MARAT/SADE

Inhaltsangabe

Als Autor und Regisseur lädt Marquis de Sade zum grotesken Revolutionstheater und ruft die Geister der Französischen Revolution herauf. Deren Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind bereits wenige Jahre nach der Revolution für immer verloren. Radikaler Individualismus steht auf der Tagesordnung. Die Freiheit des Einzelnen geht auf Kosten anderer und die Brüderlichkeit scheint zum Nationalismus verkommen. Die Darstellung der Ermordung des wichtigsten Wortführers für die Rechte des einfachen Volkes, Jean Paul Marat, kommentiert de Sade mit seiner eigenen Erfahrung gegenüber einer Revolution, die "zu Ende geführt" wurde "von Kaiser Napoleon". Während der extreme Sozialist Marat und der skeptische Individualist de Sade noch über die Notwendigkeit weiterer sozialer Umwälzung debattieren, lässt de Sade dreimal die Mörderin Marats, Charlotte Corday, auftreten. Die ehemalige Landadlige und ihr Liebhaber, der girondistische Abgeordnete Duperret, eröffnen als konservative Patrioten den Totentanz der Restauration. Denn längst will auch das Volk sein Stück vom Kuchen und fordert: "Marat wir wollen keine Tüten kleben / Marat wir wollen im Wohlstand leben."

Mit "Marat/Sade" wurde Peter Weiss über Nacht als Theaterautor weltberühmt. Die Spielfassung des Residenztheaters ergänzt das Stück mit von Peter Weiss zur politischen und ästhetischen Selbstverständigung verfassten Texten der "Notizbücher 1960-1971". Weiss beschreibt in ihnen den Prozess der Entstehung des Stückes, seine Suche, seine Zweifel und seine persönliche Zerrissenheit zwischen seinen beiden Hauptfiguren. Im Stück diskutieren die weltanschaulichen Opponenten Sade und Marat gemeinsam mit Marats Parteigänger Jacques Roux über Sinn und Unsinn von Revolutionen und Gewalt sowie über die Frage nach einer gerechten Wirtschafts- und Werteordnung. Der Widerstreit der revolutionären Ideen und die als Folge durch Kaiser Napoleon betrogene Französische Revolution hatten Peter Weiss lange beschäftigt. Die Attentäterin Charlotte Corday, von Fritz Reck-Malleczewen in seiner "Geschichte eines Attentats" 1947 als eine starke, eigensinnige Frau und einsame Überzeugungstäterin gezeichnet, spielt mit ihrer Tat dem zukünftigen europäischen Diktator in die Hände. Sie ermordet den "blutrünstigen" Marat und bereitet den Weg für den autoritären Staatsstreich des Kaisers Napoleon.

In Zeiten gegenwärtiger postdemokratischer Entwicklungen scheint "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats" so brisant wie lange nicht mehr. Die Sehnsucht nach globaler Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Veränderung des permanenten Krisenzustandes von Wirtschaft und Politik treibt auch heute wieder junge Menschen auf die Barrikaden. Peter Weiss’ Drama formiert sich in Tina Laniks Residenztheaterinszenierung zum geschichtsphilosophischen Disput zwischen den verschiedenen Generationen. Die historischen Figuren und die persönlichen Texte des Autors Peter Weiss werden für die älteren und jüngeren Schauspieler des Spielensembles zum Ausgangspunkt politischer Selbstverständigung. Zeitzeugnisse der Französischen Revolution sowie Tagebuchnotizen und Interviewpassagen von Peter Weiss dienen der gemeinsamen spielerischen Befragung über Sinn und Zweck vonvergangenen und zukünftigen Revolutionen.

In einem Brief an Hermann Hesse (siehe S.18) schreibt der 1937 aus Deutschland geflohene einundzwanzigjährige Jude Peter Weiss darüber, dass in seiner Generation "etwas im Gären und Neuentstehen ist." Auch die Protestsängerin Joan Baez freute sich in einem Interview zu ihrer letzten Deutschlandtournee im Sommer 2018 über eine neue Generation revolutionärer Aktivisten, die den "Irrsinn der Politik" eines Donald Trumps nicht einfach hinnehmen. Micah White, Mitbegründer der Bewegung Occupy Wall Street, ist einer von ihnen. Er entwirft in seinem Buch "Zukunft der Rebellion" mögliche Wege zu Freiheit, Gerechtigkeit und politischer Bewusstheit "in dieser Irrenhauswelt" (Peter Weiss).