"Was ist eigentlich Welttheater?"

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Milo Rau, der am Residenztheater "The Dark Ages" inszenierte, wurde mit dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016 geehrt. "Milo Rau erregt mit seinem International Institute of Political Murder Anstoß. Er steht für eine Generation, die mit Kompromisslosigkeit auf die sich immer stärker radikalisierende Wirklichkeit reagiert. Haltung beziehend und Haltung einfordernd verleiht Milo Rau dem Theater und der Gesellschaft Impulse, die den Sprengstoff der globalen Konflikte in unsere Mitte holen," heißt es in der Begründung des Vorstands des Deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts.

Mit dem Preis würdigt das deutsche ITI seit 1985 jährlich Persönlichkeiten, die im deutschsprachigen Theaterraum tätig und deren Leistungen herausragend und von internationaler Ausstrahlung sind.

Die Preisverleihung an Milo Rau fand am 10. April 2016 im Rahmen der Aufführung seines Stückes 'Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs' in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin statt. Hier finden Sie Milo Raus Rede:

"Gestern fragte mich eines der Kinder, mit denen ich gerade in Belgien probe: 'Sag mal, Milo, du kriegst diesen Preis fürs Welttheater, was ist eigentlich Welttheater?' Denn irgendein Algorithmus auf Facebook hatte unser belgisches Cast, das aus 9 bis 13jährigen besteht, zur heutigen Zeremonie eingeladen. Ich dachte kurz an Claudel, Calderon, Peter Brook, Shakespeare, Ariane Mnouchkine – alles Namen, die dem 9jährigen nichts gesagt hätten, was aber auch egal gewesen wäre, da ich in seinen Augen ohnehin ein Greis bin. Und dann dachte ich mir, dass ich ihm eigentlich, um zu erklären, was Theater oder Welttheater für mich ist, eine Geschichte erzählen müsste, die irgendwann in den späten 80ern beginnt, als mir mein Grossvater ein Buch mit chinesischen Märchen in die Hand drückte, die damit weiterging, dass mir mein Vater ein anderes Buch gab, nämlich 'Der junge Lenin' von Trotzki, dass ich ihm eine sehr wirre und lange Geschichte erzählen müsste, die mich und meine Mitstreiter von den 90ern bis heute, 20 verrückte Jahre lang nach Chiapas, nach Kuba, nach Russland, in den Kongo, nach Rumänien, Griechenland, Ruanda, zu Euripides, Fassbinder, Gombrowic, in die Brüsseler Islamistenviertel, zu Brecht, zu Bourdieu, in die Welten von Pasolini, der zapatistischen Rebellen und Den Haager Richter, der ostkongolesischen Minenarbeiter, der russischen Orthodoxen, zu Hunderten von Bauern, Proletariern, Arbeitern, Hipstern, Rebellen, Nazis, Schauspielern, Aktivisten und Verrückten, zu den Arschlöchern und Heiligen von Berlin bis Bukavu, zu Roger Köppel und Wladimir Putin, zu 9- und 90jährigen, zu Generalen, Firmenchefs und Kriegsverbrechern und zu den noch warmen Körpern der von ihnen ermordeten Kindern geführt hat.

Theater, so müsste ich dem Jungen antworten, Theater ist für mich jener universale Ort, der aus all diesen spezifischen Orten, Theater ist für mich dieses unablässige, globale Gespräch, dass aus all diesen zahllosen speziellen Gesprächen, all diesen kurzen oder langen Drehs und Proben, all jenen hunderten und aberhunderten theoretischen, moralischen, produktionstechnischen Debatten besteht, die wir in den letzten zwei Jahrzehnten mit Tausenden und Abertausenden von Menschen in Städten und Dörfern auf der ganzen Welt geführt haben.

Als ich gestern Abend mit meinem Dramaturgen Stefan Bläske mit einem der wenigen Flüge von Brüssel nach Berlin flog, durchquerten wir eine Landschaft des Todes: den nach den Anschlägen völlig menschenleeren Duty-Free-Bereich des Flughafens Brüssel-Zaventem, eine Ansammlung von Läden, hell erleuchtet, in denen zu leiser Musik Zigaretten, Schnäpse, Parfums, Schokoladen angeboten werden, die ätherische und gleichsam ortlose Schatzkammer eines Geisterkönigs, eine Offenbarung von Reichtum ohne jede Transzendenz, eine Massenstrandung in diesem tödlichen globalen Strom der Waren, der keine Menschen und keine Geschichten braucht, sondern nur noch die banale Poesie der Dinge an sich. 'Schau her', hätte ich dem belgischen Kind gesagt, wäre es in diesem Moment an meiner Seite gewesen: 'Dies ist das Gegenteil von Theater.'

