Es waren ihrer sechs

«Eine Hommage an den Münchner Widerstand: Die Weiße Rose» frei nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Neumann
ES WAREN IHRER SECHS
«Eine Hommage an den Münchner Widerstand: Die Weiße Rose» frei nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Neumann
in einer Bearbeitung von Tomasz Śpiewak
Uraufführung
Premiere 08. Oktober 2021
Marstall
1 Stunde 30 Minuten
Keine Pause
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

Als 1945 der Roman «Es waren ihrer sechs» des nach Los Angeles emigrierten Autors Alfred Neumann erscheint, löst er in Deutschland eine heftige öffentliche Kontroverse aus. Basierend auf einem Zeitungsartikel aus dem «Time Magazine» über die Flugblattaktionen und die Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose entwickelte Neumann aus dem Leben und Wirken der Widerstandskämpfer*innen ein «freies Spiel der Fantasie», wie er es nannte: «Es geht nicht um die Geschwister Scholl. Es geht nicht einmal um die von mir geschaffenen Geschwister Möller, deren Name und Sprache und Nationalität getrost ausgewechselt werden können. Es geht nur um die Gestaltung einer ewigen Idee.»

 

Der polnische Regisseur Michał Borczuch und der Dramaturg und Autor Tomasz Śpiewak nehmen diese «ewige Idee» vom jugendlichen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftssysteme zum Ausgangspunkt ihrer Bearbeitung des Romans. Es ist der Versuch, sowohl die Gedankenwelt von Neumanns Protagonist*innen als auch das reale Wirken der Weißen Rose zu rekonstruieren. Borczuchs Abend ist eine Versuchsanordnung an der Schnittstelle von Theater und Film, die sich über die Stationen Jugend, Verfassen der ersten Flugblätter, Verhaftung, Gefängnis und Hinrichtung Neumanns Figuren annähert. Darüber hinaus sucht Borczuch, in jeder der Stationen eine Brücke in unsere Gegenwart und zu heutigen jugendlichen Protestformen zu schlagen.

 

Nach dem filmischen Inszenierungseinblick für das Digitalformat «Resi sendet» im Frühjahr 2021 entwickelt Michał Borczuch seine Arbeit für die analoge Premiere im Marstall nochmals weiter. Borczuchs Regiehandschrift zählt zu den markantesten der gegenwärtigen polnischen Theaterszene. In seinen Arbeiten spielt er mit dem Grenzbereich zwischen Authentizität und Fiktion sowie der gegenseitigen Einflussnahme von Leben und Theater. «Es waren ihrer sechs» ist seine erste Arbeit in München.

Erinnerung und Vermächtnis

Die Uraufführung von Alfred Neumanns Roman «Es waren ihrer sechs» führt die programmatische Linie weiter, die mit Judith Herzbergs Stücktrilogie «Die Träume der Abwesenden» zu Beginn der Spielzeit gesetzt wurde: Es geht um Erinnerung und Vermächtnis; darum was Erinnerungskultur bis heute leistet und wie sie künftig aussehen kann. Der bewusste Wille zum Vergessen, der Wunsch nach einem Schlussstrich wird zusehends lauter formuliert und die nur noch wenigen lebenden Zeitzeugen immer weniger gehört.

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Literaturempfehlungen aus der Dramaturgie
 

«Es waren ihrer sechs»
von Alfred Neumann
Mit Materialien zur Rezeptionsgeschichte, benachwortet von Peter Graf
(Gebunden. Verlag das kulturelle Gedächtnis, 2018)
 



«Flamme sein!»
Hans Scholl und die Weiße Rose
von Robert M. Zoske
(Gebunden. C.H. Beck, 2018. 2. Auflage)



«Die Weiße Rose»
Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden
von Miriam Gebhardt
(Kartoniert. Pantheon Verlag, 2018. 2. Auflage)



«Wie schwer ein Menschenleben wiegt»
Sophie Scholl. Eine Biografie
von Maren Gottschalk
(Gebunden. C.H. Beck, 2020. 2. Auflage)



«Alexander Schmorell, Christoph Probst: Gesammelte Briefe.»
Herausgegeben von Christiane Moll
(Gebunden. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, 2011)

Trailer

Zum Autor Alfred Neumann

Alfred Neumann wurde am 15. Oktober 1895 im westpreußischen Lautenburg, dem heutigen Lizbark, geboren. Seine Jugend und Schulzeit verbrachte er in Berlin, Rostock und der französischen Schweiz. 1913 kam er als Student nach München, promovierte und trat als Volontär in den Georg Müller-Verlag ein, bis er unter der Leitung Ephraim Frischs Verlagslektor wurde und auch in der Redaktion von dessen Zeitschrift «Neuer Merkur» mitarbeitete. Daneben war er auch als Übersetzer Französischer Klassiker erfolgreich. Als Hauptwerk seiner «romanistischen Zeit» bezeichnete er selbst die Herausgabe und Übertragung der Werke Alfred de Mussets (1925). Nach dem 1. Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm, war er zwischen 1918-20 Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Es folgten erste Veröffentlichungen in Lyrik und Prosa, die seinen Durchbruch als Schriftsteller bedeuteten. Die Novelle «Der Patriot» (1925) und der historische Roman «Der Teufel» (1926) – ausgezeichnet mit dem Kleist-Preis 1926 – wurden in fast alle Sprachen übersetzt und wie im Falle «Der Patriot» sogar verfilmt. 1930 folgte «Der Held. Roman eines politischen Mordes», worin Neumann die Morde an Walther Rathenau und Kurt Eisner thematisierte. Er zog sich damit den Hass der Nationalsozialisten zu, floh 1931 aus München und 1933 weiter nach Florenz. Weiterhin bedroht von der Gestapo gelang es ihm schließlich 1941 in die Vereinigten Staaten zu entkommen. Bis 1948 lebte Neumann in Kalifornien, schrieb vorrangig Drehbücher für Hollywood, und vollendete dort auch seinen Roman über die Geschichte der Geschwister Scholl «Es waren ihrer sechs» (1945). Neumann wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger und blieb auch im Exil einer der meistübersetzten deutschen Autoren. 1951 kehrte er nach Florenz zurück. Ein Jahr später verstarb Neumann am 3. Oktober 1952 in Lugano.

Künstlerische Leitung

Inszenierung Michał Borczuch
Bühne und Kostüme Dorota Nawrot
Video Wojciech Sobolewski
Musik Bartosz Dziadosz
Licht Jacqueline Sobiszewski
Dramaturgie Tomasz Śpiewak,  Michael Billenkamp

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