Die Kunst zu leben

Wie lebe ich ein erfülltes Leben? Tschechows "Drei Schwestern" bei den Proben im Residenztheater © Renate Neder
Wie lebe ich ein erfülltes Leben? Tschechows "Drei Schwestern" bei den Proben im Residenztheater © Renate Neder

An unserer Küchenwand hängt ein Kalender, durch den ich hin und wieder blättere. Zum Thema KUNST und LEBENSKUNST haben Menschen mit geistiger Behinderung für einen literarischen Wettbewerb von Wortfinder e.V. Gedichte und Geschichten geschrieben. In diesem Kalender finde ich folgendes Rezept zur Lebenskunst.

So ein Gedanke, was Lebenskünstler haben müssten:
1.     1 prise Leidenschaft das Leben zu lieben.
2.     100g Frohsinn um das Leben in allen Farben zu sehen.
3.     100 g um nicht vom Boden abzuheben und zu fliegen.
4.     1 Liter Kaffee zum Wachbleiben um die wichtigen Dinge nicht zu verpassen
5.     1 Portion Glück
6.     100g Stärke um seinen Platz zu finden und zu behaupten
7.     100g um seine Liebe zu behalten
von: Helene R.

In ihrer Einfachheit sind die Ratschläge bestechend. Im eigenen Leben tun wir uns schwer, solch ein Rezept zu beherzigen. Meist erscheinen uns unsere Probleme komplizierter, als dass ein paar gut gemeinte Ratschläge uns aus unserer Misere reißen könnten. Anton Tschechow ist ein Meister im Beschreiben dieser Konflikte: den subtilen, unausgesprochenen Verstimmungen und den offensichtlichen, oftmals aggressiven Ausbrüchen. Trotzdem verführt er den Zuschauer zum Lächeln und Lachen. In jeder Erfahrung von Leid liegt immer auch ein kleines Stückchen Trost, sei es auch noch so klein.

In seinem Drama "Drei Schwestern" sind genauso die großen Konflikte, wie das kleine Lächeln, zu finden. Als Dramaturgiehospitant von „Drei Schwestern“ erlebe ich täglich den Probenprozess zur Erarbeitung des Stücks. Ich beobachte, wie die Schauspieler und Schauspielerinnen die Gedanken und Gefühle der drei Schwestern Irina, Mascha und Olga sowie der Menschen, die sie umgeben, verkörpern. Ich träume gemeinsam mit Irina vom Arbeiten. Ich lausche den philosophischen Gedanken Tusenbachs und Werschinins. Ich leide mit Soljonyj und Kulygin. Wie Mascha, frage schließlich auch ich selbst nach dem Sinn im Leben. Wozu leben wir? Wie lebe ich ein erfülltes Leben?

Zweihundert Gramm Irina und eine Dose Tusenbach

IRINA, 1. Akt "Der Mensch soll arbeiten, arbeiten bis er umfällt, egal wer er ist, und nur darin besteht der Sinn und das Ziel seines Lebens, sein Glück und seine Hingabe. Am schönsten ist es ein Arbeiter zu sein, der im Morgengrauen aufsteht und auf der Straße Steine klopft oder ein Lokführer... Mein Gott, oder gar kein Mensch, sondern ein Ochse, oder ein Pferd, aber arbeiten!"

Im ersten Akt schwärmt Irina vom Arbeiten. Wie sehr habe ich mich in diese Arbeits-Idylle hineinbegeben, als ich das Abitur in der Tasche hatte. Ich wollte richtig schuften, eine Ausbildung zum Altenpfleger machen. Nach langem Überlegen tat ich, wozu sich Tusenbach zwischen dem zweiten und dritten Akt entscheidet. Ich besorgte mir ein Vorstellungsgespräch. Nur, ich ging nicht hin. Tusenbach wird auch nicht hingehen. Ich, weil ich meinen Träumen nachjagen will. Er, weil er im Duell mit Soljonyj stirbt. Den eigentlichen Tod stirb er allerdings vor seiner Verlobten Irina. Sie heiratet ihn nicht aus Liebe sondern aus einem funktionalistischem Denken heraus. Das ausbleibende Liebesgeständnis bricht Tusenbach das Herz und er stellt sich dem Duell mit Soljonyj.