Was aber ist Theater? Was könnte eine positive Beschreibung sein? Jean Ziegler hat mich vor drei Wochen, als wir uns zum letzten Mal getroffen haben, auf ein Zitat von Georges Bernanos hingewiesen: 'Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen.' Das beschreibt die Grösse, aber auch die Beschränktheit und letztlich Erbärmlichkeit dessen, was wir tun, wenn in dieser Welt als Künstler Verantwortung übernehmen. In der gestrigen Ausgabe der WELT stand, ich würde in 'unmündiger Militanz' verharren, ja, in Wahrheit sei ich einer jener schändlichen 'Putinversteher', was angesichts der von der Regierung Putin selbst veranlassten Einreiseverweigerung gegen mich beleidigend ist, aber vielleicht nicht ganz unwahr: Wie weiss man schon, was die Folgen von dem sind, was man tut?

Im Kongo wird mir vorgeworfen, meine Aktivitäten in den letzten Jahren seien nichts anderes als Propaganda für den  Präsidentschaftskandidaten der Opposition gewesen und hätten im Endeffekt nur zur Störung des sozialen Friedens geführt. Mein belgisches Kinderstück, das vom Kindermörder Marc Dutroux handeln wird, ist in moralischer und politischer Hinsicht fragwürdig, vermutlich ist es sinnlos, eine langweilige Kunstübung. Und auch die beiden Stücke, die diese Woche hier an der Schaubühne laufen, sind vielleicht nicht mehr als ein sentimentales Zeugnis jener Grenzen, die uns die Geschichte mit erschütternder und reiner Strenge setzt und die wir nur im Traum, in der Revolte, in der Kunst oder im Tod überwinden können: nichts weiter als Beschreibungen tragischen Scheiterns, Landschaften absichtsloser Schuldhaftigkeit.  

Ich gelte allgemein als engagierter Künstler, auch in der Begründung zum ITI-Preis steht das, und natürlich hat mich das gefreut. Was aber bringt engagiertes Theater, wie kann es mehr sein als eine Reproduktion der grässlichen und deprimierenden Wirklichkeit, mehr als kleinbürgerliche Skandalsucht? Was kann das Theater jener toten Auftürmung der Waren entgegensetzen, die ich gestern im Flughafen Brüssel-Zaventem sah? Wie weiss man schon, ob man nicht selbst bloss ein Ödipus ist, jener gutmeinende Idiot, der die Pest in die Stadt trägt, die er doch huldvoll regieren will – wie Ursina Lardi in 'Die Geschichte des Maschinengewehrs' erkennen muss.

Wenn wir unterwegs sind, wenn die Arbeit getan ist und der Zeitpunkt, Abschied zu nehmen, gekommen ist, da fragt man uns oft: 'Wie geht es weiter, wenn ihr wieder weg seid?' Darauf antworten wir jeweils, da es keine andere Antwort gibt: Wir wissen es nicht. Denn Kunst ist keine pragmatische, sie ist eine symbolische Handlung. Was wir vergangenen Sommer im Rahmen des 'Kongo Tribunals' gemacht haben – drei Fälle von Massenverbrechen im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet öffentlich zu verhandeln – war kein Prozess in dem Sinn, dass es eine Straffolge gegeben hätte. Es war zugleich mehr und es war weniger: Es war der lebendige Beweis der Möglichkeit eines solchen Tribunals. Mehrere unserer Experten wurden seither entführt. Und ob die kongolesischen Präsidentschaftswahlen nächsten Herbst überhaupt stattfinden werden, steht in den Sternen – und damit die Antwort auf die Frage, ob der von uns unterstützte Kandidat der Opposition die Politik des Landes wird ändern können. Alles beim alten, jedenfalls vorläufig.

Aber wie mir einmal Andrei Ujica, der grossartige Filmemacher, anlässlich einer Diskussion über die rumänische Revolution sagte: Auch wenn die kommunistischen Apparatschiks heute als Wirtschaftseliten noch immer an der Macht sind – den Menschen, die 1989 die Revolution gemacht haben, sind die Tage des Aufstands wie ein Glutkern in die Seele gelegt. Die Herrlichkeit der Kunst besteht in ihrem Wissen um ihr Scheitern, um die Grenzen der Freiheit, um die Endlichkeit des Lebens und der letztlichen Vergeblichkeit aller Hoffnungen.

Damit gibt sie der Verzweiflung, aber auch dem rebellischen 'trotzdem' Raum: dass man in den Kongo fährt und dort an einem Tribunal arbeitet, auch wenn am Ende nur drei Fälle von 1000 verhandelt werden. Dass man sich aussetzt, bis jeder Knochen im Leib zerschlagen ist, dass man am Ende zurückbleibt, erschöpft und ganz von Wunden bedeckt.

'Die Fenster des Himmels stehen weit offen', heisst es in einem religiösen Lied. Das Theater, so denke ich, kann diese Fenster einen Spalt weit öffnen. Und auch wenn sie gleich wieder zugeschlagen werden: Man hat den Himmel kurz gesehen."

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