Die Ratten - Realismus als Illusion

Hautnah am Leben sollte ein Kunstwerk für die Naturalisten sein. In detailgenauen Bildern, Romanen und Theaterstücken zeigten die Künstler schonungslos den Alltag und die Nöte der Land- wie der wachsenden Stadtbevölkerung, die verschärften Arbeitsbedingungen in den Fabriken, Obdachlosigkeit und Armut, aber auch Volksbräuche oder häusliche Szenen. Der Naturalismus als internationale Kunstströmung (1875-1918), die sich von Frankreich bis nach Skandinavien und die USA ausbreitete, wurde 2010 in einer großen Ausstellung im Van Gogh Museum (Amsterdam) und im Ateneum Art Museum, Finnish National Gallery (Helsinki) vorgestellt. Die Ausstellung und der Katalog zeigten auf verblüffende Art und Weise die enge Verbindung der naturalistischen Malerei zur Fotografie sowie den Anfängen des Stummfilms und beschrieben sehr eindringlich die Intensität des künstlerischen Schaffens der naturalistischen Künstler.

„Scheinbar ist nichts einfacher, als Lumpensammler, Bettler oder sonstige Arbeiter zu malen, aber es gibt kein Motiv in der Malerei, das so schwer wäre wie diese alltäglichen Figuren.” Schrieb Vincent van Gogh seinem Bruder Theo, als er 1885 monatelang an seinem ersten großen Gemälde „Die Kartoffelesser“ arbeitete. Van Gogh hatte nicht nur sein Hab und Gut unter den Minenarbeitern verteilt, sondern versuchte die Realität der Arbeiterfamilien zu begreifen. Irgendwann begann er sie auch zu zeichnen und war fasziniert von deren menschlicher Tiefe. Er kaufte sich billige Schwarz-Weiß-Drucke von naturalistischen Malern, weil sie ihn, im Gegensatz zur akademischen Malerei tatsächlich inspirierten. An seinen Bruder Theo schrieb er weiter: „Gern hätte ich dir zu diesem Tag das Bild von den Kartoffelessern geschickt, doch obwohl es gut vorwärtsgeht, ist es doch noch nicht ganz fertig. Obschon ich das eigentliche Bild in verhältnismäßig kurzer Zeit gemalt haben werde, und zwar größtenteils aus dem Kopf, so hat es doch einen ganzen Winter Malen von Studienköpfen und Händen gekostet. (...) Ich habe mich nämlich sehr bemüht, den Betrachter auf den Gedanken zu bringen, dass diese Leutchen, die bei ihrer Lampe Kartoffeln essen, mit denselben Händen, die in die Schüssel langen, auch selber die Erde umgegraben haben; das Bild spricht also von ihrer Hände Arbeit und davon, dass sie ihr Essen ehrlich verdient haben. Ich habe gewollt, dass es an eine ganz andere Lebensweise gemahnt als die unsere, die der Gebildeten.“

Realismus oder Illusion? Diese Frage stellt sich in der Gegenwart umso deutlicher, da die Darstellbarkeit des sozialen Elends in der Bildenden Kunst oder auf der Theaterbühne immer schwieriger geworden ist. Wie schafft man es, die gesellschaftliche Misere, der immer größer werdenden, in der Öffentlichkeit aber kaum wahrnehmbaren, Kluft zwischen den sozialen Schichten auf der Bühne darzustellen, eine Kluft, die doch da ist und laut den neuesten Statistiken immer größer wird?

Egon Friedell erkannte in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ im Deutschen Naturalismus „einen wilder Heißhunger nach Realität“, um gleichzeitig festzustellen „betrachtet man die naturalistischen Dichtungen, zum Beispiel die Theaterstücke, etwas genauer, sozusagen mit dem Mikroskop, so stellt sich heraus, dass sie genauso Kunstwerke, nämlich arrangierte, adaptierte, interpolierte, interpretierte Wirklichkeit waren wie ihre Vorgänger. Sie verpönten den Monolog und das Beiseite sprechen als unnatürlich, aber sie ersetzten diese durch die sorgfältig berechnete Pause und jenen durch die genau ausgearbeitete Pantomime, was ebenfalls gestelltes Theater ist, nur raffinierteres und daher wirksameres. Der Naturalismus war, ähnlich wie die Kultur der Gründerzeit, ein Stil der Stillosigkeit. Schon Maupassant hat vor der ‚photographie banale de la vie‘ gesprochen. Aber Photographien mögen banal sein, naturalistisch sind sie nur für die Zeitgenossen. Den Späteren erscheinen sie wie altertümliche, verschnörkelte, höchst stilvolle Holzschnitte. Dies zeigt sich am stärksten bei dem stärksten Naturalisten der 1890er Jahre, Gerhart Hauptmann. Seine Dramen sind Volkslieder, stark und zart, herb und sentimental, primitiv und unergründlich, erdnah und weltentrückt.“

Die Ratten

Inhaltsangabe

Auf dem Dachboden eines Berliner Mietshauses hat der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter seinen Theaterfundus eingerichtet. Nach jahrelanger Theaterarbeit in der Provinz muss er sich und seine Familie als Kostümverleiher und Schauspiellehrer durchbringen. Die im Mietshaus wohnende Frau Maurerpolier John hat er als Putzkraft engagiert. In der Großstadt gehen die Gespenster des gesellschaftlichen Abstiegs um und entwickeln in Hassenreuters Fundus ihr Eigenleben: Ist das Realität oder Illusion? Theater oder Wirklichkeit?

Die Ratten
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Gerhart Hauptmann

Im Jahr 1885, dem Jahr des Durchbruchs des Naturalismus in Deutschland mit der Publikation von Arno Holz’ „Das Buch der Zeit“ und der ersten Ausgabe von Michael Georg Conrads Münchner Zeitschrift „Die Gesellschaft - realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben“, lebte Gerhart Hauptmann in Berlin Moabit. Nach seinem abgebrochenen Kunststudium in Dresden, studierte er an der Universität Berlin und nahm Schauspielunterricht bei Alexander Heßler.

Gerhart Hauptmann
Die Ratten

Die Ratten

von Gerhart Hauptmann

Die Ratten