Nach seinem Tod bleibt Irina, trotz aller Verzweiflung, hoffnungsvoll. Sie will ihr Leben der Arbeit als Lehrerin widmen und einen Dienst an der Gesellschaft tun. Nach solch einem Schicksalsschlag wird ihr es sicher schwerfallen zurück ins Leben zu finden. Dabei hatte sie endlich eine aussichtsreiche Arbeitsstelle gefunden, sie wollte heiraten, Ruhe sollte einkehren ihr Leben. Bisher war die Suche nach einer erfüllenden Arbeit gescheitert - die Arbeit im Telegrafenamt und in der Verwaltung war öde. Dem Gegenüber fordert der Lehrerinnenberuf weitaus mehr Kreativität und intellektuelle Fähigkeiten. Ihre Arbeit als Lehrerin könnte für Irina eine Herausforderung sein, an der sie wachsen kann. Vielleicht kann sie nach getaner Arbeit dann wirklich müde ins Bett fallen, wie Tusenbach sich das so oft erträumt hat. Dann braucht sie auch wieder „1 Liter Kaffee zum Wachbleiben um die wichtigen Dinge nicht zu verpassen“, wie Helene in ihrem Rezept zur Lebenskunst sagt.

Eine Prise Soljonyj

SOLJONYJ, Erster und vierter Akt, "Er machte ach!' und eins, zwei, drei, schlug ihn der Bär auch schon zu Brei."

Manchmal wünsche ich mir so cool zu sein, wie Soljonyj, wenn er mal wieder einer seiner Sprüche loslässt. Für einen Moment ist man groß und stark, nur um im nächsten wieder klein und verletzt zu sein. Wie so viele, wird Soljonyj von seinen Mitmenschen missverstanden. Er ist unfähig sich in einen sozialen Kontext einzufügen und sich "normal" zu verhalten. Er versucht cool zu sein, wirkt aber unbeteiligt und respektlos. Seine Sprüche sind oft unangebracht, abfällig oder sogar offensichtlich aggressiv. Die Folge ist soziale Ausgrenzung, was in ihm wiederum Eigensinnigkeit und Wut erzeugt. Der Konflikt zwischen Soljonyj und seinem Umfeld spitzt sich schließlich dramatisch zu: Tusenbach soll Irina heiraten, was Soljonyj nicht dulden kann. Er ist ebenfalls in Irina verliebt, aber wurde von ihr abgewiesen. Am Tag vor der Hochzeit fordert Soljonyj Tusenbach zum Duell auf - und gewinnt.

Drei Esslöffel Chebutykin

CHEBUTYKIN, Dritter Akt: "Vielleicht bin ich überhaupt kein Mensch und tue nur so, als hätte ich Arme, Beine und einen Kopf; vielleicht existiere ich überhaupt nicht und mir scheint nur so, als ob ich gehe, esse, schlafe."

