Theater-Sachen

Requisitenfundus © Thomas Dashuber
Requisitenfundus © Thomas Dashuber

Über Alfred Kleinheinz' Gesicht huscht ein Lächeln. Er erinnert sich. "Wissen Sie, wie man da rein kommt?". Frau Metz aus dem Herrenfundus hält ein überdimensioniertes Hendl in ihren Armen. Halali! "Klar weiß ich das." Und dann lässt Alfred Kleinheinz die Hosen runter. "Ach nee. So rum. Ja. Genau. So. Sitzt." Lächeln. Das abgehangene Hendl von der Stange wird durch den Schauspieler zum Leben erweckt. Das ist Theater. Alfred Kleinheinz bewegt sich, geht auf und ab. Erinnerungen, wie er es auf der Bühne getragen hat. Anekdoten folgen. Für den Zuschauer ein Gag. Für den Schauspieler körperliche Höchstleistung. Eine Drehung. Ein Knicks. "Schnell wieder raus da." Ich lasse meinen Blick durch die Reihen des Herrenfundus schweifen. Anzüge schwarz. Hosen gelb. Westen grün. Tweed bis Cord, Nadelstreifen bis Karo. Die Kleiderstangen reichen vom Boden bis zur Decke und einmal quer durch den ganzen Raum – wo ich hinblicke: Stoff, Stoff, Stoff. Fernab jeglicher Bühnenästhetik wird das Kostüm zum einfachen Kleidungsstück. So kann es keine Geschichte erzählen, höchstens eine Erinnerung wachrufen. Lebendig sind diese maßangefertigten Wunderwerke – hier aufgereiht in Reih‘ und Gied – nur, wenn sie von einer Person getragen, von einem Gegenüber gesehen und so zum Kommentar werden. 

Dirk Meisterjahn im Fundus © Thomas DashuberDirk Meisterjahn im Fundus © Thomas Dashuber"Wenn’s vom Schnürboden runter hängt, dann ist es ein Bühnenbild. Wenn’s wieder im Regal liegt, ist es ein Plastikteil." Dirk Meisterjahn, Leiter der Requisite und Rüstkammer, steht stolz zwischen den Regalen, in welchen tausend und abertausend Gegenstände und noch viel mehr Platz haben müssen. Das Requisitenlager des Residenztheaters im Marstall ist nicht überfüllt, sondern einfach nur voll mit Sachen: Taschen, Tassen, Töpfe. Flöten, Fernseher, Filzpantoffeln. Schreibtische, Schirme und Schreibmaschinen jeder Größe und Art. Kaffeekannen, Knöpfe, Kreisel. Ein zerbrochener Krug hier, ein grüner Kakadu dort, da die Büchse der Pandora. Und vieles vieles mehr.

"Mit fachlichem Können, viel Liebe zur Sache und jahrzehntelanger Erfahrung hergestellt". Im Regal steht eine Dose Raps-Gewürz der Firma Gewürz-Werke Hamburg, Kulmbach/Bay. Auf einmal wird es laut. Die Werbung auf der Dose schreit  mich an. Ich möchte dieses Ding befreien. Es in dieses wunderbare Leben integrieren. Der Kaffee braucht eine Dose. Der Topf einen Deckel. Der Tisch einen Stuhl. Das Bild einen Rahmen. Die Hose einen Schrank. Ich werde sentimental. Diese Dinge haben doch ihre Pflicht erfüllt: Sie wurden getragen, geworfen, bespielt. Männer  wurden durch dieses Schwert zu Rittern geschlagen, Intrigen mittels dieses Briefes gesponnen, durch diese Flüstertüte zu Revolutionen aufgerufen. Diese Sachen haben es verdient, glückliche letzte Tage zu erleben. Sie müssen aus diesem Regal – durch welches sie zu einem unspezifizierbaren Dasein verdammt werden – befreit und zu bedeutender Substanz werden. Bestimmt die Artikel!

"Wer mit dem Auge auf dem Gegenstand liegt, sieht ihn nicht", hat Heiner Müller gesagt. Darum rufe ich dazu auf, dem wirklichen Wert der Sachen gerecht zu werden. Auf ins Getümmel! Marktgeschrei! Rette das Ding wer kann!