BEING FREDDIE MERCURY
Eine Spurensuche um ein Mysterium: Dramaturgin Katrin Michaels über «Mercury».
München erinnert sich gern an Freddie Mercury. In vielen Kneipen hängt sein Bild, im ansonsten betont dunklen Ochsengarten sogar mit Spot. Zitate zieren Speisekarten, in der Deutschen Eiche kann man noch heute sein Lieblingsgericht essen. Und das, obwohl ihm an München wohl besonders gefiel, dass er hier nicht groß Aufsehen erregte und weitgehend von Paparazzi und aufdringlichen Fans verschont blieb. Freddie Mercury hielt sein Privatleben privat, gab selten Interviews und zog sich die letzten Jahre seines Lebens fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück – was sicher nicht unwesentlich zur Legendenbildung beigetragen hat. In zahlreichen Dokumentationen und Biografien ist sein Leben erforscht und gedeutet worden – doch selbst seine engsten Vertrauten widersprechen einander vehement in ihren Aussagen.
Das Theaterstück »Mercury« begibt sich nicht nur auf die Suche nach Freddie Mercury, sondern auch nach dem München, in dem er sich zwischen 1978 und 1985 bewegt hat. Dass er hier neben den Aufnahmen in den Musicland Studios vor allem die Treffpunkte der schwulen Szene aufsuchte, ist ein offenes Geheimnis. Er selbst machte daraus keinen Hehl, trug T-Shirts von Sexclubs bei öffentlichen Auftritten und setzte dieser Halbwelt mit dem Video zu »Living on my own«, das auf der Party zu seinem 39. Geburtstag im damaligen Old Mrs. Henderson in der Müllerstraße gedreht wurde, ein Denkmal.
Dass er auf Fragen nach seiner sexuellen Orientierung nur sphinxhaft antwortete, ist dabei durchaus nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern führt mitten in die frühen 80er-Jahre. Kaum jemand, der in der Öffentlichkeit stand, war offen schwul. Es gab damals so gut wie keine schwulen Anwälte, Schauspieler, Politiker oder Lehrer. Selbst der Begriff »sich outen« wird in Deutschland erst seit den frühen 90er-Jahren verwendet. Die Szene um den Münchner Gärtnerplatz mit Bars, Clubs und Geschäften war damals europaweit eine Ausnahmeerscheinung, die vor allem den Eingeweihten bekannt war und weitgehend unter sich blieb.
Für Schlagzeilen sorgten in diesen Jahren keine Enthüllungen über schwule Stars, sondern eine tödliche Krankheit. Die Verbreitung von AIDS brachte die Szene in den öffentlichen Fokus, führte zu zusätzlichem Stigma und Diskriminierung. Und es ist wohl kein Zufall, dass Freddie Mercury aus München verschwand, als die Epidemie hier voll einschlug.
Auch die Geschichte seiner eigenen Erkrankung ist Teil der Spekulationen über sein Leben und ein Thema, das er bis zum Ende seines Lebens 1991 geheim hielt. Erst am Tag vor seinem Tod gab er in einer Pressemitteilung bekannt, dass er an AIDS erkrankt war. Matt Richards und Mark Langthorne, die dieses Thema zu Schwerpunkt ihrer Mercury-Biografie »Somebody to love« machen, rekonstruieren aus Symptomen in Fernsehaufnahmen, dass er sich möglicherweise bereits 1982 infiziert hatte. Seine engste Vertraute Mary Austin sagte nach seinem Tod, dass er seit sieben Jahren von der Infektion gewusst habe – was sich mit der Verfügbarkeit erster HIV-Tests 1984 deckt.
Der polnische Regisseur Michał Borczuch versucht nicht, Wahrheiten, die Freddie Mercury mit ins Grab nehmen wollte, ans Licht zu bringen, sondern nähert sich seinem Geheimnis von mehreren Seiten und mit verschiedenen theatralen Ansätzen. Der erste Teil des Stücks spürt anhand von Interviews mit Zeitzeug*innen, die seinen Weg flüchtig kreuzten, dem Lebensgefühl der Münchner Szene nach, und gibt dem Zwielicht der vielstimmigen mündlichen Überlieferung eine Gestalt auf der Bühne. Im zweiten Teil kommt Freddie Mercury selbst zu Wort. Anhand seiner Aussagen in Print, Radio und Fernsehen zwischen 1984 und 1986 lassen wir Revue passieren, was er selbst zur gleichen Zeit öffentlich über sein Leben erzählte.
Der unaufgelöste Widerspruch könnte das Grundmotiv von Freddie Mercurys Leben sein, der am 5. September 2026 80 Jahre alt geworden wäre. In »Mercury« wird er zum Beispiel: zum Beispiel für Menschen, die damals ein ähnliches Leben wie er führten; zum Beispiel für uns heute, das uns vor Augen führt, wie viel sich verändert und welche Mechanismen die gleichen geblieben sind; und vielleicht auch für das, als was er sich selbst sehen wollte – einen ganz normalen Menschen.
Katrin Michaels