JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN INHALTSANGABE

Martin Sperr schrieb mit seinem Erstlingsstück "Jagdszenen aus Niederbayern" eine "Fabel von der Jagbarkeit der Menschen". Der Text, entstanden zwischen 1962 und 1965 (Sperr war damals kaum 21 Jahre alt), handelt von einer Dorfgemeinschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese richtet sich gegen alle, die sich nicht der Norm anpassen können oder wollen. Die Bäuerin Maria, die mit ihrem Knecht Volker zusammenlebt, nachdem ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkam, wird als Schandfleck angesehen. Ihr Sohn Rovo gilt als Dorftrottel, das Mädchen Tonka ist die Dorfhure. Als Abram, der wegen Homosexualität eine Haftstrafe verbüßt hat, in das Dorf zurückkommt, bietet sich eine neue Zielscheibe. Die Situation verschärft sich noch einmal drastisch, als Tonka behauptet, von Abram geschwängert worden zu sein, und er sie aus Panik ersticht. Wie Martin Sperr oft in Interviews betonte, gibt es trotz der vielen "Gejagten" in diesen Szenen keine "Guten", keine Helden, die den anderen moralisch überlegen sind. Wenn man das Stück liest, wird man immer wieder davon überrascht, wie die Opfer aus der einen Szene sich in der nächsten plötzlich grausam, beleidigend oder gewalttätig anderen, schwächeren Figuren gegenüber verhalten. Wo immer man hineinsticht, sieht man dieselbe Ausweglosigkeit. Es gibt keine schicksalhafte Entwicklung, sondern einen ewig gleichen Zustand. Verletzungen werden zugedeckt, Leid wird verdrängt, Desaster werden verschwiegen. Explosionen führen nicht zur Katharsis, sondern zur erneuten Heuchelei. Für die Inszenierung des Stücks entstand die Idee, die Chronologie der Erzählung zu durchbrechen und jeden Anspruch auf narrative "Entwicklung" zu vermeiden. In seiner Bearbeitung, die auch Elemente aus einer 1966 in der Anthologie "Spectaculum" veröffentlichten frühen Fassung verwendet, verknappt der Regisseur Martin Kušej Martin Sperrs Stück auf vierzehn Szenen, die autonom, jede für sich, das Phänomen der "Jagbarkeit der Menschen" thematisieren und unabhängig funktionieren, eine kleine, eigenständige Geschichte erzählen. Als ob man mit einem Rasiermesser ein Geschwür aufschneidet und, obwohl man nur einen kleinen Ausschnitt der Wunde sieht, spürt, dass der ganze Körper todkrank ist. Die Szenen wurden unabhängig voneinander, ja durcheinander geprobt, bis wir uns für eine übergreifende Erzählstruktur entschieden: Wir lassen die Zeit zurücklaufen, Wochentag für Wochentag. Jeder Tag enthält eine einzige oder zwei Szenen, durch harte Blacks voneinander getrennt. Nach und nach entrollt sich die Geschichte, rückwärts, unentrinnbar. Diese Form verlangte nach einem gewaltsamen Höhepunkt zu Beginn – in Martin Kušejs Bearbeitung wird Abram deshalb nicht von den Dörflern an die Polizei übergeben, sondern im Wald erschossen. Diese Erzählstruktur will nicht so sehr eine Rekonstruktion oder Erklärung der Ereignisse bieten, sondern vielmehr auf die Komplexität und die Widersprüchlichkeiten in der Entwicklung hin zu diesen Ereignissen verweisen. In der Gruppe der Dörfler, die diesen Kosmos bevölkert, herrscht eine ekelhafte Mischung aus gnadenlosem Individualismus und selbstschützender Geschlossenheit. Eine Metzgerin, Tagelöhnerinnen, Knechte, Jungbauern, ein Totengräber, eine Stenotypistin, die in der Stadt arbeitet. Einen Bürgermeister und einen Pfarrer gibt es in Martin Kušejs Fassung nicht mehr – es gibt in dieser Welt weder moralische noch gesellschaftliche Autorität, an die man sich wenden kann. Jeder ist für sich in dieser Welt ohne Halt, ohne Gut oder Böse, ohne Hierarchie, ohne Menschlichkeit. Es ist eine harte, pechschwarze Gesellschaftsanalyse eines damals noch blutjungen Autors, die uns heute noch immer weh tut. 

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Neben den Eröffnungspremieren "Kinder der Sonne" von Maxim Gorki am 23. September 2017 und "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman am 30. September 2017 im Cuvilliéstheater, beginnt die neue Theatersaison im Resi mit großem Schauspielertheater: "Macbeth", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Phädras Nacht" und "Die Troerinnen".

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Jagdszenen aus Niederbayern

Jagdszenen aus Niederbayern

von Martin Sperr

JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN