Lauter kleine Paragraphen

"Am Ende will niemand schuld sein." Szene aus David Böschs Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung" © Thomas Dashuber
"Am Ende will niemand schuld sein." Szene aus David Böschs Inszenierung von "Glaube Liebe Hoffnung" © Thomas Dashuber

"Das sind lauter kleine Paragraphen, aber du bleibst hängen. Du weißt eigentlich gar nicht, was los war und schon ist es aus.", erklärt Maria der Protagonistin Elisabeth in "Glaube Liebe Hoffnung" vor dem Wohlfahrtsamt. In ebendiesen Paragraphen wird sich Horváths Elisabeth verheddern, um letztlich an den Ungerechtigkeiten und Unzuständigkeiten dieser Welt zu scheitern.  

Ich schaue auf die Bühne und erkenne sie wieder: die Ohnmacht, wenn man die Kontrolle verliert. Ich spüre den Fäden nach, die Elisabeth aus der Hand gleiten und schaue dem Bach hinterher, den alles runtergeht. Elisabeth bekommt jede Hilfe versagt, die sie einfordert. Dabei ist es schon so verdammt schwierig, überhaupt um diese zu bitten. Wer ist denn da, wer kümmert sich um einen, wenn es hart auf hart kommt?

Ich habe mich mit einer Mitarbeiterin des "KOFRA" im Glockenbachviertel verabredet. Die Initialen stehen für "Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation" und hierher kommen Frauen, die Hilfe suchen, weil ihnen Unrecht geschehen ist oder sie in psychische oder ökonomische Abhängigkeit geraten sind. Ob man sich heute für Elisabeth verantwortlich gefühlt hätte? 

Ich werde von der Mitarbeiterin des Kommunikationszentrums willkommen geheißen. Sie legt Musik auf, die nach Norah Jones klingt und bietet mir einen Platz am runden Beratungstisch an. "Ja, das passiert so heute auch noch." Sie habe Horváths Drama in Vorbereitung auf unser Gespräch gelesen und die Diagnose sei klar: "Atomisierung von Verantwortlichkeiten. Am Ende will niemand schuld sein." So gehe es vielen Frauen, die hier hinkommen. "Das Sicherheitsnetz in diesem Land ist gut und es gibt diverse Anlaufstellen für Menschen, die in Not geraten sind. Aber sobald du neben deinem eigentlichen Problem noch ein zweites Handicap mitbringst, fällst du durchs Raster. Dann passt du in kein Programm rein und wirst herumgereicht." Nach Elisabeths Ableisten der Haftstrafe käme ihr heute eine Unterstützung zuteil, mit der sie eine Wohnung  und eine Arbeit finden könnte. Doch manchmal ist das Leben komplizierter und aus einem Problem werden zwei, die sich miteinander multiplizieren. 

An welche Beratungssituation denkt sie, wenn sie Horváth liest? Die vorbestrafte Elisabeth, die heute zu ihr kommt, könne Schulabbrecherin sein, so wie jährlich 300.000 junge Menschen. "Die Zahlen sind erschreckend hoch, aber ich habe das Gefühl, das wird irgendwie in Kauf genommen. Die rutschen durch." Womöglich sei Elisabeth auch Legasthenikerin. "Das ist ein absolutes Tabuthema in unserer Gesellschaft und es betrifft unvorstellbar viele Menschen. Im Endeffekt geht es um jeden Zwanzigsten." In manchen Fällen brauche sogar meine Gesprächspartnerin zwei oder drei Sitzungen, um herauszufinden, dass ihr Gegenüber nicht lesen und schreiben kann. Die Brille vergessen, Kopfschmerzen oder man wolle es sich zuhause genauer anschauen – das seien jahrelang eintrainierte Mechanismen, die da angewandt werden. Die Vorstrafe oder ein Schulabbruch führt dann zur Arbeitsmarktunfähigkeit, nicht selten geschieht Urkundenfälschung oder Scheckbetrug. Gefühlte Abhängigkeit, Angst oder Stress drängt Menschen in die Ecke und lässt sie Dinge tun, auf die sie sonst nie gekommen wären. 

Abhängigkeit kann genauso von außen geschehen, einem aufgezwungen werden. Ausschließlich in der bayerischen Landesverfassung sei nach wie vor ein Paragraph zu finden, der "verrückte" oder "aufständige" Bürger entmündigen kann. Mein Gegenüber nennt ihn "Querulanten-Paragraph" und findet, das seien Zustände wie bei König Ludwig II, der per Ferndiagnose entmündigt und später tot im Starnberger See gefunden wurde. Einer Dame, die nach medizinischer Behandlung gegen ihre Ärzte vorgehen wollte, wurde vor kurzem mit Entmündigung gedroht. "Da steht es dann auf der Kippe zu der ganz großen Tragödie." Was bleibt von einem, wenn man mundtot gemacht wird?

Während des Nachmittags im "KOFRA" wird mir klar: Wie in "Glaube Liebe Hoffnung" sind es auch heute die kleinen Paragraphen, die einem Individuum das Genick brechen können. Die kleinen Verbrechen, die sich verheerend auf eine Biographie niederschlagen. 

"Ich selbst habe vorher in einem großen Konzern in der Kommunikationsabteilung gearbeitet", erzählt sie. "Da steht man da als junge Frau mit Ideen und Energie und denkt: Das ist schon okay so, auch wenn sich ein anderer als Urheber deiner Arbeit ausgibt." Aber irgendwann habe sie verstanden, dass sie nicht nur der Anerkennung beraubt wurde. Ihr ging auch die Möglichkeit abhanden, diese Ideen und Energie Menschen zu widmen, die sie tatsächlich benötigen. Deswegen ist sie nun hier. Und fühlt sich verantwortlich.