Bruder Eichmann

Premiere
Dez 2021
BRUDER EICHMANN
von Heinar Kipphardt
Premiere Dez 2021

Vor sechzig Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann, Leiter des nationalsozialistischen Referats für «Judenangelegenheiten» und einer der Hauptverantwortlichen des organisierten Genozids. Sechzehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprachen erstmals Überlebende vor einer Weltöffentlichkeit von dem unfassbaren Grauen und der systematischen Vernichtung in den Lagern. Mit dem Eichmann-Prozess wurde auch in der jungen Bundesrepublik die Schuldfrage und deren juristische Aufarbeitung neu diskutiert. Die Frankfurter Auschwitzprozesse und der Majdanek-Prozess in Düsseldorf waren ebenso seine Folge wie die Tatsache, dass die bis dato ausgesparte NS-Zeit nun auch zum Gegenstand des deutschen Schulunterrichts wurde. Eichmann selbst lieferte mit seiner Verteidigungshaltung die Blaupause für viele nach ihm angeklagte Kriegsverbrecher* innen, indem er jede persönliche Verantwortung kategorisch abstritt und sich als bloßes «Rädchen im Getriebe» inszenierte – Hannah Arendt sprach in ihrem berühmten Prozessbericht in Bezug auf Eichmann von der «Banalität des Bösen».

 

Heinar Kipphardt verarbeitete die Verhörprotokolle des israelischen Geheimdiensts mit Eichmann zu seinem Dokumentartheaterstück «Bruder Eichmann», das 1983 am Residenztheater uraufgeführt wurde. Dabei ging es ihm vor allem um die Darstellung jener «Eichmann-Haltung», die den Menschen unter Ausschluss aller moralischen Erwägungen zu einem rein auf Funktionalität ausgerichteten Befehlsempfänger werden lässt. Denn gerade darin lauert für Kipphardt die Gefahr, dass sich Geschichte und selbst Auschwitz eines Tages wiederholt: «Es kann eben fast jedem zustoßen, Eichmann-Haltungen einzunehmen, auch uns natürlich.»

 

Regisseur Sebastian Baumgarten wird sich dem bei der Uraufführung auch wegen der Nichtdarstellbarkeit der Person Eichmann kontrovers diskutierten Text mit den Möglichkeiten und Mitteln des digitalen Theaters annähern. Damit setzt das Residenztheater seine Auseinandersetzung mit Theater im digitalen Raum fort.

 


In Zusammenarbeit mit der BR Kulturbühne

Künstlerische Leitung

Künstlerische Leitung Sebastian Baumgarten
Video Philipp Haupt
Musik Stefan Schneider
Dramaturgie Constanze Kargl, Michael Billenkamp