ZWEIFEL ALS HOFFNUNG

Dramaturg Ewald Palmetshofer im Gespräch mit Regisseurin Claudia Bossard.

 

«Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade» machte Peter Weiss 1964 schlagartig berühmt. Mittlerweile wird dieses Stück, dessen Titel schon alle Maße und Konventionen sprengt, eher selten gespielt. Was ist für dich das Besondere an diesem Werk?
Weiss’ Stück ist äußerst raffiniert konzipiert und verschachtelt. Darüber hinaus aber ist es eine minutiöse Sprach- und Wortkomposition. Seine Sprache und die Argumente der Figuren wollen gesprochen, gehört, gespielt, gefühlt, erstritten, verhandelt und debattiert werden. Weil nur so kann das, was darüber hinausgeht und Teil unserer Gegenwart ist, in Erscheinung treten und sich sozusagen als Gabe an uns richten. Es ist ein ganzer Denkkosmos, den uns Peter Weiss mit seinem Stück schenkt oder zumindest anbietet.


«Marat/Sade» hat eine besondere Struktur – es ist eine Art Stück im Stück: Nach der Französischen Revolution und der Wiederherstellung der Ordnung durch Napoleon Bonaparte spielt eine Gruppe von Insassen in einer Anstalt für psychisch kranke und/oder politisch unliebsame Menschen den Mord an einem Revolutionär – Jean Paul Marat – nach. Der Autor dieses Stückes ist der berüchtigte Marquis de Sade, er ist selbst in dieser Anstalt eingeschlossen und mischt sich immer wieder ins Spiel ein. Kann man sagen, dass de Sade dieses Stück inszeniert, um mit Marat, der von einem Spieler sozusagen wiederbelebt wird, eine Debatte fortzusetzen?
Es ist faszinierend, dass Weiss dem Hedonisten, Exzentriker und hochgradigen Individualisten de Sade, der viele Jahre in der Bastille eingekerkert war und dort auch sein großes Hauptwerk «Die 120 Tage von Sodom» geschrieben hat und vereinsamt in der Anstalt Charenton verstorben ist, den «Sozialisten» Jean Paul Marat gegenüberstellt. Es ist, als würde sich de Sade in seinen letzten Stunden nochmals selbst hinterfragen wollen: Ist menschliches Handeln letztendlich doch immer bloß ein selbstsüchtiger Akt oder ist es möglich, die Gesellschaft oder ein Gegenüber mitzudenken? In mir geistert seit Wochen ein Proust-Zitat aus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» umher. Es geht darin sinngemäß um den Wunsch, die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen. Das scheint mir so treffend für die innere Sehnsucht und Suche dieses Stücks.


Du hast dich in der Vorbereitung auch mit Peter Weiss’ Notizbüchern beschäftigt und daraus einige Zeilen der Figur der Charlotte Corday gegeben. Was hast du in den Notizen des Autors gefunden und wie blickst du auf Corday?
Die Notizbücher lassen ahnen, mit welchen inneren Stürmen und eben auch mit welcher Zerrissenheit Peter Weiss zeitlebens gerungen hat. Auch geben sie einen Einblick in das, was ihn als bildenden Künstler und politischen Autor angetrieben hat. Was Charlotte Corday betrifft: Ihr spektakulärer Mord an Jean Paul Marat ist ein historisches Faktum. Und genau in diesem Moment, in ihrer Tat, liegt die große Frage des Stücks: Warum töten wir? Für wen und für was? Und wie viele Menschen müssen für gesellschaftliche Veränderung(en) ihr Leben lassen? Mich fasziniert unglaublich, dass Peter Weiss dieses so genau konstruierte Drama mit einer Art Kreisdynamik rund um Charlotte Corday gebaut hat. In dem Moment, als der Mord einsetzt, fungiert der Text selbst fast wie ein Schafott. Er zerteilt etwas, wenn es in der Szenenüberschrift plötzlich heißt: «Der Mord». Corday hält zwar Marat auf, aber es gelingt ihr nicht, dem Terror Einhalt zu gebieten.


«Marat/Sade» wurde 1964 in West-Berlin uraufgeführt. Im Jahr darauf folgten internationale Inszenierungen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs bzw. einer ideologisch gespaltenen, geteilten Welt. Diese polare Weltordnung ist Vergangenheit und trotzdem wirken die politischen Diskussionen im Stück immer wieder erstaunlich aktuell. Warum ist das so?
Die Frage der Verantwortung, die das Stück stellt, ist so zeitlos wie auch die Frage nach Gleichheit und Freiheit für jede*n Bürger*in. Ich denke, dass wir den Bezug zu diesen so hohen Gütern und Idealen fast völlig verloren haben. Wir nehmen sie als viel zu selbstverständlich. Das gilt auch für die Demokratie und das Erbe der Französischen Revolution, die Erklärung der Menschenrechte, also die Überzeugung, dass der Mensch kein Besitz sein darf und dass jede*r davor geschützt werden muss, bloß Mittel für die Interessen anderer zu sein.


Auch wenn Peter Weiss kurze Zeit nach der Uraufführung politisch und in der Interpretation seines Stückes eine eindeutige Position einnimmt und Marat zum eigentlichen Sieger der Debatte erklärt, ist «Marat/Sade» ein Stück des Zweifels. Ist der Zweifel vielleicht gerade in einer politisch polarisierten Welt wie heute eine neu zu entdeckende Kategorie?
Ich denke, dass das Zweifeln auf jeden Fall eine Renaissance erleben müsste. Viel zu häufig wird es als Schwäche ausgelegt, wenn jemand nicht mit «Wahrheit(en)» um sich schlägt. Vielleicht liegt das auch daran, dass Zweifeln eine Distanz zu sich selbst voraussetzt und auch ein gewisses Maß an Empathie und die Fähigkeit, sich selbst radikal in Frage zu stellen, benötigt. All das steht gerade nicht hoch im Kurs. Klar ist, wer zweifelt, sucht, wer zweifelt, ringt und integriert anders. Und vielleicht ist tatsächlich nur im Zweifel wieder so etwas wie Hoffnung möglich, eben weil es ein aktiver, tastender, mit sich selbst ringender Prozess ist.