Was ist es, das in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?

Die Dramaturgin Katrin Michaels über Yasmina Rezas «Die Rückseite des Lebens»

 

In «Die Rückseite des Lebens» beschreibt Yasmina Reza Gerichtsprozesse – reale Prozesse der vergangenen Jahre. Fast alle Prozesse erregten in Frankreich große mediale Aufmerksamkeit, mit ein paar Klicks sehen wir Gesichter zu den Namenkürzeln und erfahren alle Fakten, alle Auf und Abs, die die Verfahren nahmen. 

Doch Yasmina Rezas Miniaturen zielen nicht auf Vollständigkeit. Sie ist eine subjektive Beobachterin, die sich in erster Linie auf ihre eigene Wahrnehmung im Gerichtssaal konzentriert und sich permanent selbst hinterfragt. Selten geben ihre Erzählungen das letztendliche Urteil preis, sie verfolgt vielmehr ihre eigenen Wege der Parteinahme, die oft gar nicht so eindeutig sind, wie ein Schuldspruch es verlangen würde. Immer wieder stellt sie Fragen in den Mittelpunkt, die über die der Gerichtsbarkeit hinausgehen. Und sie macht die Leerstellen in der Beweisaufnahme deutlich, die vielen Dinge, die wir nie erfahren werden.

Als deutsches Publikum haben vermutlich viele von uns den Vorteil, nur zu dem ehemaligen Präsidenten Nicholas Sarkozy bereits ein Bild im Kopf zu haben – und zu den Prozessen, in denen er seit Veröffentlichung des Erzählbands vor Gericht und in den Schlagzeilen stand. Und so haben wir hier die Möglichkeit, uns ganz unvoreingenommen die von Reza porträtierten Personen vorzustellen, die – zum Teil mutmaßlich – gemordet, vergewaltigt, betrogen haben. Wie würden wir entscheiden?, fragt uns Reza. Und welches Bild unserer Welt ergibt sich aus der Aneinanderreihung der Fälle, die uns oft ein ganz anderes Gesicht, ganz andere Abgründe von Menschen zeigen, als jene, die wir im Alltag zu kennen glauben?

«Die Rückseite des Lebens» ist kein Theaterstück. Auf der Bühne entsteht dennoch etwas, das über die Lektüre der Erzählungen hinausgeht: Yasmina Rezas Erzählstimme spaltet sich in mehrere Perspektiven auf. Die O-Töne aus den Verfahren, die widersprüchlichen Aspekte, die sich oft unaufgelöst gegenüberstehen, und Rezas Reflexionen, werden zum Dialog und laden uns – wie die Autorin im Selbstversuch – zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Wahrnehmung und unserem Gerechtigkeitssinn ein. Aus einzelnen Puzzleteilen – kleinen Beschreibungen, Miniaturen –, kristallisiert sich ein Bild unserer Welt, unseres Lebens.


Katrin Michaels