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Inhaltsangabe

Gleich zu Beginn tritt auf: Friedrich Delitzsch. Der Berliner Archäologe verkörpert den deutschen Anspruch auf die Welt in einer Zeit, in der der Kilimandscharo, damals noch die "Kaiser-Wilhelm-Spitze", der höchste deutsche Berg war, und die sumerische Geschichte nicht nur als Wiege des Christentums, sondern der "arischen" Kultur dienen sollte. Unter den europäischen Nationen, die sich in Kleinasien breitgemacht haben, soll Deutschland endlich auch an prominente Stelle rücken, ein Stück Orient abbekommen. Deutschland, die Weltmacht, ein Imperium, überall, auch in Babylon. 

Ein harter Schnitt – von denen es noch viele weitere geben wird – es treten auf: zwei IS-Kämpfer im Jahr 2015. Sie versuchen, das kulturelle Erbe Syriens, in dem sich deutsche Archäologen im Jahr 1903 – eben noch – selbstgefällig spiegelten, in die Luft zu sprengen. Ikonoklasmus als maximaler Machtanspruch, Zerstörung als größtmögliche Aneignung – wenn Identität nicht Teil des eigenen Selbstverständnisses ist, muss sie dem Erdboden gleich gemacht werden. Im nächsten Augenblick – oder sagen wir lieber, um fast ein ganzes Jahrhundert zeitversetzt – gräbt die erweiterte Runde deutscher Archäologen, Friedrich Delitzsch sowie Robert Koldewey und Walter Andrae, im syrischen Erdboden nach sogenannter "arischer Identität" und verstrickt sich dabei zusehends in einen Disput über die Deutung der gefundenen Artefakte.

Eines dieser Fundstücke, das Fragment einer antiken Tontafel, erzählt den sumerischen Mythos einer Göttin und der Zerstörung ihrer Stadt. Jetzt wird das Rad der Zeit nicht mehr bloß um ein läppisches Jahrhundert zurückgedreht, nein, wir befinden uns im Mesopotamien des Jahres 2004 v. Chr. Es tritt auf: Nin-Gal, Herrscherin der Stadt Ur. Sie verfolgt eine Politik der radikalen Öffnung. Ihre Stadttore empfangen jeden und jede, tags wie nachts, ob Freund oder Feind, ob Verwandter oder Fremder. Aber nicht nur das: Die Göttin verliebt sich in einen der feindlichen Elamiten, nähert sich ihm mit einer poetischen Sprache des weiblichen Begehrens, lässt ihre Schreiber ihm zu Ehren erotische Gedichte in Tontafeln ritzen. Eine Selbstbestimmtheit, die den Ehemann, Nanna, wie auch den Vater, Enlil, rasend machen. Sie drängen sie dazu, das von ihr abgeschaffte und durch Schreiber ersetzte Militär wieder zu installieren, um den Elamiten nicht mit Gedichten, sondern mit Waffengewalt zu begegnen. Beide Männer verraten sie. Der Ehemann spioniert sie aus und der Vater belagert ihre Stadt. Inseiner Ehre gekränkt weist er schließlich Nin-Gals Bitten um die Aufhebung seiner Belagerung von sich. Die Angriffe, die daraufhin auf dieStadt folgen, werden in Bildern beschrieben, die uns an gegenwärtige Kriegsschauplätze erinnern, an Bilder von Giftgasangriffen, Bilder einesunfassbaren Leids einer unschuldiger Zivilbevölkerung; Gräueltaten, deren Urheberschaft von allen Seiten abgestritten wird. Aber dies istnicht die einzige Stelle des Abends, die konkret auf unsere Gegenwart oder sogar auf eine mögliche Zukunft weist. 

Eine Frau stürzt in Manhattan aus einem Hochhausappartement, durch eine Glasfront aus dem 33. Stock: Ana Mendieta, eine bedeutende feministische Künstlerin unserer Zeit. Ihr Ehemann Carl Andre, kanonisierter Künstler, befindet sich zum Zeitpunkt des Sturzes in dem New Yorker Appartement. Er wird im Mordprozess freigesprochen, seine ungebrochene Rezeption durch künstlerische Institutionen löst zwar Kritik aus, bleibt aber konsequenzlos. In den vielen männlich dominierten Kunstaustellungen fragt man sich bis heute vergebenes: Wo ist Ana Mendieta? Wo ist der Platz, der ihr gehört? Auch im Stück fragen zwei Eheleute nach dem Platz, den Ana Mendieta in ihrem Leben einnimmt: wir befinden uns im Mossul des Jahres 2035, Repression und Technologie, diktatorische Herrschaftsformen und freie Märkte sind kein Widerspruch mehr. Die zerstörte Stadt ist wiederaufgebaut. Das Luxusappartement soll durch antike Kunststücke — eine Büste Nin-Gals — und zeitgenössische Fotographie — das Bild Ana Mendietas — Weltgewandtheit vermitteln: beides wird zur Ware, zu Lifestyle-Objekten. Und dennoch ist das, was sich im künstlerischen Ausdruck weiblicher Selbstermächtigung bewahrt hat, ein aufwühlendes Wissen, das nur die Kunst im Moment ihrer Kontemplation als Emotion übermitteln kann. Wie die Fragmente des Klageliedes von Ur, der sumerischen Tontafeln, sind auch diese Kunstwerke Zeugnisse vergangener Utopien, die – wie jede Utopie – als Lichtschweif in die Zukunft weisen, über dem Himmel der Geschichte, an dem der (Welt-)Untergang zyklisch wiederkehrend, dunkel am Horizont droht.

Al Bassam Sulayman 

"UR"-Text

Als Urtext bezeichnet man die Urfassung eines Textes. MEHR ...
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von Sulayman Al Bassam

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