Resi sendet: Bruder Eichmann

RESI SENDET: BRUDER EICHMANN
von Heinar Kipphardt, ein filmisches Projekt unter der künstlerischen Leitung von Sebastian Baumgarten
Premiere 14. Dezember 2021

Vor sechzig Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann, Leiter des nationalsozialistischen Referats für «Judenangelegenheiten» und einer der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids. Sechzehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprachen erstmals Überlebende vor einer Weltöffentlichkeit von dem unfassbaren Grauen und der systematischen Vernichtung in den Lagern. Mit dem Eichmann-Prozess wurde auch in der jungen Bundesrepublik die Schuldfrage und deren juristische Aufarbeitung neu diskutiert. Die Frankfurter Auschwitzprozesse und der Majdanek-Prozess in Düsseldorf waren ebenso seine Folge wie die Tatsache, dass die bis dato ausgesparte NS-Zeit nun auch zum Gegenstand des deutschen Schulunterrichts wurde. Eichmann selbst lieferte mit seiner Verteidigungshaltung die Blaupause für viele nach ihm angeklagte Kriegsverbrecher* innen, indem er jede persönliche Verantwortung kategorisch abstritt und sich als bloßes «Rädchen im Getriebe» inszenierte – Hannah Arendt sprach in ihrem berühmten Prozessbericht in Bezug auf Eichmann von der «Banalität des Bösen».

 

Heinar Kipphardt verarbeitete die Verhörprotokolle des israelischen Geheimdiensts mit Eichmann zu seinem Dokumentartheaterstück «Bruder Eichmann». Dabei ging es ihm vor allem um die Darstellung jener «Eichmann-Haltung», die den Menschen unter Ausschluss aller moralischen Erwägungen zu einem rein auf Funktionalität ausgerichteten Befehlsempfänger werden lässt. Denn gerade darin lauert für Kipphardt die Gefahr, dass sich Geschichte und selbst Auschwitz eines Tages wiederholt: «Es kann eben fast jedem zustoßen, Eichmann-Haltungen einzunehmen, auch uns natürlich.»

 

Bei der Uraufführung 1983 am Residenztheater wurde Kipphardts Stück sehr kontrovers aufgenommen. Vor allem ging es in der Diskussion um die Darstellbarkeit der Person Eichmann auf der Bühne. Regisseur Sebastian Baumgarten setzt sich gemeinsam mit dem Videokünstler Philipp Haupt mit dieser Problematik auseinander. Er verzichtet auf jegliche Verkörperung Eichmanns und sucht auf der Basis von Kipphardts Stück mit digitalen Mitteln nach alternativen Darstellungsformen.

Das filmische Projekt «Resi sendet: Bruder Eichmann» findet einmalig mit Live-Musik am 14. Dezember im Marstall statt und ist dann auch in der neuen Resi-Mediathek online abrufbar.

 

© Rowohlt Theater Verlag

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Literaturempfehlungen aus der Dramatugie

 

«Wir Eichmannsöhne: Offener Brief an Klaus Eichmann»

von Günther Anders
(Kartoniert. 3. Auflage, C.H. Beck Verlag 2001)



«Das zweite Leben des Adolf Eichmann»

von Ariel Magnus
(Gebunden. Übersetzung: Silke Kleemann, Deutsch, Kiepenheuer & Witsch 2021)



«Eichmann vor Jerusalem»

von Bettina Stangneth
(Kartoniert. 3. Auflage, Rowohlt TB 2014)



«Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Bd.1 - Deutsches Reich 1933-1937»

von Wolf Gruner
(Leinen. Oldenbourg 2008)


 

 

Künstlerische Leitung

Künstlerische Leitung Sebastian Baumgarten
Video Philipp Haupt
Komposition Stefan Schneider
Dramaturgie Constanze Kargl, Michael Billenkamp