Einen Ort geben

Nach dem Erfolg von «(Nicht)Mütter!» setzen die Ensemblemitglieder Lisa Stiegler und Barbara Horvath gemeinsam mit Sibylle Canonica ihre Auseinandersetzung mit Mutter-Tochter-Beziehungen fort. In «Ein sanfter Tod» (Originaltitel: «Une mort très douce») schildert Simone de Beauvoir, eine der bedeutendsten Philosophinnen und Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, schonungslos und eindringlich, wie sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester, der Malerin Hélène, die letzten Wochen ihrer schwer krebskranken Mutter in einer Pariser Klinik erlebt. Die wohlmeinenden Worte einer Krankenschwester – «Aber, gnädige Frau, ich versichere Ihnen, es war ein sanfter Tod» – dienten Simone de Beauvoir als euphemistischer Titel für ihre Aufzeichnungen, die diese Zeit dokumentieren. Sie erschienen 1964, nur wenige Monate nach dem Tod der Mutter.
 

FRAGEN AN LISA STIEGLER, BARBARA HORVATH UND SIBYLLE CANONICA ÜBER IHRE GEMEINSAME ARBEIT AN «EIN SANFTER TOD»


Ihr seid begeisterte Leserinnen des Buchs von de Beauvoir gewesen. Wie seid ihr in der Konzeption dieses so speziellen Stoffes für die Bühne vorgegangen?
Lisa Stiegler Uns war relativ früh klar, dass «Ein sanfter Tod» kein Text über den Tod im engeren Sinn ist. Wenn man das Buch aufschlägt und als Erstes die Widmung «Meiner Schwester» liest, öffnet sich ein weiterer Horizont. Wir haben den Text als Auseinandersetzung mit dem Leben nach dem Tod der Mutter gelesen: Wie lebt man weiter, wenn jemand, der das eigene Leben so geprägt hat, nicht mehr da ist?
Barbara Horvath Was mich an dem Buch besonders überrascht hat, ist, dass es nicht dem Bild entspricht, das man von Simone de Beauvoir im Allgemeinen hat. Das Klischee der kühlen und rationalen Denkerin – das findet sich hier einfach nicht. Im Gegenteil: In diesem Text steckt eine enorme Leidenschaft. Denken wird hier zu einer Form von Lebendigkeit. Vorgänge und Gefühle in Worte zu fassen, die eigentlich kaum in Worte zu fassen sind – das ist für mich keine analytische Reflexion über den Tod, sondern Ausdruck von Vitalität.
Sibylle Canonica Ich dachte über Überleben und Weiterleben nach. Überleben wäre eine Katastrophenerfahrung – man entkommt knapp. Weiterleben ist leiser: Man geht auf der Zeitlinie weiter, während jemand anderes nicht mehr da ist.


Der Tod entzieht sich jeder Kontrolle – und doch ist Theater ein Ort, an dem er, nicht nur in diesem Werk, thematisiert wird. Wie hat das eure Arbeit geprägt?
LS Sibylle beschrieb zu Beginn der Proben ein Bild, das uns nicht mehr los-ließ: der Tod als ein Ungeheuer, das man beschwören muss, um es bannen zu können. Bezogen auf unser Projekt beschreibt das ziemlich genau das, was auch wir im Theater tun – einen Umgang mit einem Gegenstand suchen, der so groß, so übermächtig ist, dass es eigentlich unmöglich ist, ihn «auf die Bühne zu bringen» – und doch wagen wir es.
BH Unsere Arbeit auf der Bühne entsteht und verschwindet wieder – und trotzdem können wir sie wiederholen. Auf der Bühne können wir als Figuren sterben und wieder auferstehen. Auf dem Theater gelingt es uns, die Einmaligkeit des Lebens (zumindest kurz) außer Kraft zu setzen. Im Leben ist der Tod etwas Definitives, Unumkehrbares – die Arbeit an «Ein sanfter Tod» ist das Experiment eines Brückenschlags zwischen diesen beiden Welten.
LS Nicht zuletzt ist diese Arbeit auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, die man ja gerne auf später verschiebt. Unser Projekt ist auch ein Versuch, dieser kollektiven Angst zu begegnen, ihr auf der Probe und auf der Bühne Raum zu geben.


Ist es nicht auch ein Text über Töchter und Schwestern?
BH Mich bewegt die Erkenntnis, das offene Eingeständnis von Simone de Beauvoir: Ich war ungerecht. Ich habe mir Dinge zuschulden kommen lassen. Ich habe nicht alles getan, was ich hätte tun können. Sie sagt das ganz im Wissen darüber, dass man das eigentlich nie kann. Vielleicht wollte sie in ihrem Schreiben, in dem schonungslosen Bericht über das Sterben der Mutter versuchen, sich selbst zu «heilen». Nicht im Sinne von: Jetzt ist es abgeschlossen. Sondern eher: Ich halte es fest. Und zugleich setzt sie ihrer Mutter, der in ihrem Leben kaum Aufmerksamkeit zuteil wurde, auf eine leise Weise ein Denkmal. Und wofür ich sie und ihr Buch genauso bewundere, ist, dass es nicht nur um die Mutter, sondern genauso um die Tochter und um die Schwester geht.
SC Und trotzdem bleibt offen, was dieses Schreiben bewirkt. Man möchte die Autorin fragen: Wie ging es Ihnen danach? Waren Sie froh, dass Sie das zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten haben? Der Text fängt etwas ein, aber er schließt nichts ab.