Der Adressat: Die Polizei, die die Anti-Rassismus-Demonstration und die da drüben trennt. Nazis, der eine soll den Hitlergruß gemacht haben. Offene Provokation. Die Männer da drüben haben ein feistes Lächeln im Gesicht, denn sie fühlen sich sicher. Die Polizei schützt sie.

"Wo? Wo? Wo wart ihr in Rostock?!"

Stimmen irgendwo zwischen Verzweiflung und Wut. Wut darüber, dass es immer noch Rassismus gibt, dass deswegen auch hier in Deutschland noch Menschen sterben müssen. Verzweiflung, weil die jungen Antifaschist_innen sehen, dass das, wogegen sie heute auf die Straße gehen, größer ist als der "No Nazis"-Button auf der Schultasche. Größer als der Geschichtsunterricht. Und weil auf Facebook schon wieder von Angriffen auf Geflüchtete zu lesen ist. Zu guter Letzt bleibt die Wut darüber, dass die Polizei es anscheinend mühelos schafft, die Feinde einer wünschenswerten Zukunft zu schützen, bei Angriffen auf Migrant_innen, Geflüchtete oder Anderen jedoch viel zu oft nicht zur Stelle ist.

So wie in Rostock-Lichterhagen 1992. Als ein deutscher Mob das Sonnenblumenhaus angriff.

"Wir sind jung. Wir sind stark." erinnert uns an dieses Stück Geschichte. In der von Anja Sczilinski inszenierten Filmadaption zeigt sich uns auch eine Gruppe von Jugendlichen. Ihre Realität ist die Umbruchs- aber auch Zusammenbruchssituation nach der Wende im Jahr 1992. Sie sind gekennzeichnet von zielloser Rebellion und auswegloser Lethargie, Liebe und Liebeskummer, dem spannungsreichen Spiel von Macht und Angst und eben auch: rassistischem Hass.

Aber wir sehen auch die Opfer der Attacken. Eine Gruppe junger Vietnames_innen, junge Familien, die sich entscheiden müssen, wo ihre Zukunft liegen kann. In ihrem individuellen Suchen nach einer Identität zwischen kulturellem Background und gesellschaftlicher, deutscher Umgebung klingen aktuelle und zukünftige Themen von migrantischen Communitys und Geflüchteten an. Dann: Die erwachsenen Politiker, die kühl darauf hoffen, dass die Ausschreitungen im Fluss der tagespolitischen Ereignisse vergessen werden, und doch genauso zweifeln an der Gratwanderung von persönlicher, familiärer und berufspolitischer Haltungswahrung. Konstant bleibt die Präsenz von Radio und Fernsehen. Dort machen die rechtsextremen Krawalle den Anschein eines einzelnen Ereignisses. Ausnahmezustand-Fetisch. Zuschauen statt Eingreifen. Dabei gibt es doch die Möglichkeit zum Widerstand, wir sehen sie in einzelnen Stimmen.

Wer sich "Wir sind jung. Wir sind stark." als eine bloße Narration von Vergangenem zurechtlegt, könnte auch meinen, heute wäre alles geklärt und befriedet. Man redet sich ein, Rostock-Lichtenhagen war ein Einzelfall und ist heute – fast 24 Jahre später – Geschichte. So etwas passiert heute nicht mehr, heute ist man anders.

Zum Beispiel im Januar. Während die anderen Jugendlichen proben, fahre ich mit meiner Familie 7 Stunden lang bis nach Hessen, denn meine Oma wird 80. Das Catering ist mehr als pünktlich da. Die Stehtische aus der städtischen Touristenformation sind da. Wir sind da. Alles ist perfekt. Mehrere Grüppchen älterer Damen sitzen in den Wohnzimmersesseln. Gegenseitig erzählen sie sich von den Jobs ihrer Enkel. Mir jedoch erzählt eine ältere Dame vom Krieg. Man kennt das: Plätzchen, Prosecco, Porzellanvitrinen und Geschichten von der SA, von den Amerikanern, die kamen, von Panzern und Schusswechseln und der Zeit danach. Dann sagt sie noch, dass heute so etwas nicht mehr passieren würde. Heute wäre man klüger. Nur die Juden seien nicht klüger geworden. Was die da für Verbrechen begehen würden und so. Fast wie die Nazis damals.

