Jeder für sich allein

Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag
Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag

Wir haben keine Vorstellung vom GULag. Das über vier Jahrzehnte bestehende sowjetische Arbeitslagersystem zur Verbannung von politischen Gefangenen und Kriminellen, ist uns kaum ein Begriff. Vermeintliche "Volksfeinde" zur Zwangsarbeit in Arbeitslager zu verbannen, war industriellen Zielen und einer Ideologie geschuldet, die den Anschluss an die westliche Zivilisation zu glauben vermochte. Opfer wurden Millionen Russen, Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs und Minderheiten. Die Willkür und das Ersticken von "antirevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit" prägten das stalinistische Regime, welches scheiterte, aber eine ganze Nation zeichnete.

Als Kind russischer Musiker wurde ich in Deutschland geboren, wuchs bilingual auf, die russische Kultur ist Teil meiner Identität. Der GULag war nie ein offen angesprochenes Thema. Seit der Perestroika werden erstmals Quellen veröffentlicht und die Vergangenheit öffentlich aufgearbeitet. Schleppend und unter politischen Schwierigkeiten, was Einzelschicksale der Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Memorial belegen. Geblieben sind die monumentalen Bauten des Stalin-Regimes in der ehemaligen UdSSR. In der Heimat meiner Eltern, Sankt Petersburg, zeugt der riesige stalinistische Bau des Geheimdienstes, nicht unweit des berühmten Newski-Prospekts, von den Gräueltaten unter Stalin.

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Zeuge der grauenhaften Zustände des GULags wurde Warlam Schalamow. Mit 22 Jahren wurde der Student des sowjetischen Rechts bei der Vervielfältigung von Lenins Testament, der Rede gegen Stalin, erstmalig verhaftet. Die weiteren Verhaftungen Schalamows waren von Willkür geprägt – sein Schicksal wurde durch Denunziationen und perfide Vorwürfe besiegelt. Schalamow verbrachte fast achtzehn Jahre in Arbeitslagern des sowjetischen Regimes. Als Glücksfall bezeichnete er sein Überleben unter Schwerstarbeit, Hunger und Kälte. Nach seiner Entlassung verfasste er die "Erzählungen aus Kolyma", sein Lebenswerk.

Die Erzählungen sind erschütternde Zeugnisse einer rabiaten Welt – Aufzeigen der menschlichen Abgründe, gar des menschlichen Wesens. Was macht den Menschen menschlich? Die Erzählungen erschüttern uns mit dieser existenziellen Frage. Mir floss ein Schauder des Grauens über den Rücken, als ich die Texte das erste Mal las. Die Inszenierung durch Timofej Kuljabin zieht mich nicht nur mitten in das Geschehen auf der Bühne, sondern berührt mich im hier und jetzt, auf meinem Platz im Cuvilliéstheater, in Deutschland. Der GULag ist kein abgeschlossenes historisches Ereignis, sondern Auswuchs der menschlichen Abgründe. Und die Frage, was dem Menschen bleibt, wenn alles verloren scheint, ist ganz klar: Nicht die romantische Träumerei der Hoffnung, sondern der nackte Kampf um das Überleben. Mit allen Mitteln und über alles Menschliche hinweg. Im GULag existierte keine Gerechtigkeit. Der Stärkere gewann.

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