Jeder Mensch kennt leidvolle Erfahrungen und Trauer, manche mehr und manche weniger. Dennoch erleben wir alle einmal das Gefühl vor den eigenen Problemen flüchten zu wollen, sei es in die Arbeit, den Sport, die Musik, oder sei es in den Alkohol. Chebutykin ist trockener Alkoholiker. Er ist studierter Arzt und inzwischen beim Militär tätig, wo er kaum einen Finger rühren muss. Nach Jahren der Untätigkeit, hat er nach eigener Aussage alles vergessen, was er einst gelernt hatte. So fühlt er sich schuldig für den Tod einer seiner Patientinnen, die er nicht vor dem Tode retten konnte. Wir wissen nicht, ob er wirklich nichts für die Frau tun konnte. Fest steht jedoch, dass der Tod der Frau auf seinem Gewissen lastet. Angesichts dieser Schuldgefühle hat der trockene Alkoholiker Chebutykin einen Rückfall. Er versucht vor dem Erlebten zu flüchten, aber kann sich selbst im Vollsuff nicht vor der Wahrheit verstecken. Im Beisein der drei Schwestern und der Offiziere erzählt er von dem Tod der Frau. Der einzige Trost, der ihm bleibt, ist die Ungewissheit ob er sich denn wirklich schuldig gemacht hat. Vielleicht existieren wir ja gar nicht? Vielleicht ist alles nur ein Traum? Vielleicht bin ich gar nicht schuld?

Ein Pfund Mascha, ein halbes Pfund Werschinin

MASCHA, Dritter Akt: "Was soll ich tun? Erst fand ich ihn merkwürdig, dann tat er mir leid... dann habe ich mich in ihn verliebt... verliebt in seine Stimme, seine Worte, in sein Unglück, seine beiden Mädchen... (...) Ich liebe ihn (...) und er liebt mich auch..."

Jedes Mal, wenn ich mich verliebt fühle, frage ich mich, ob dieses Gefühl „echt“ ist. Liebe ich gerade? Was ist das überhaupt? Was bedeutet es zu lieben? Mascha hat mit achtzehn geheiratet. Damals war sie unglaublich verliebt in ihren Bräutigam Kulygin, einem Lehrer des örtlichen Gymnasiums. Nach wenigen Jahren verflog die Liebe jedoch und wich einer ungewissen Leere in Maschas Leben - eine unglaubliche Liebe ist eben zurecht un-glaub-lich. Ohne Kinder, Ohne Arbeitstätigkeit und mit den Enttäuschungen ihrer Ehe im Nacken, trifft Mascha auf den zugezogenen Oberst Werschinin. Über Jahre nähern sich die beiden an und verlieben sich schließlich. Maschas Liebe zu Werschinin ist reifer, als es die Liebe zu Kulygin war, dennoch steht sie auf wackeligen Füßen. Beide sind verheiratet. Beide leiden an der Welt und sehen für sich keine Zufriedenheit im Leben. Trotzdem, oder gerade deswegen, verlieben sie sich und beginnen eine Affäre miteinander.

Ein Schuss Olga

OLGA, Vierter Akt: "Die Zeit vergeht und wir gehen für immer, man wird uns vergessen, unsere Gesichter vergessen, unsere Stimmen und wie viele wir waren, aber unser Leid wird zur Freude werden für die, die nach uns kommen, es wird Glück und Frieden herrschen und man wird an uns, die wir heute leben, denken... Unser Leben ist noch nicht vorbei."

Wie im echten Leben, läuft bei Tschechows Figuren nicht immer alles nach Plan, die eigenen Träume gehen nicht immer in Erfüllung. Und dennoch: Tschechow bietet zum Ende des Stücks einen hoffnungsvollen Ausblick. Als alles entgleitet, Tusenbach stirbt und Werschinin zieht mit dem gesamte Militär ab, richten die drei Schwestern ihren Blick nach vorne. Sie sind jung. Sie haben noch viel vor sich. Irina wird als Lehrerin arbeiten, Olga ist Direktorin geworden und Mascha muss sich neu orientieren.

Helenes Gedanken haben erstaunlich viel mit dem Leben der Drei Schwestern und der sie umgebenden Figuren zu tun. Wer wünscht sich nicht die Stärke seinen eigenen Platz zu finden und zu behaupten? Wer sehnt sich nicht nach einer Portion Glück, nach Liebe, nach Bescheidenheit? Wer hätte nicht gerne den nötigen Frohsinn, das Leben einfach zu genießen? 

Gebrauchsanleitung zum Lebenskünstler. Viel Zeit wird benötigt. nicht aufgeben.
von: Lisa W.