Der astreine Antisemitismus dieser Aussage verwundert mich nicht wirklich, ich kenne ähnliche Meinungen auch von Menschen in meinem Alter. Aber auch ich bin problembehaftet, merke ich als wir nach dem Wochenende zurück nach München kommen.

In der U-Bahn sehe ich eine junge, schwarze Mutter mit ihrem hellhäutigeren Sohn. Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber erleichtert bin. Darüber, dass er es sicher leichter haben wird. Als nächstes ein junger Mann. Er hat eine Brille und ein großes Smartphone und scheint asiatischer Herkunft zu sein. Sicher ein Tourist, der den Weg sucht, denke ich – bis ich näherkomme und ihn im eindeutig muttersprachlichen Deutsch von seinen Uni-Klausuren erzählen höre. Und dann noch der türkische Lebensmittelladen in der Nähe von dem Atelier, in dem ich arbeite. Eine gut aussehende Familie mit erwachsenen Söhnen betreibt den Laden. Ich kaufe Humus und Oliven. Man grüßt sich mit "Servus!" und "Grüß Gott". Die weißen Kunden lächeln das Lächeln der Erleichterung. Endlich ist es geschafft. Der Laden als Paradebeispiel der Integration und als Versprechen dafür, dass wir nicht mehr über Rassismus sprechen müssen.

Mitnichten. Ich und du und wir und sie tragen ihn in uns. Die alten rassistischen und antisemitischen Bilder, Muster und Gedankenpfade beeinflussen unser Tun und unsere Entscheidungen. 1992 in Rostock-Lichtenhagen und heute. Das Bundeskriminalamt verzeichnete 2015 eine Gesamtzahl von 1005 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte, davon 173 Gewalttaten und 92 Brandstiftungen.

Das Ensemble von "Wir sind jung. Wir sind stark." bei einer Probe im Marstall. © Konrad FerstererDas Ensemble von "Wir sind jung. Wir sind stark." bei einer Probe im Marstall. © Konrad Fersterer

Burhan Qurbanis Film als ein Stück mit einem Ensemble von jungen Erwachsen auf die Bühne zu bringen bedeutet auch gemeinsam über die Thematik zu sprechen, aus dem Theater rauszugehen und einander zuzuhören. Zum Beispiel den Lebensgeschichten von Fortesa Berisha und Olivia Szpetkowska, die auf der Bühne Thao und Lien spielen. Fortesa – Tochter von Geflüchteten aus dem Kosovo, die ihre ersten Lebensjahre in wechselnden Asylheimen verbracht hat und deren Spielkamerad_innen über Nacht abgeschoben wurden, während ihre Eltern in einem Nerven aufreibenden Gerichtsprozess dafür gekämpft haben, in Deutschland bleiben zu dürfen. Ein Prozess, der, wäre er verloren worden, bedeutet hätte, mit einer jungen Familie in ein gewaltvolles und unsicheres Umfeld zurückkehren zu müssen. Und Olivias Mutter, die mit der ausbleibenden beruflichen Anerkennung, der Bemühung um Arbeitszeugnisse, einer in Polen wartenden Familie und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einem Einzelschicksal die Situation der Vietnames_innen im Stück spiegelt.

Während in den Räumen des Residenztheaters die Probe oftmals bis zum späten Abend dauerte, lief unmittelbar vor der Tür jeden Montag ein andere Schauspiel ab, PEGIDA, ein Umstand der auch zur Teilnahme am Protest führte und allen Beteiligten den Kontext des Stücks vor Augen geführt hat.

Über die Dauer von drei Monaten galt es gemeinsam ein Stück zu formen, dass die Stimmung der Krawalltage durch das Herausarbeiten von glaubhaften Charakteren vermitteln kann. Die Balance zu halten beim Aufzeigen von individuellen Gründen für den Rassismus der Figuren, diesen aber nicht zu entschuldigen oder zu banalisieren, sondern auch zu verurteilen, ist die große Aufgabe und Leistung des Stücks "Wir sind jung. Wir sind stark.". Damit bleibt es auch ein Beispiel dafür, was das Theater durch das gemeinsame Spielen, Arbeiten und Sprechen bei der Auseinandersetzung mit politischen Themen leisten kann.

Tags: JUNGES RESI